Aus Dellwig kam der Sohn des treuen Freundes Philipps, und aus den schon von Paris her nahe verbundenen Pfarrhäusern in Schildesche und Gohfeld kamen der leitende Arzt Huchzermeier, die Mitarbeiter am Diakonen- und Diakonissenhaus Kuhlo und Siebold und des Letztgenannten Bruder als Leiter des Bauwesens — keine Fremden also, sondern längst Bekannte und Vertraute, jeder mit seiner besonderen Art und mit seiner besonderen Liebe, jeder an seinem Teil in westfälischer Art und Zähigkeit alle Kraft zum Bau der Gemeinde einsetzend. Und hinter ihnen her strömten dem Diakonen- und Diakonissenhause immer neue Scharen freiwilliger Mitarbeiter zu. Nie würde Vater so treue, bewährte Kräfte für die wachsenden Aufgaben bekommen und behalten haben, wenn er sie ängstlich bis ins einzelne angeleitet und beaufsichtigt hätte. Er kommandierte nicht, sondern vertraute ihnen. Er lähmte nicht durch enge Regeln, wohl aber wies er, ohne es zu wollen, bei jedem Zusammentreffen mit zwei, drei Worten die innere Richtung. Einer seiner jüngeren Mitarbeiter schrieb nach Vaters Tode: „Wodurch hat er uns von Grund aus gewonnen und zur Buße geführt? Eigentlich nur dadurch, daß er uns Liebe erwies auch dann, wenn wir gar nicht darauf rechneten. Ich habe so manches Mal gewünscht, er möchte mir doch einmal gründlich die Wahrheit sagen. Aber er hat es nie getan etwa in dem Sinne, daß er mir gesagt hätte: ‚Du bist doch eigentlich recht hoffärtig.’ Nein, er war stets unbeschreiblich freundlich gegen uns. Dann schämte man sich und fing an, innerlich zu weinen.”

Zu denen, die dauernd in die Arbeit eintraten, kamen andere, die wie vorüberziehende Sänger waren, deren Lied aber unvergessen bleibt. So immer wieder die Kandidaten des Konviktes. So auch manche hochgemute Frauengestalt, Töchter vornehmer Familien, die für längere oder kürzere Zeit die Gehilfinnen der Diakonissen wurden. So auch die Gäste des von Fräulein Heidsiecks fürsorgender Hand geleiteten Anstalts-Hospizes, die Anregung suchten und Anregung brachten und über die zunächst drängenden Aufgaben hinweg immer wieder den Blick in die Weite lenkten.

Die einzelnen Hausgemeinschaften und Arbeitsgruppen schlossen sich immer fester in sich zusammen, jede gleichsam einen besonderen Sängerchor bildend, der für sich übte, aber nur um desto besser in dem einen großen Konzert mitzuwirken. Was für einen Frühlingschor besonderer Art bildete z. B. das Kinderheim! Wie vielen Töchtern des Landes, die von nah und fern kamen, um für eine Zeitlang zu helfen, wurde unter dem Jubel der Kinder, auch unter ihrem stillen Leiden und Sterben, das Herz weit, froh und dankbar! Wie hoch gingen namentlich die Wogen damals, als Missionar Greiner die kleine schwarze Elisabeth brachte, die er auf dem Schiff dem ägyptischen Soldaten abgenommen hatte, damit sie nicht als Sklavin verkauft würde. Und als nun ein Jahr später gar noch das zweite kleine schwarze Mädchen, Marie Madjesebuni, hinzukam, brach eine Frühlingszeit über dem Kinderheim an, wie es sie schöner wohl nie erlebt hat. Europa und Afrika mischten ihre Stimmen in eins, Deutschland und Mohrenland hoben miteinander ihre Hände auf zu Gott!

Ganz verborgene Chöre gab es auch, wie die Stimmen der Sänger im Walde, denen niemand zuhört und die doch das Singen nicht lassen können. Das waren die eigenen kleinen Kreise der Kranken, oft nur aus zwei oder drei, fünf oder sechs bestehend, die am Feierabend zusammenkamen, um sich untereinander durch Lied und Betrachtung zum Lobe Gottes zu ermuntern. Wieviel Kräfte der innersten Harmonie gingen von diesen ungehörten und ungekannten Sängern aus!

