Der Däne war aufs bitterste enttäuscht. Er hatte etwas anderes bei Vater vermutet. Seine Einwendungen wurden immer erregter und kräftiger, und auch Vater hatte mit Ingrimm zu kämpfen. Was dem Dänen selbst als das Hochziel der Barmherzigkeit, Milde und Friedfertigkeit erschien, empfand Vater als Weichlichkeit, Verzerrung und Verirrung.
Schließlich sprang der Däne auf, stellte sich vor Vater hin und rief erregt: „Herr Pastor, jetzt denken Sie sich einmal, wir hätten im Kriege 1864 gegeneinander gefochten, Sie auf preußischer, ich auf dänischer Seite, und ich hätte Ihnen die Kugel durchs Herz gejagt und jetzt begegneten wir einander am jüngsten Tage vor Gottes Angesicht! Was würden Sie mir dann sagen?” Da streckte Vater dem Dänen die Hand hin und sagte: „Hab’ Dank, lieber Bruder, für die gute Kugel.” Dem Dänen stürzten die Tränen in die Augen, er schlug in die Hand ein, nahm seinen Hut und ging, ohne ein Wort zu sagen, davon. Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört.
Höhepunkte des Gemeindelebens wurden immer wieder die Jahresfeste der drei Schwesteranstalten. Im Frühling das Fest des Diakonissenhauses, im Herbst das Fest der Brüderanstalt und dazwischen im Sommer das schönste von allen, das Bethelfest. Bei den Brüder- und Schwesternfesten erschien mir immer wieder nicht die Einsegnung als das Schönste des Tages, sondern das mittägliche Liebesmahl. Da war es Sitte, daß die Eltern, deren Sohn oder Tochter eingesegnet wurden, ihr Kind am Tisch zwischen sich hatten zum Zeichen, daß sie selbst mit eigenem Willen und mit ganzer Freude ihr Kind Gott und seiner Gemeinde zum Opfer brachten, nicht um es fortan zu entbehren, sondern um nur desto fester im Dienst des gemeinsamen Herrn mit ihm verbunden zu sein. Das brachte dann Vater immer in Worten zum Ausdruck, die die tiefsten Saiten des Elternherzens zum Klingen brachten und Eltern und Kind in dem Augenblick, wo dieses aus dem Elternhause heraus und in den Dienst der Kirche trat, nicht trennten, sondern aufs engste aneinanderknüpften.
Freilich auch die nachfolgende Einsegnungsfeier entbehrte ihrer unvergeßlichen Eindrücke nicht, namentlich wenn Vater die Jünglinge und Jungfrauen des Landes, die bei solcher Gelegenheit von nah und fern sich einzustellen pflegten, mit herzandringendem Ernst in den Dienst an den Elenden einlud.
Der Hauptfreudentag jedoch war das Betheljahresfest, das in erster Linie der Anstalt für Epileptische galt, aber mehr und mehr zu einem Dank- und Jubelfest der ganzen Gemeinde wurde. Der Kreis der Bänke draußen in der Waldkirche mußte immer größer gezogen werden, um die Schar der Feiernden zu fassen. Bisweilen erweiterte sich das Fest auch zu einer Feier der Jünglings- und Jungfrauenvereine des ganzen Landes. Zu Fuß, zu Wagen und mit Extrazügen der Eisenbahn kamen sie unter Lieder- und Posaunenklängen gezogen.
