Aber die Entlastung, die auf solche Weise die Tochterkolonie in der Senne der Mutterkolonie drüben im Teutoburger Walde bot, verpflichtete nun auch wieder die Mutter zu einer Gegenliebe gegen die Tochter. Viele von denen, die sich in Wilhelmsdorf und in den von Wilhelmsdorf abgezweigten Häusern bewährt hatten, baten: Stoßt mich nicht wieder hinaus in die versuchungsvolle Welt, gebt mir in Bethel eine meinem früheren Beruf entsprechende Arbeit, laßt dort meine Kräfte allmählich weiter erstarken, bis ich den Mut gewinne zu neuer Fahrt in die stürmische Welt! War es möglich, solche Bitte abzuweisen?

Sollte sie aber gewährt werden, so mußte nun auch Bethel sich wieder dehnen. Es mußte seine Werkstätten, seine kleinen Betriebe erweitern, um Arbeit zu schaffen für die, die nur unter zweckvoller Arbeit an Geist und Leib genesen und neue Kräfte gewinnen konnten. So wurde aus der kleinen Schriftenniederlage die Buchhandlung, an die Buchbinderei schloß sich ein kleiner Laden an mit Heften, Bildern, Büchern; ähnlich ging es bei der Tischlerei, der Gärtnerei und den andern Handwerken. Auch für die Vorräte an Lebensmitteln, die bis dahin aus der Stadt bezogen worden waren, wurde eine eigene kleine Einkaufsstelle geschaffen. Ich sehe noch den Nico-Nix, einen holländischen Kaufmann, der irgendwie zu uns verschlagen worden war, mit strahlendem Angesicht in dem kleinen Verkaufsraum hinter dem Ladentisch stehen und seine Gäste bedienen.

Es konnte nicht ausbleiben, daß über solchem Wachsen Teile der Bielefelder Geschäftswelt in Unruhe gerieten. Ihnen war das schöne Tal für die Ausdehnung der Stadt genommen. Nun sollten sie auch nicht einmal an dem geschäftlichen Gewinn, den die Siedlung ihnen hätte bieten können, teilhaben? Aber Vater konnte wieder und wieder in überzeugender Weise dartun, daß die Entstehung und Entwicklung der kleinen Betriebe nicht aus dem Gedanken entsprungen wäre, einen Verdienst, der bisher andern zuteil geworden, für sich zu behalten, sondern daß es sich vielmehr für die Anstalt darum handele, ihren Kranken und Pflegebefohlenen durch eine ihren Neigungen entsprechende Beschäftigung recht zu dienen, und daß für solches Dienen die Ausdehnung der kleinen Anstaltsgeschäfte ganz unentbehrlich sei. Nicht „womit kann ich verdienen?” sondern „womit kann ich dienen?” sollte der Grundsatz dieser kleinen sich entwickelnden Betriebe sein. Und wenn über dem rechten Dienen auch eine kleine Ersparnis, ein kleiner Verdienst für die Anstalt abfiel, so durfte ihr das gegönnt werden.

So wurde immer wieder Raum geschaffen und Arbeit, um solchen, die sonst rettungslos versunken wären, zu helfen. Hierfür nur einige Beispiele. Für gewöhnlich wurde an der Regel festgehalten, daß nur, wer sich draußen in der geringen Arbeit der Senne mit Spaten und Karre bewährt hatte und für den sich andernorts kein sicherer Zufluchtsort zeigte, in einem der Arbeitsplätze in Bethel Aufnahme fand. Aber zum unabänderlichen Gesetz wurde das nicht. So wandte sich an Vater ein Kaufmann, der so, wie die Dinge lagen, rettungslos dem Gefängnis verfallen war. Er hatte eine tadellose Vergangenheit hinter sich. Um so schrecklicher war das Los, das, freilich durch eigene Schuld, vor ihm lag. Vater legte die Sache dem Kronprinzen vor; und durch dessen Fürsprache wurde die Strafe niedergeschlagen. Der Betreffende kam dann nach Bethel, und Vater nahm ihn, als die Kräfte seines bisherigen epileptischen Gehilfen Kneipp versagten, an dessen Platz. Mit unbeschreiblicher Gewissenhaftigkeit hat er Jahre hindurch vom Morgen bis zum Abend an dem Schreibpult in Vaters Arbeitszimmer gestanden, nie ermüdend, in tiefster Verschwiegenheit, die Liebe, die Vater ihm erwies, mit einem Leben voll Pflichttreue und Hingabe lohnend. Als die Kassenverwaltung einer in jeder Weise bewährten Kraft bedurfte, wurde er von Vater, der immer auf das Liebste, was er hatte, wenn es not tat, verzichtete, dorthin abgegeben, und bis an sein Ende ist er hier ein Vorbild der stillen Treue gewesen.