Unter solchem Frühlingswehen konnte es nicht anders sein, als daß die Gemeinde wie der Baum zur Maienzeit neue Zweige trieb. Im Lande draußen, innerhalb und außerhalb der westfälischen Grenzen, wurde durch die Schwestern und Brüder eine Station nach der andern übernommen. Alle diese Außenstationen waren zugleich wie kleine Sammelbecken, die mit dem Übermaß ihres Elends auf Bethel angewiesen waren. Wohin mit den Verkrüppelten, Blinden, den Geistesschwachen und Geisteskranken, den Halbwaisen und Ganzwaisen, den Nervenkranken und Nervenschwachen, wenn jede andere Zuflucht sich verschloß? Immer freilich gab Vater den ausziehenden Schwestern und Brüdern die Regel mit auf den Weg: „Ihr dürft niemals denken, als hätten wir die Barmherzigkeit für uns gepachtet”; d. h. sie sollten alles tun, um in solchen Fällen der Not die näheren und entfernteren Angehörigen der Kranken nach Möglichkeit heranzuziehen. Oder wenn das nicht ging, sollten sie für anderweitige Familienpflege sorgen, sollten schließlich alle zunächst in Frage kommenden Pflegehäuser und sonstigen kirchlichen und staatlichen Anstalten in Betracht ziehen. Aber wenn alles versagte: „Dann dürft ihr bei uns anklopfen.”

Wie oft kam es vor, daß eben wirklich alles andere versagte! So nahm das Anklopfen kein Ende, und darum gab es immer wieder in den einzelnen Häusern ein Zusammendrängen und Zusammenschieben, bis es schließlich nicht anders ging und wieder gebaut werden mußte.

Und nicht nur für die Kranken mußte gesorgt werden, auch für ihre Pfleger. Oft erzählte Vater die Geschichte von der Kuh des alten Flattich, die eines Morgens tot im Stalle lag. Klagend und jammernd kommt Frau Flattich zu ihrem Mann. Der aber sagt: „Es wundert mich gar nicht, daß die Kuh gestorben ist. Ich habe schon seit einiger Zeit gemerkt, daß du unsere Magd nicht recht gepflegt hast; darum hat die auch die Kuh nicht recht gepflegt, und so ist sie gestorben.” Sollten also die Pfleglinge recht gepflegt werden, innerhalb und außerhalb der Gemeinde, dann mußte auch für die Pfleger und Pflegerinnen gesorgt werden. So entstand für die Schwestern das stille Salem in der tiefen Bergeinsamkeit des Teutoburger Waldes und für die Brüder das auf der frischen Höhe liegende Pella — beides Zufluchtsorte für Zeiten der Erholung und inneren Sammlung. „Ihr dürft die friedsame Ruhe nicht verlieren,” hat Vater uns oft zugerufen.

Inzwischen waren draußen in der Senne durch die Kolonisten von Wilhelmsdorf die ersten Kulturen entstanden. Es zeigte sich, was für eine wertvolle Ergänzung man an der Senne hatte. Der Boden in Bethel ist schwer und für die schwächeren unter den Epileptischen nur bei gutem Wetter zu bearbeiten. Das ist bei dem leichten Sandboden der Senne anders. Hier gibt es bei jeder Witterung, namentlich auch im Winter, abwechselungsreiche Arbeit, die auch den Schwachen und Schwächsten immer wieder die Befriedigung einer nützlichen Tätigkeit gewährt. So siedelte allmählich eine Ackerbaustation nach der andern aus Bethel nach der Senne über. Die Krüppel folgten, dann auch die Lungenkranken, die in der milden Kiefern- und Tannenluft schneller genasen als unter den kräftigen, aber rauhen Winden des Teutoburger Waldes, und schließlich kamen auch noch mehrere Stationen der Gemütskranken dazu.

Auch Wilhelmsdorf selbst mußte sich dehnen, denn es zeigte sich immer mehr, wie viele arme Opfer des Alkohols unter denen waren, die sich arbeitslos und heimatlos, von aller menschlichen Hilfe verlassen, in der Kolonie einstellten. Es war nicht möglich, sie nach drei Monaten wieder zu entlassen. Das hätte nur geheißen, sie aufs neue dem alten Elende auszuliefern. So entstand eine besondere Trinkerheilstätte. Auch den Schiffbrüchigen gebildeter Stände, für die ihre Familien einen sicheren Hafen suchten, konnte man sich nicht entziehen, sodaß auch für sie eine Heimat geschaffen werden mußte.

Eine Witwe Eckardt, nach der die ganze Kolonie, die heute etwa 1200 Insassen zählt, den Namen Eckardtsheim erhielt, schenkte in Erinnerung an ihren verstorbenen Mann den Grundstock zu einem Gotteshause, der Eckardtskirche, die zum Mittelpunkt aller Anstaltshäuser in der Senne wurde.