Gebet, so wird euch gegeben!
Vaters bereits erwähntes Wort „Die Anstalt gehört der ganzen Christenheit!” war aus seiner innersten Überzeugung heraus gesprochen. So sah er die Aufgabe der Anstalten und darum auch seine eigene Aufgabe an. Er für seine Person gehörte wirklich der ganzen Christenheit, ja der ganzen Welt stand er als Schuldner gegenüber. Seine Liebe kannte keine Grenzen, darum war auch sein Arbeitsfeld unbegrenzt. „Laßt es euch gern sauer werden!” konnte er uns gelegentlich zurufen. Es war in der Tat ein saures Leben, so von aller Welt vom Morgen bis zum Abend um Hilfe angegangen zu werden und niemals ein Ende zu sehen. Aber geklagt hat er nie darüber. Er ließ es sich wirklich gern sauer werden. Es war ihm immer eine Freude, wenn er um etwas gebeten wurde. Er machte es jedem leicht, ihm mit einem Anliegen zu kommen, welcher Art es auch war.
Wie konnte er uns unsere Wünsche, unsere kleinen und großen Nöte entlocken! Für sorgenvolle, traurige Angesichter, die in sein Haus kamen oder ihm unterwegs begegneten, hatte er immer das Auge der zartesten Liebe. Dann konnte seine Stimme den Klang annehmen, mit dem die Mutter ihrem verzagten Kinde seine Last, sein Geheimnis entlockt. „Hast du einen Kummer? Darfst ihn mir wohl sagen; — vielleicht nur ein Kümmerchen? ein ganz kleines Kümmerchen? Ich sage es auch niemand.” Manchmal wurde schon allein über solchem Klang der Kummer zum Kümmerchen, das Kümmerchen zum kleinen Kümmerchen und verschwand wie der Nebel im Schein dieser sonnenhaften Liebe.
Aber wer dann doch mit einem Schmerz, einem Anliegen, einem Wunsch herauskam — ungetröstet ging keiner von ihm. Er gab immer etwas. Er konnte natürlich nicht alle Bitten erfüllen, die an ihn herankamen. Aber ganz leer ging man niemals davon, es mochte nun ein Briefchen sein, das er einem aufgeregten Kranken an seinen Hausvater mitgab, oder ein Ratschlag oder ein kurzer väterlicher Zuspruch — etwas bekam jeder mit.
Und niemals war er in Hast. Auch wenn im letzten Augenblick der Abreise jemand kam, niemals gab es ein rasches Abweisen. „Liebes Herz, komm ein andermal wieder! Du siehst, ich habe jetzt knappe Zeit.” Aber eben wiederkommen, man durfte immer wiederkommen! Kam jemand mit äußeren Anliegen, so blieb es sein Grundsatz, nicht zu leihen, sondern entweder zu schenken oder Arbeit zu geben. Er hatte es seit Paris zu oft erfahren, daß man ihn immer wieder angeborgt, ihm aber fast nie zurückgegeben hatte. Natürlich machte er auch Ausnahmen von diesem Grundsatz, aber nur in sehr seltenen Fällen. Kam ein Schneider, der um Hilfe bat, so verfiel Vater immer wieder auf den Ausweg, sich eine Weste machen zu lassen. Einen ganzen Anzug konnte er nicht anwenden, aber eine Weste, eine Weste! „Lieber Freund, können Sie mir wohl eine Weste machen?” Als er seine Augen geschlossen hatte, war die unterste Lade seiner Kommode ganz voll von Westen!
Bei solcher Hilfsbereitschaft konnte es natürlich nicht anders sein, als daß sein Schreibtisch sich immer aufs neue füllte mit Bittbriefen der verschiedensten Art und sein Zimmer mit Bittstellern von nah und fern. Für die Beantwortung der brieflichen Bitten um Rat und Hilfe erstand ihm in Missionar Layer die stille, nie ermüdende Hilfe. Bei denen, die selbst kamen, sah er es schnell den Gesichtern ab, ob er ihr Anliegen in Gegenwart seines Sekretärs und des Kandidaten erledigen konnte oder ob es unter vier Augen geschehen müsse. „Geh ins Stübchen!” hieß es dann. „Ich komme.”
Begreiflicherweise konnte es auch geschehen, daß er nicht kam, sondern im Gedränge der Arbeit den Wartenden vergaß. Sechs Stunden lang hat einmal ein armer sorgenvoller Schuster im Stübchen unter dem großen aus Holz geschnitzten Kruzifix gesessen, ohne sich ans Licht zu wagen, offenbar in dem Gefühl, daß das geduldige Warten zum ersten Teil der Hilfe gehöre. Aber als er dann endlich entdeckt wurde, ist er doppelt getrost seine Straße gezogen.
Natürlich waren es nicht immer nur Personen, sondern auch allgemeine Anliegen, die an Vater herantraten. Eine Gemeinde möchte eine Eisenbahn-Haltestelle haben und bedarf der Fürsprache beim Ministerium. Ein Kirchbau ist ins Stocken geraten. Über ein Diakonissenhaus sind schwere Irrungen gekommen. Eine Anstalt ist zerfallen mit ihrem Vorsteher. Die Außenbezirke von Bielefeld haben Rat und Tat nötig zur Errichtung selbständiger Kirchengemeinden. In Ems sind die Kurgäste ohne geistliche Versorgung und bedürfen einer Kirche. Die Waisen und Witwen der südafrikanischen Buren leiden Mangel usw. Es ist unmöglich, die großen und kleinen Nöte aufzuzählen, die von nah und fern an ihn herandrangen. Aber wo er sich einer Sache annahm, da setzte er seine ganze Person ein, unter Umständen auch seine ganze Leidenschaft. Denn jede Lieblosigkeit, namentlich wenn sie im äußeren Gewande der Frömmigkeit kam, konnte sein Innerstes aufs tiefste erregen und sein Angesicht glühend, bisweilen sogar weiß machen vor Zorn.
Oft dauerte es Jahre, ja Jahrzehnte, bis im einzelnen Fall das Ziel erreicht, der Friede hergestellt, die Gemeinde aufgerichtet, die Kirche gebaut war — aber was einmal angefangen wurde, das wurde auch durchgeführt mit großer Zähigkeit und in dem ritterlichen Sinn, der sich gerade der Schwachen am liebsten annimmt und den Kampf nicht scheut.