Mit seinem tiefen Blick in die Zusammenhänge der Dinge, mit seiner lauteren Frömmigkeit und seinem Erbarmen nicht nur verachteten, verlassenen Brocken gegenüber, sondern noch mehr gegen Menschen, deren Leben trümmer- und brockenhaft geworden war, hat er Vaters Herzen ganz besonders nahegestanden.
Die Brockensammlung wurde auch insofern eine Wohltäterin für die ganze Gemeinde, als sie für all die kleinen Feste, Vorstellungen und Aufführungen eine unerschöpfliche Fundgrube wurde, aus der sich alles zu Tage fördern ließ, was irgend an Verkleidungen und dergleichen gebraucht wurde. An den vaterländischen Gedenktagen, namentlich an Kaisers Geburtstag, rückte sie jedesmal die alten Uniformen heraus, die sich eingefunden hatten. Man kann sich die Freude der Epileptischen denken, die niemals im bunten Rock gesteckt hatten, wenn sie bei dieser Gelegenheit endlich einmal im schönsten Soldatenkleide prangen konnten. Alle Waffengattungen waren vertreten, von der schmucken Kavallerieuniform bis zum einfachen Rock des Infanteristen, und in buntem Zuge ging es durch die Anstalt.
Vater mußte dann jedesmal vor unserm Hause oder abends in der Festversammlung die Ansprache halten. Er hatte ja die Feldzüge 1866 und 1870 als Feldprediger mitgemacht. Seine beiden Eltern hatten die Zeit der Erniedrigung und Erhebung miterlebt; sein Vater war Freiheitskämpfer gewesen, hatte später dem Königshause nahegestanden, und auch Vaters eigener Weg hatte ihn in enge Verbindung mit dem Königshause gebracht. Darum brauchte er bei solcher Gelegenheit nur in die Fülle hineinzugreifen, um alle Herzen zu entflammen und für Vaterland und König auflodern zu lassen. In solcher Stunde spürten wir, daß die Welt, die weite große Völkerwelt, nur der lieben kann, der seinem eigenen Volk und Land bis in den Tod in treuster Liebe ergeben ist, und daß Krieg und Kampf dem großen Ratschluß Gottes, den er zum Heil der Völker gefaßt hat, nicht widersprechen, sondern als unentbehrliche Glieder sich hineinfügen.
Wie oft hat Vater uns bei solcher Gelegenheit zugerufen: „Nie haben Frankreich und Deutschland sich in den letzten siebzig Jahren so viel Gutes getan wie im Kriege von 1870 und 71.” Wenn er das aus tiefster Überzeugung heraus sagte, dann stand ihm dabei all das Elend vor Augen, das durch französische Mode, französische Literatur, französische Leichtfertigkeit in den Jahren des Friedens über Deutschland gekommen war. Und immer wieder erinnerte er daran, wieviel edles deutsches Blut langsam dadurch zugrunde gegangen sei, erst an der Seele, dann auch am Leibe; nicht schnell durch ehrliche gegnerische Kugel oder kühnen Schwerthieb getötet, sondern allmählich vergiftet, unter den Tränen der Eltern, unter eigenem, unsagbarem Herzeleid in das Grab gesunken. Ihm galt ein braver Soldatentod doch ganz etwas anderes vor Menschen und auch vor Gott. Und eine lange träge Friedenszeit hielt er für weit verderbenbringender als einen blutigen Krieg.
Immer wieder erinnerte auch Vater daran, wieviel Wohltaten, wieviel Freundlichkeit sich Freund und Feind am Abend nach den Schlachten und in den Lazaretten erwiesen hatten, und mahnte, über den Scheußlichkeiten und Schrecknissen des Krieges diese Wohltaten nicht zu vergessen.
Wenn er dieses Thema anschlug, dann erzählte er wieder und wieder die Geschichte des Franzosen, der am 18. August 1870 mit zerschossenem Oberschenkel auf dem Schlachtfelde von Gravelotte lag. Die Nacht war schon hereingebrochen. Die Lagerfeuer der Brigade Goltz, die die Höhen über Jussy besetzt hatte, brannten. Der Franzose lag, ohne einen Laut von sich zu geben. Man hatte ihm gesagt: „Fällst du in die Hände der Deutschen, dann machen sie dich tot.” Aber schließlich brachte ihn die schmerzende Wunde doch zum Stöhnen. Einige 55 er gingen dem Stöhnen nach und fanden schließlich den armen, vor Todesfurcht am ganzen Körper zitternden Menschen im Gebüsch. „Ich habe auf keine Preußen geschossen,” rief er, „ich habe auf keine Preußen geschossen!” Schnell war der Notverband angelegt, im Gebüsch wurden ein paar Stangen zur Tragbahre geschlagen, und dann ging es behutsam in der Dunkelheit den Berg hinunter. Der arme Mensch wußte nicht, wie ihm geschah. Immer wieder rief er: „Ich habe auf keine Preußen geschossen.” — „Gewiß”, sagte Vater, der neben der Bahre herging, „hast du auf die Preußen geschossen; ich habe ja dein Gewehr gesehen, das ganz schwarz von Pulverdampf war; und du hast ja auch nur deine Pflicht getan.” Das konnte er nun nicht leugnen und rief: „Ich werde aber ganz gewiß nie wieder auf die Preußen schießen; ich werde ganz gewiß nie wieder auf die Preußen schießen.” — So kam man unten in Ars an der Mosel an, und erst jetzt, als der junge Franzose im Lazarett sorgsam gebettet war, hörte er auf zu zittern und fing an, an die Barmherzigkeit seiner Feinde zu glauben.
Wenn Vater solch eine Geschichte erzählte, dann löste sich vor unsern Augen der Schleier, der über dem dunklen Geheimnis des Krieges liegt. Jeder Franzosenhaß war aus dem Herzen getilgt; die helle vaterländische Begeisterung, die uns in Not und Tod auf blutigem Schlachtfelde dem Vaterlande ergeben macht, war vereint mit einer Hingabe an die ganze Menschheit, die auch den Feind ehrt und liebt.
Es kam einmal zu Vater ein dänischer Schriftsteller, der den Gedanken des ewigen Völkerfriedens vertrat. Er hoffte, bei Vater einen Bundesgenossen zu finden und von ihm eine Bereicherung seiner Gedanken zu erfahren. Vater sprach ihm seine Überzeugung aus, daß in einer sündigen Welt der Krieg eine nicht zu entbehrende Zuchtrute in der Hand Gottes sei und daß der sogenannte ewige Friede zu einem fauligen Morast werden würde, worin die ganze Völkerwelt untergehen müsse.
Er erzählte ihm dann die Geschichte seines Vaters, wie der 1813 die Kugel durch die Brust bekam und im Laufe seines Lebens immer wieder infolge dieser Verwundung schwer erkrankt sei. Aber diese Krankheitszeiten seien die größten Segenszeiten für die ganze Familie gewesen. In ihnen habe die Mutter beten gelernt und die ganze Familie mit ihr. Diese Kugel habe sie alle zu Gott geführt. Und nie, nie möchte er diese Kugel entbehren. So sei es auch im Leben der Völker. Die tödlichen Wunden, die sie sich untereinander schlügen, mußten ihnen doch schließlich zum Segen und zum Gewinn gereichen, wenn sie sich unter Gottes Hand beugen lernten.