Aber diese ganze Zartheit und Innerlichkeit machte ihn nicht weichlich; namentlich nicht mit körperlichen Zuständen. Ich kam einmal als Primaner abgespannt und mutlos von Gütersloh nach Hause. Der Körper wollte dem Geist nur noch mühsam gehorchen. „Junge,” sagte er nur zum Abschied, „nun kümmere dich nicht zu viel um deinen armen Kadaver” — fertig. So warf er mich mit einem Ruck aus der Welt der Sorge hinaus. Man sah sich in der tiefsten Tiefe verstanden, aber nicht darin festgehalten, sondern rasch emporgehoben.

Verstimmungen überwand er nicht durch Worte, sondern dadurch, daß er uns Arbeit gab. Vergeblich hatte ich einmal gegen mich selbst gekämpft, war der Mutter und den Geschwistern stundenlang mit elendem Nörgeln zur Plage geworden; schließlich hatte Mutter es Vater geklagt. Vater rief mich auf sein Zimmer. Was wird es geben? Kein Wort des Tadels, sondern statt dessen eine Bitte, ihm zu helfen: „Mein lieber Junge, ich habe hier einen Brief, den muß ich einmal ganz sorgsam abgeschrieben haben.” Nichts weiter. Als die Arbeit fertig war, war auch der Sieg errungen! Wie hat er auf solche und ähnliche Weise wieder und immer wieder Kranken und Gesunden, namentlich den Epileptischen in ihren schweren Verstimmungsstunden die Arbeit zur stets wirksamen Arznei gemacht.

Und dann ermunterte er uns durch Lob. Auch über die schwächste Leistung konnte er sich aus tiefster Seele freuen und schüttete seine Freude und seine Anerkennung wie einen erquickenden Strom über uns aus. „Schelten”, sagte er, „richtet Zorn an, aber Ermunterung macht fröhliche Leute.” Und weil dies Lob aus einem Herzen kam, das nicht ehrsüchtig war, sondern demütig blieb, darum machte es nicht hochmütig, aber mutig, nicht aufgeblasen, aber tatenfroh, nicht leichtsinnig, aber sorgenfrei. Und gerade im Lichte solch befreiten Geistes sahen wir wieder desto klarer hinunter in die Schatten des eigenen Herzens, sodaß Mut und Demut immer wieder vereinigt wurden.

Er hat nicht auf unseren Seelen gekniet, hat nichts in uns hineingepreßt, sondern hat uns mit befreiender Liebe in das Verständnis und in die Gemeinschaft seines Herrn geführt, den einzelnen und immer wieder die ganze Gemeinde. Das kam am ergreifendsten zum Ausdruck bei den gemeinsamen Abendmahlsfeiern. Es war die einzige Gelegenheit, wo er vorher — von besonderen Fällen abgesehen — uns alle, Mutter und Geschwister, auf seinem Zimmer vereinigte und kniend mit uns betete. Nach dem Gebet gab er jedem von uns einen Kuß. Bei der Feier selbst waren dann wieder alle vereinigt, Kranke und Gesunde. Als der Allerschwächste, Kleinste, Ärmste, Sündigste stand er, wenn er die Beichtrede hielt, mit uns vor seinem Herrn. Und eben darum zugleich als der, der es erfährt: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark; wenn ich unterliege, so hilfst du mir.” Gerade deshalb bedeuteten diese Stunden gemeinsamer Beugung auch Stunden gemeinsamer Erhebung voll Leben und Seligkeit, von denen eine Macht ausging in die Gemeinde.

Wir haben ihn sehr geliebt. Das konnte ja nicht anders sein. Die Feder des Sohnes ist nicht imstande, die unbeschreibliche Art seines Wesens wiederzugeben. Nichts Frömmelndes, nichts Weichliches lag in seiner Erscheinung, sondern urwüchsige männliche Kraft, mit harmloser Kindlichkeit vereinigt. Sein dunkles Auge, weich wie Samt, mit unbeschreiblicher Tiefe, ganz in der Gegenwart lebend und dann wieder über alle Welt hinausblickend.

Aber so sehr wir ihn liebten, es wurde keine Menschenvergötterung daraus. Wo er spürte, daß jemand für ihn schwärmte, da zog er sich zurück. Es kam ja allmählich ganz von selbst so, daß er als Vater der Gemeinde alle „Du” nannte. Aber da, wo er merkte, daß jemand sich an ihn hängte, sagte er aus unmittelbarem Gefühl heraus „Sie” und nicht „Du”. „Hängt euch an keinen Menschen!” Wie laut, wie dringend hat er uns das oft zugerufen! So löste er die Gemeinde von seiner Person, um sie an den zu binden, von dem er gern singen ließ: Liebe, die mich hat gebunden — An ihr Joch mit Leib und Sinn, — Liebe, die mich überwunden — Und mein Herz hat ganz dahin: — Liebe, dir ergeb’ ich mich, — Dein zu bleiben ewiglich.

Frühlingszeit.

Der der Sonne zugeneigte Berghang, an dem sich der größte Teil der Häuser von Bethel hinzieht, macht den Frühling immer besonders schön. Schon Ende Februar kommen überall im Buchenwald die blauen Leberblümchen hervor, und hinter ihnen her dringen im März zwischen dem Efeu die Anemonen durch. Bald aber leuchtet das warme Tal unten von goldenen Wiesenblumen. Buchfink und Amsel stimmen ihre Kehlen wieder, Rotkehlchen und Rotschwänzchen kommen hinterher und all die andern Sänger, bis unten am Teich von Mamre die Nachtigall den schönsten Akkord in das Konzert mischt.

Einem solchen Frühlingstag kann man die Zeit vergleichen, die unter der Verkündigung des Evangeliums in der Beweisung des Geistes der Wahrheit und der Kraft der Liebe in der Zionsgemeinde anbrach. Überall blühte und grünte es, und von überall her stellten sich, wie die Sänger in Wald und Feld, Kräfte ein, um die Mauern Zions zu bauen.