Und es war nicht die Predigt allein, die uns den Sonntagmorgen so lieb machte. Die Liturgie kam hinzu. Schon in den ersten Jahren hatte Vater die Liturgie mit Rücksicht auf die Kranken in besonderer Weise lebendig gemacht. Auch hier war die ganze Gemeinde beteiligt in Buße, Anbetung und Dank. Alle dankten, beteten, lobten laut, bald im Chor sprechend, bald in wechselndem, bald in gemeinsamem Gesang. Vater las die Liturgie nicht, sondern, obwohl er sich streng an die für die ganze Kirche vorgeschriebenen Worte und Gebete hielt, erlebte er sie, während er sie las. Und so durchlebten wir sie mit. Er war wirklich unser Anführer in Beugung, Bitte und Lobpreis Gottes, sodaß trotz der regelmäßigen Wiederkehr die Liturgie uns keine leere Form wurde, sondern sich mit ewigem Gehalt füllte.

Große Sorgsamkeit hatte Vater auf die Ausgestaltung des Gesangbuches gelegt. Dem Minden-Ravensberger Gesangbuch hatte er einen eigenen Anhang beigefügt, der außer einer großen Zahl wertvoller Lieder die ganze Liturgie enthielt, sodaß jeder Kranke und Gesunde, der neu in die Gemeinde trat, von vornherein am Gottesdienst handelnd teilnehmen konnte. Dazu kamen die alten kirchlichen Responsorien und die Psalmen, die teils in den Hauptgottesdiensten, teils in den Abend- und Wochenfeiern zwischen Männern und Frauen abwechselnd gesungen wurden. Die Lieder ließ Vater am liebsten ganz durchsingen und zwar so, daß ein vierstimmiger Chor mithalf. Dann sang der Chor die erste Strophe, die Gemeinde die zweite, der Chor die dritte u. s. f. Oft griffen auch die Posaunen mit ein, namentlich wenn es galt, einer neuen noch unbekannten Melodie Eingang zu verschaffen. „Denn auf dem ehernen Geleise der Posaunen ziehen die neuen Melodien am sichersten in die Ohren und in die Gemeinde ein.” Und wer wird je den Silberton des einen Hornes vergessen, das bis heute von den Lippen und aus dem Herzen unseres Posaunengenerals Kuhlo sich in die Stimmen der Menschen, der Orgel und der Posaunen mischt, jubelnd bis zu den höchsten Tönen sich schwingend und dann wieder, wenn alle andern Stimmen verstummt sind, in heiliger Tiefe die verborgensten Saiten des Herzens rührend und so die ganze Gemeinde auf den Flügeln des Liedes vor Gottes Thron tragend!

Unvergeßlich werden uns auch andere Gestalten bleiben, die bei diesen Gottesdiensten mitwirkten.

Vater Scheele hatte den Küsterdienst. Ein wildes Leben lag hinter ihm. Erst im Alter war er zur Besinnung und gründlichen Umkehr gekommen. Nun stand er Sonntag für Sonntag, sein Samtkäppchen auf dem Kopf, am Haupteingang, um die Kirchgänger zu empfangen, den Glanz Gottes auf seinem Angesicht. Ein stiller Mann, ohne viel Worte, aber für meine Erinnerung von unbeschreiblicher Freundlichkeit gegen jedermann. Wir haben ihm sehr nachgetrauert. Am Eingang in den Friedhof, gleich zur rechten Hand, ist sein Grab zu finden mit dem Spruch darauf: „Ich will lieber der Tür hüten in meines Gottes Hause denn wohnen in der Gottlosen Hütten.”

Der Glockenläuter Waltemath! Er zog die Glocke während des Vaterunsers am Schluß des Gottesdienstes und zog sie die Woche über dreimal täglich als Betglocke. Er war Hausknecht nebenan in Hermon. Bei einem Brande hatte er einen Kranken, der in der Verwirrung nicht wußte, wohin fliehen, gefaßt und den fast zwei Zentner schweren ungelenken Mann die 40 Treppenstufen hinunter und ins Freie getragen. Seitdem hatte er einen Herzfehler, der ihn unzählige Stunden Schlaf kostete, ihn oft mühsam um Atem kämpfen ließ, aber den Frieden Gottes ihm nicht nehmen konnte. Wie Simeon hat er in diesem Frieden seinen Kampf vollendet.

Der Organist Eppelsheim! Bis zur Prima hatte er es in seiner pfälzischen Heimat gebracht. Dann hatte die Epilepsie seinen irdischen Hoffnungen ein Ziel gesetzt, aber nur um sein Leben in unvergängliche Harmonien zu tauchen. Mehr als zwei Jahrzehnte hat er uns davon auf der Orgel Zeugnis abgelegt. Es störte uns nie, wenn manchmal die Töne durch einen Anfall Eppelsheims jäh abgerissen wurden. Und auch auf ihn paßten die Verse, die „Martin”, der bekannte Domprediger Lange in Halberstadt, in seinem schönen Liede auf den „Mönch und seine Freundin” sang:

Liederleben, Geisterleben
Bebte hin durch seine Adern,
Feuer strahlten seine Augen,
Tiefe, heil’ge Herzensglut.

Jesuslieder waren’s alle,
Siegsgewaltig, liebesfeurig,
Brautgesänge, Hochzeitsweisen,
Gottesstreiter Schlachtgesang.