Ei, wie brausten die Register,
Jauchzten hell die scharfen Zimbeln,
Donnerten die tiefen Bässe:
Ein’ feste Burg ist unser Gott!

Der Kassierer Lahusen! Während Vater Scheele am Hauptausgang die Kollektenbüchse aufhielt — es wurde bei jedem Gottesdienst eine Sammlung gehalten —, stand er bescheiden Sonntag für Sonntag mit seiner Büchse an einer Seitentür, um dann am Schluß die gesamte Kollekte zu zählen. In Südamerika, wo seine alte bremische Familie Besitzungen hatte, war ihm ein Blatt in die Hände gefallen, das über Bethel berichtete und um helfende Menschen bat. Eines Tages stand er in Vaters Stube und fragte: „Können Sie mich brauchen?” So trat er erst als Gehilfe des Kassierers Mellin, dann als sein Nachfolger in die Arbeit ein. Ein Jüngling im Silberhaar. Immer im Trab — wohl an die siebzig Mal stürzte er während der Jahre seines Aufenthaltes im Laufe und renkte sich dabei jedesmal seinen Arm aus. Immer hilfsbereit, die langen Rocktaschen voll Johannisbrot für die Kinder am Wege, ein verborgener Freund geängsteter Seelen, voll Lebenskraft und Lebenslust bis zum achtzigsten Jahr. Nun ruht auch er in derselben Reihe mit Vater Scheele und dem alten Mellin.

Und schließlich Schwester Lydia! Sie war wie eine Priesterin des Alten Testaments, die aber durchgedrungen ist in das Allerheiligste des neuen Bundes. Sie holte die Liedernummern und schrieb das Abkündigungsbuch. Sie hatte die Tücher auf den Altar zu legen und ihn zu schmücken. Sie besorgte das Taufwasser, führte Täufling und Paten an den Taufstein und leitete die Abendmahlsgäste mit stillem Wink an ihre Plätze. Und das alles tat sie mit einer Würde, Demut und Anmut, daß ihr Anblick tiefste Erbauung war. In ihrer Seele war eine glühende Treue gegen das irdische Vaterland und sein Königshaus vereint mit anbetender Hingabe an das Königreich Gottes. Mit engem Gewissen und weitem Herzen, in der Tiefe der Sünderschaft wurzelnd und in die Höhe der Gnade mit Gedanken, Empfindung und Willen emporsteigend, so ist sie der ganzen Gemeinde eine Purpurkrämerin Lydia gewesen (Apostelgesch. 16, 13–15), die unter uns mit den besten Stoffen handelte, die die Welt kennt.

Nach dem Gottesdienst ging Vater zu den Kranken. Hatte er nicht zu predigen, so brachte er am liebsten den ganzen Sonntagvormittag in den Krankensälen und bei den Kranken zu. Nur in besonderen Fällen hielt er sich lange am einzelnen Krankenbett auf. Meist machte er es ganz kurz. Seine Seelsorge bestand nicht im Eindringen in die Gänge und Irrgänge der einzelnen Seele. Dazu hätte es der Gabe der Menschenkenntnis bedurft, und die besaß er im eigentlichen Sinne nicht. Es kam die Natur des Westfalen hinzu, die zurückhaltend, fast schüchtern ist dem andern gegenüber, voll angeborener Achtung vor der Eigenart des Mitmenschen und darum voll Verständnis, wenn auch der andere Zurückhaltung übt.

Seelengeheimnisse sind ihm darum selten offenbart worden. Nicht weil man ihm in tiefster Not nicht vertraut hätte. Aber die Last wurde klein, sobald er ins Zimmer kam. Man schämte sich in seiner Nähe der kleinlichen Sorgen. Das kurze Wort, das er sagte, hob empor in eine Welt, in der Schwachheit und Verdruß liegen unter unserm Fuß. Man war wie mit einem Ruck über die Wolken gehoben in den Sonnenschein des Glaubens hinein, der Gott alles anheimstellt. In diesem Licht konnte man nicht klagen. Aber dieses Licht fiel nun zugleich in die tiefen Täler der Seele. „Und hinter uns, im wesenlosen Scheine lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.” Wesenlos wurde es im Lichte der Liebe. Aber es lag doch zugleich da, tief unten in den Tälern der Seele, das Gemüt immer wieder zum Bösen weckend, immer uns anklebend und träge machend. Aber Vater brauchte nicht darauf zu stoßen, der einzelne sah es selbst.

So führte diese Art des Vaters, ohne daß er sich dessen bewußt war, zu beidem: zur sorglosen Kindschaft in die Höhe und zur klar erkannten Sünderschaft in die Tiefe. Und in dieser Doppelheit lag die große Wohltat seiner Seelsorge. Man sah die Schuld in der Tiefe, beugte sich unter sie und gab das Widerstreben auf gegen Gottes Hand, die sich im Leiden aufgelegt hatte, und war doch nicht an die Schuld gefesselt, sondern in das Licht der befreienden, vergebenden Gottesnähe gerückt. Das war aber nur darum möglich, weil Vater selbst immer in dieser Doppelheit lebte, in der Sünderschaft, sobald er auf sich sah, in der Kindschaft, sobald er nach oben sah.

Das strahlte von ihm aus, wo er ging und stand. Und darum war er Seelsorger, wo man ihm begegnete. Oft in noch viel höherem Maße in seinen ganz gelegentlichen Bemerkungen, als wenn er zu besonderem Zuspruch an ein Krankenbett trat. Im Saal des Mutterhauses stand ein großer Globus, der zu Unterrichtszwecken geschenkt worden war. Vater studierte ihn gern. Aber einmal faßte er ein Kind, das gerade neben ihm stand, setzte es auf den Globus und rief: „Solch ein einziges Kind ist mehr wert als die ganzen Weltteile.”

An seinem Geburtstag pflegten wir Kinder morgens auf ihn zu warten, wenn er aus seinem Schlafzimmer kam. Einmal war unsere Schwester die erste, die ihm um den Hals fiel, um ihm zu gratulieren. „Meine geliebte Tochter,” sagte er, „vergib mir alles, was ich an dir versäumt habe!” Solch ein Wort erquickte unbeschreiblich. So wurde er ganz klein und ganz groß zugleich und lebte uns vor, daß nur, wer sich selbst erniedrigt, erhöht werden kann.