Aber die Flut grauenhafter Lästerreden, die er dann und wann bei solchen Gelegenheiten anhören und über sich ergehen lassen mußte, befestigte ihn in der alten biblischen Überzeugung, daß bei diesem Leiden nicht immer nur körperliche Anlässe zu Grunde lägen, sondern auch die Mächte einer satanischen Welt ihr Wesen trieben. „Die Barmherzigkeit”, sagte er, „fordert es, an dieser Überzeugung festzuhalten. Ich kann nicht glauben, daß solch eine Flut von Schmutz aus dem Herzen eines reinen Mädchens emporsteigt. Das stammt aus einer anderen Welt.”
Mit dem Leiter einer großen städtischen Heil- und Pflegeanstalt, in der unsere Diakonen und Diakonissen arbeiteten, hatte er eine tiefgreifende Auseinandersetzung über die Aufgaben des Anstaltsseelsorgers. Sie führte dazu, daß er die Seelsorger sämtlicher deutscher Heil- und Pflegeanstalten zu einer besonderen Besprechung nach Bethel einlud, die, zumal manche von ihnen auf vereinsamtem Posten standen, mit größter Freude der Einladung Folge leisteten und sich von da an zu einer regelmäßigen Konferenz der deutschen Anstaltsseelsorger für Gemüts- und Geisteskranke zusammenschlossen, die bis heute besteht.
Schwerer noch als die Last, die sich durch die Aufnahme der Gemütskranken auf die Schultern von Bethel legte, war vielfach die Pflege derer, die nicht gemütskrank, aber auch nicht eigentlich gesund waren, sondern mit ihren erregten Nerven schwer an sich selbst trugen und anderen zu tragen gaben. Aber auch diese Last lehrte Vater uns mit Heiterkeit anfassen. Schmunzelnd pflegte er immer wieder zu sagen:
„Halbe Narren sind wir alle,
Ganze Narren sperrt man ein,
Aber die Dreiviertelnarren
Machen uns die größte Pein.”
Einer der ersten Gemütskranken, die in Bethel Zuflucht fanden, war ein Pastor Krekeler aus alter Ravensberger Familie. Er hielt sich für unwürdig, Nahrung zu sich zu nehmen. Mittags saß er an unserm Tisch, die Augen niedergeschlagen, in tiefe Schwermut versunken. Nur unter Vaters Zureden griff er zum Löffel, legte ihn dann aber hin, ohne seinen Teller leerzuessen. Da hörte auch Vater auf zu essen. „Lieber Bruder,” sagte er, „ich habe nun den ganzen Morgen schwer gearbeitet. Aber ich esse nicht, wenn du nicht auch ißt.” Das half, und der Teller wurde leergegessen. So ging es Schritt für Schritt vorwärts. Schon bald konnte Vater ihn bitten, ihm Sonntags eine Predigt abzunehmen. Das war Krekelers größte Freude. Aber sie wurde ihm nur dann gewährt, wenn er in der Woche vorher ein Pfund zugenommen hatte. Wiederholt hatte Krekeler die Bedingung erfüllt. Da, eines Sonntagmorgens, als er wieder predigen wollte, kam die Nachricht, daß er das Morgenfrühstück verweigert hätte. Vater eilte zu ihm und erklärte: „Du predigst nicht, wenn du nicht ißt, und hast die Verantwortung zu tragen, wenn ich jetzt unvorbereitet statt deiner auf die Kanzel muß.” Damit war der letzte Widerstand gebrochen. Schon bald konnte er seine Familie zu sich nach Bethel holen, und er und seine Frau übernahmen das Haus der epileptischen Pensionäre, in welchem er genesen war.
Gleichzeitig wurde er der Vater der Waisenkinder, die rings aus dem Lande sich einstellten und unter Schwester Pauline in einem besonderen Waisenhause gesammelt wurden. Er sorgte für ihre Unterbringung in den Familien des Landes und blieb auch weiterhin ihr väterlicher Freund, der sie regelmäßig besuchte und ihren Entwicklungsgang verfolgte und regelte. So erstarkten seine Kräfte mehr und mehr, bis er in Volmerdingsen am Hang der Weserberge wieder eine kleine Gemeinde übernehmen konnte. Hier legte er den Grund für eine Heimat der Geistesschwachen, die bis dahin in der Provinz Westfalen einer eigentlichen Zufluchtsstätte entbehrten und darum zunächst immer wieder unter die schwachen epileptischen Kranken von Bethel hatten gemischt werden müssen. Der kleine Zweig, der dort am Fuße des alten Wittekindsberges eingesenkt wurde, blühte unter seiner originellen Leitung schnell auf und ist jetzt ein Baum geworden, unter dessen Schatten viele arme umnachtete Menschenkinder ein glückliches Dasein führen. Lange Jahre hat Krekeler als der Glücklichste unter ihnen gelebt, bis plötzlich die alte Krankheit wieder durchbrach. Er flüchtete nach Bethel, und unter Vaters Zuspruch endete sein gesegnetes Leben.
