Nur für den allerersten Anfang genügten Schnitgers eigene Kräfte zum Auspacken. Bald mußte er sich Hilfskräfte suchen. Die Wagen der Anstaltsökonomie räumten ihren Schuppen, damit die eingehenden Sendungen wenigstens vor dem Regen geschützt würden. Nach kurzer Zeit war an Auspacken überhaupt nicht mehr zu denken, weil es an genügendem Raum zum Sortieren der Sachen fehlte. Es mußte wieder gebaut werden, es half wirklich nichts. Und Herr Schnitger siedelte als Brockenvater aus Sarepta in das Brockenhaus über. Für wie viele ist er dort ein väterlicher Freund und Arbeitgeber geworden, und wie viele im ganzen Vaterlande — in Hütten, Häusern und Schlössern — hat er zur Achtsamkeit auf das Geringe und zur Treue im Kleinen erzogen!
In der Brockensammlung reihte sich bald ein Arbeitstisch, ein Arbeitsraum neben den andern. Lauter kleine Reparaturwerkstätten entstanden. Regenschirme wurden geflickt, Spielzeug heilgemacht, aus verschiedenen Uhrteilen entstanden wieder gangbare Uhren, aus den Einzelgängern der Handschuhe neue Paare, Bilder wurden gerahmt, Bücher ausgebessert, aus den Haufen der verschiedensten Knöpfe hier ein halbes, dort ein ganzes Dutzend gleichartiger zusammengesucht, beschädigte Korke zurechtgeschnitten usw. usw.
Was für eine Fülle von Arbeitsgelegenheit ergab sich allein aus den eingehenden Büchern! Wie mancher wissenschaftlich geschulte Kopf hat da befreiende Tätigkeit gefunden! So bekamen die Klügsten und die Beschränktesten unter Schnitgers Anleitung willkommenste Beschäftigung. Und der Laden, wo die neu hergestellten Sachen verkauft wurden, wurde oft vom Morgen bis zum Abend nicht leer. Nicht nur die armen Familien der Umgegend, sondern auch mancher Kunst- und Altertumsfreund kam hier auf seine Rechnung.
Unter denen, an die Schnitger besondere Aufmerksamkeit und fürsorgende Liebe wandte, war ein Österreicher mit dunklen, glühenden Augen und unruhigem Wesen. Es stellte sich später heraus, daß er Marineoffizier gewesen war und ein österreichisches Torpedoboot im Adriatischen Meer geführt hatte. Er hatte die Schiffskasse bestohlen und war, als es entdeckt wurde, unter falschem Namen nach Deutschland geflüchtet. In seiner Abwesenheit wurde ihm in Wien der Prozeß gemacht, der ihn zu mehreren Jahren schweren Kerkers, wie der österreichische Gerichtsausdruck lautet, verurteilte.
Davon ahnte damals niemand in Bethel etwas, und Schnitger gewann den Eindruck, daß der Mann, wie auch immer seine Vergangenheit sein mochte, über die er natürlich ein Dunkel breitete, jetzt ein nach Licht und Wahrheit strebender Mensch sei.
Er entdeckte bei ihm eine gewisse Begabung zum Zeichnen und Kolorieren und bat Vater, ihm auf diesem Gebiet weiterzuhelfen. Vater ging darauf ein und gab ihm allerlei kleine Aufträge, bei denen er seine Gaben zur Geltung bringen konnte. Lange Jahre hindurch hing in Vaters Arbeitszimmer ein Bild, das die ersten afrikanischen Missionare und Missionsfamilien in Usambara darstellte und das jener Unbekannte nach einer Photographie nicht ohne deutliches Geschick hergestellt hatte.
Vater hatte, um ihm Mut zu machen, wie das ja seine Art war, mit seiner Anerkennung nicht zurückgehalten. Das aber war ihm, dem noch immer seine alte Herrlichkeit als Torpedobootsführer vorschwebte, in die Krone gestiegen. Er fing an, sich für ein verkanntes Genie zu halten, das niedergehalten, ausgenützt und mit dem bescheidenen Taschengeld, das er außer freier Station erhielt, nicht genügend bezahlt würde. Einige unzufriedene Elemente sammelten sich um ihn; andere wußte er geschickt aufzusuchen und auszuforschen, und eines Tages erschien in der sozialdemokratischen Zeitung der Stadt ein giftgeschwollener Artikel über die Zustände in der Anstalt. Nicht nur der alte Schnitger war in der häßlichsten Weise angegriffen, sondern die gesamte Anstaltsleitung und viele einzelne Personen als eine Genossenschaft von Ausbeutern hingestellt, die nur für ihre eigene Tasche arbeiteten, die Kranken und Pfleglinge aber ausnutzen wollten und offenbare Mißhandlungen ruhig geschehen ließen.
Es war sofort deutlich, daß der Ankläger nur jene geheimnisvolle Persönlichkeit sein konnte. Die Anschuldigungen waren so schwer und die ganze Öffentlichkeit in einer Weise aufgeregt, daß für Vater gar nichts anderes übrig blieb, als die Angelegenheit der Staatsanwaltschaft zu übergeben, damit die erhobenen Anschuldigungen vor aller Welt geprüft werden könnten. Mehrere Tage dauerten die Verhandlungen, die schließlich, abgesehen von einigen wenigen Verfehlungen untergeordneter Kräfte, die der Leitung entgangen waren, die völlige Haltlosigkeit der Beschuldigungen dartaten. Der arme Mensch wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.
Bald nachdem er seine Haft angetreten hatte, wurde seine Vergangenheit bekannt, und das österreichische Gericht forderte ihn zur Abbüßung seiner Kerkerstrafe ein, sobald er die deutsche Strafe abgebüßt hätte. Es kam aber nicht mehr zu seiner Auslieferung. Er erkrankte im Gefängnis in Münster an der Auszehrung und starb unter der Pflege der Kaiserswerther Diakonissen, nachdem er vorher um Verzeihung gebeten hatte.
Für den alten Schnitger aber bedeutete diese schmerzliche Erfahrung einen schweren Stoß. Er zog sich mehr und mehr aus der Arbeit zurück und siedelte schließlich in einen Vorort von Berlin über, damit, wie er sagte, in der Einsamkeit der großen Stadt seine Nerven, die allmählich zu fein und zart geworden waren, noch einmal wieder wachsen könnten. Immer wieder hat ihn Vater in seiner Junggesellenwirtschaft aufgesucht oder sich sonst mit ihm in Berlin getroffen, bis er sich endlich überreden ließ, in das Siechenhaus von Lichterfelde zu ziehen, wo er unter der treuen Fürsorge unserer Schwestern die Augen schloß.