Dann war es wunderschön zu sehen, wie die Epileptischen in der Mitte des Platzes saßen, und rings umher, wie ein starker Wall und die Mauer einer Festung, hatten die Chöre der Sänger, Sängerinnen und Bläser ihren Platz, bis zu zweitausend an der Zahl, und hinter ihnen die andern Festfeiernden. Und noch schöner war es zu hören, wie die Lieder und Chöre der Gesunden und Kranken miteinander wechselten. Tiefer aber als alles, was die Gäste zu bringen hatten, ging uns jedesmal der Psalm der Epileptischen zu Herzen: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden.” Und wieder und wieder blieben die Blicke der Gäste haften an den schwermütigen Gestalten, von deren Lippen aus tiefster Seele die Schwermutsklänge kamen: „Herr, wende unser Gefängnis, wie du die Wasser gegen Mittag trocknest!” Stets war ein auswärtiger Freund der Gemeinde geladen, um die Hauptpredigt zu halten. Den Schluß machte dann Vater. Zwei Klänge waren es, die er bei dieser Gelegenheit immer wiederholte. Der eine hieß: Unsere Rechnung ist schlecht, aber recht. Schlecht, wenn wir auf uns selbst sehen, auf unsere Versäumnisse und unser Versehen. Aber recht, wenn wir auf den Herrn sehen und seine wunderbare Durchhilfe. „Habt ihr je Mangel gehabt?” fragte er dann in die epileptischen Kinder hinein. „Habt ihr je Mangel gehabt dies Jahr über?” „Herr, nie keinen!” Und dann gab es immer wieder ein Fragen in die Gemeinde hinein nach all den Wohltaten, die das Jahr gebracht hatte, und die Antworten, die aus den Bänken der Epileptischen kamen, wollten kein Ende nehmen über dem, was jeder immer noch mehr zu nennen und zu danken hatte. Und darum war immer der zweite Klang: „Jedes Jahr ein Klagelied weniger und ein Loblied mehr.”
Einer der eigenartigsten Freudentage, die die Gemeinde erlebt hat, war der Besuch des Kaisers und der Kaiserin am 18. Juni 1897. Die Kaiserin kam vom Bahnhof aus unmittelbar nach Bethel, ging dort in ihrer wahrhaft mütterlichen Art von Haus zu Haus, von Bett zu Bett, und wir werden es nie vergessen, wie ihr im Anblick der Elenden die Augen übergingen. Währenddessen fuhr der Kaiser in seinem schönen Vierergespann mit Vater nach Wilhelmsdorf hinaus. Seiner Eigenart entsprechend vertiefte er sich sofort mit höchstem Interesse in die Entwicklung und den Stand der Kolonie und in das ganze Problem der „Brüder von der Landstraße”, gleichzeitig in hohem Maße angezogen und angeregt von Vaters sprudelnder Frische. „Hätten wir doch”, so rief er, Vater auf die Schulter klopfend, seiner Umgebung zu, „in jeder Provinz einen solchen Mann, es stände anders im Vaterlande!” Von Wilhelmsdorf kam dann der Kaiser noch zu kurzem Besuch nach Bethel, wo er sich mit der Kaiserin auf dem Festplatz im Buchenwalde zusammenfand. Zweitausend Bläser, zehntausend Sänger und Sängerinnen der christlichen Jünglings- und Jungfrauenvereine des Landes bildeten den Festchor, der vom Posaunen- und Sangmeister Kuhlo hoch vom Stamm einer Buche aus mit blitzendem Messingstabe geleitet wurde. Tief ergreifend war es, mitzuerleben, wie die Wellen der Vaterlandsbegeisterung verschlungen wurden von der Hochflut der Töne zur Ehre Gottes und seines unvergänglichen Reiches.
Weihnachten aber ging natürlich über alles. Da war am heiligen Abend in der Zionskirche die ganze Gemeinde zur Christfeier versammelt. Wie wußte Vater dann unsere Herzen zur Dankbarkeit zu stimmen gegen Gott, der uns seinen Sohn zum Heiland gab, und gegen die Menschen, die gerade zu Weihnachten in immer wachsendem Maße der Gemeinde der Epileptischen ihre Liebe erwiesen! Das ganze Herz voll innerem Jubel gingen wir heimwärts, um dann in den einzelnen Häusern noch besonders zu feiern.
Auf manchen Stationen der Kranken hatte schon an den vorhergehenden Tagen die Feier stattgefunden, damit ein Haus mit dem andern sich freuen konnte an dem Strom der Liebe, der zu Weihnachten von draußen her in die Gemeinde hineinflutete, und um die kleinen mit so viel Mühe und Freude einstudierten Darstellungen und Deklamationen der Kranken miteinander zu erleben und die Güte Gottes zu preisen. Wir werden es nie vergessen, mit welcher Kindlichkeit, Inbrunst und Anbetung dann Vater mit den Kindern des Kinderheims, mit den Elendesten und Ärmsten von Patmos, mit den ganz Schwachen von Eben-Ezer, mit den Gemütskranken von Morija vor der Krippe kniete, um ihnen alle einzelnen Figuren zu erklären, und wie er uns alle, Kranke und Gesunde, hineinzog in das selige Geheimnis: „Gott ist geoffenbaret im Fleisch.”