Nicht eigentlich gemütskrank, aber schwer nervenleidend war ein Herr Schnitger, dem das Diakonissenhaus Sarepta eine Bleibestätte bot. Er war hochgebildet, hatte auf verschiedenen Gebieten gearbeitet und war auch im Kassenwesen erfahren. So übernahm er einen Teil der Kassenverwaltung von Sarepta. Sein Krankenzimmer war zugleich sein Arbeitszimmer, wo der Geldschrank stand und wo er die Kassenbücher unter musterhafter Sorgsamkeit führte und mit einer Handschrift, die zu den schönsten und charaktervollsten gehörte, die man sich denken kann.
Nun geschah etwas Merkwürdiges. Unten im Diakonissenhause, links neben dem Eingang, lag die Apotheke, in der von einer Schwester die ganzen Arzneien für die Anstaltshäuser bereitet wurden. Als sie eines Morgens in die Apotheke trat, fand sie den Giftschrank erbrochen und alle Gifte verschwunden. Der entwendete Giftbestand hätte völlig genügt, um viele hundert Menschen zu vergiften. Die Aufregung war groß. Den ganzen Tag über wurden die umfassendsten Untersuchungen vorgenommen. Aber alles blieb vergeblich. Am andern Morgen kam Herr Schnitger zu meiner Mutter, die für Kranke seiner Art immer ein besonderes Verständnis hatte, sodaß Schnitger schon vorher immer wieder sich gern ihr mitgeteilt hatte. Er sagte ihr, daß er am Abend vor dem Einbruch in der Apotheke gewesen sei, um sich etwas zu holen. Dabei habe er auch den Schrank mit der Aufschrift „Venena” (Gifte) gesehen und gedacht: „Die Gifte müssen aus der Welt verschwinden.” Denn er habe gespürt, daß das Morphium, das er von Zeit zu Zeit gegen seine große Schlaflosigkeit erhalten hatte, eine Gefahr für ihn werden könne, die er abschneiden müsse. Nun könne er sich freilich durchaus nicht besinnen, daß er das Gift weggenommen habe, für unmöglich aber halte er es nicht, da er eben an jenem Abend die Apotheke mit dem Gedanken verlassen habe: „Das Gift muß aus der Welt verschwinden.”
Es stellte sich heraus, daß die Nachtwachschwester in jener Nacht eine Gestalt beobachtet hatte, die aus der Richtung der Apotheke die Treppe heraufkam. Die Schwester war der Gestalt nachgeeilt und hatte gesehen, wie sie in dem Zimmer von Herrn Schnitger verschwunden war. Das konnte natürlich die Vermutung Schnitgers nur aufs äußerste bestärken. Wiederum aber waren und blieben alle Nachforschungen vergebens. Die Gifte sind bis heute nicht gefunden worden. Herr Schnitger aber erklärte: „Ein Mensch, der in Verdacht steht, Gift zu stehlen, kann unmöglich der Verwalter von Geld sein.” So stellte er seinen Dienst ein, suchte aber nach neuer Beschäftigung.
Eines Tages kam er zu Vater mit der Bitte, er möchte wohl Brockensammler werden. Es sei ihm durch den Sinn gegangen, wieviel Werte doch in all den kleinen Gegenständen steckten, die die Menschen so leichthin wegwürfen. Die beiden überlegten miteinander, und es wurde verabredet, daß Schnitger eine Liste aufstellte von solchen Gegenständen, die er wohl sammeln möchte. Es war ein langes Verzeichnis, das er Vater einreichte: alte Korke, Stahlfedern, Knöpfe, Brillen, Uhren, Handschuhe, Regenschirme usw. Ahnungslos, was folgen würde, ließ Vater die Liste vervielfältigen und legte sie einem der vierteljährlichen Boten von Bethel bei, die an die Freunde draußen im Lande verschickt werden. Kaum aber war die Liste in die Hände ihrer Empfänger gelangt, so begann es von allen Seiten Brocken zu regnen.