Hier in der Kassenverwaltung fand auch ein anderer für den Rest seines Lebens Arbeit, der aus der Senne herüberkam, wo er zunächst ein Jahr lang in Reih’ und Glied rigolt, gerodet und die Karre geschoben hatte. Er hatte mit dem Kaiser zusammen auf einer Schulbank gesessen, war Offizier geworden, hatte dann aber infolge des Trunkes seinen Dienst verloren. Seine Familie übte die Barmherzigkeit an ihm, daß sie ihm alle Mittel entzog, durch die er seinem unglücklichen Hang weiter hätte frönen können, sodaß er sich bemühen mußte, in der Senne wenigstens sein Leben zu fristen. Nicht widerstrebend, sondern freiwillig fügte er sich diesem Zwang und wurde schließlich einer der glücklichsten Menschen, die in unserer Mitte gelebt haben. Seine Todeskrankheit, die mit seinem früheren Leben im Zusammenhang stand, war freilich lang und schwer; aber gemurrt hat er nicht, sondern wie sein Leben, so ist auch sein Sterben ein Segen für viele geworden.

So könnte noch mancher genannt werden, der nach einem Leben voll Unruhe und Niederlagen schließlich zum Frieden und zum Sieg gelangte und nun unter den Siegern steht, die die ewige Krone erlangt haben. Unter ihnen sei nur noch unser lieber Lehrer H. erwähnt. Von einem nächtlichen Gelage heimkehrend, war er unterwegs im Frost liegen geblieben. Als man ihn fand, waren seine beiden Arme so vollständig erfroren, daß sie abgenommen werden mußten. Darüber kam er zur inneren Einkehr und Umkehr. Er trat in den Unterricht an den epileptischen Schulknaben ein, und der Friede und die innere Kraft, die von ihm ausgingen, waren so stark, daß die unruhigen Knaben keinem Lehrer lieber gehorchten als diesem Mann, der ohne Arme vor ihnen stand.

Nicht immer war es leicht, die richtige Beschäftigung zu finden. Aber auch hier machte Vaters Liebe immer wieder erfinderisch oder ließ sich von den Hilfesuchenden selbst auf neue Bahnen weisen. So kam ein früherer Kavallerieoffizier, dessen Kraft zu irgend welcher körperlichen Arbeit einfach nicht mehr ausreichte. Es stellte sich aber heraus, daß er eine große Kenntnis ausländischer Briefmarken hatte. Darum bat Vater in einem der Anschreiben, die an die Freunde im Lande und auch im Auslande gingen, um ausländische Briefmarken. Die Bitte war nicht vergeblich, die Marken strömten herbei, und Herr v. N. hatte eine Arbeit, die seine Kraft ausfüllte und die sich schließlich so ausdehnte, daß eine ganze Zahl schwacher Pfleglinge eine Tätigkeit fand, die gar nicht anstrengte und die doch zur Sorgsamkeit und Gewissenhaftigkeit erzog.

Immer dringendere Bitten um Aufnahme von Gemüts- und Nervenkranken führten dazu, daß auch für diese Leidenden sich ein Zufluchtsort nach dem anderen in Bethel auftat. Es fehlte in den staatlichen Anstalten vielfach an den geeigneten Pflegekräften, oft auch an ausreichender seelsorgerlicher Beratung. Dazu kam, daß die Überfüllung der westfälischen Provinzialanstalten die Verwaltung der Provinz zu der Bitte veranlaßte, Bethel möchte ihr die unheilbaren Kranken abnehmen.

„Unheilbar”, gerade solch ein Wort lockte Vater. „Das Wort unheilbar”, sagte er oft, „steht im Wörterbuch eines Christen nicht. Wer danken gelernt hat, ist gesund geworden, auch wenn er sein ganzes Leben in der Zelle zubringen muß.”

Immer wieder trieb es ihn zu den Umnachteten des Geistes in den verschiedenen Häusern. In Magdala, dem Hause der gemütskranken Frauen, hielt er jahrelang die wöchentliche Bibelstunde. Im Anschluß daran ging er regelmäßig zu denen, deren Zustand die Teilnahme an der Stunde nicht erlaubte. Namentlich suchte er die einzelnen Zellen der Tobsüchtigen auf, ganz allein, nur mit seinem kleinen Blumenstrauß in der Hand. Er ist, soviel wir wissen, niemals angegriffen worden.