Vaters unermüdliche Liebe — das konnte natürlich nicht ausbleiben — weckte Gegenliebe. Weil er selbst half, wo er nur konnte, darum wurde ihm auch geholfen. Weil er selbst sich so gern bitten ließ, darum gönnte er die Freude, gebeten zu werden, auch andern.
Schon in den ersten Jahren der Arbeit in Bethel kam einmal Georg Müller, der Vater der Waisen von Bristol, zu uns. Er sprach einen Abend in der Kapelle von Sarepta. Vater fühlte sich diesem Mann des Glaubens innerlich verwandt. Doch Müllers Meinung, daß man nur Gott, aber nicht Menschen bitten dürfte, billigte er nicht. Überhaupt hatte er die Überzeugung, daß Müller sich täusche, wenn er meinte, er bäte Gott, aber nicht Menschen. Müllers ausführliche Berichte über den Fortgang seiner Arbeit, vor allem aber seine immer erneuten Nachrichten über die wunderbare Erhörung seiner Gebete waren in Vaters Augen ganz deutliche Bitten, die an Menschen gerichtet wurden, wenn auch in verhüllter Form.
Aber gerade diese verhüllte Form liebte Vater nicht. Er mußte an seiner Freude zu helfen alle teilnehmen lassen, und das konnte er nur, wenn er mit einer klaren, deutlichen Bitte an die Türen und an die Herzen klopfte. Darum trat er auch stets für die Notwendigkeit und das Recht der Hauskollekten ein und wurde nicht müde, die Berufskollektanten, die tagaus, tagein in Hitze und Frost und Regen ihre Sammelwege gingen, für ihren mühseligen, entsagungsvollen Dienst zu ermuntern. Daß er nur im Aufblick zu Gott bei den Menschen anklopfen konnte, verstand sich für ihn von selbst.
Wie oft trat er mitten aus der Arbeit ganz unvermerkt an sein Fenster! Wir wußten, was da vor sich ging. Aber es blieb sein und auch unser Geheimnis. Von seinem persönlichen Gebetsleben hat er nie gesprochen. Er hat die großen Verheißungen, die dem Gebet geschenkt sind, immer wieder vor der Gemeinde und im Familienkreise gepriesen, aber nie zum Gebet gedrängt. Er wußte, daß dies Größte, Heiligste, Gewaltigste, durch das Erde und Himmel bewegt werden, ohne alles Zutun eines Menschen entsteht. Darum waren ihm auch die öffentlich abgekündeten Gebetsversammlungen wesensfremd. Für ihn war das Gebet das große Vorrecht der Gemeinde, des Familienvaters, jedes einzelnen Christen und der kleinen verborgenen Häuflein, aber eine öffentliche Abkündigung des Gebetes liebte er nicht und nahm darum auch nicht an diesen Veranstaltungen teil.
Die große Zuversicht aber, mit der er in der Verborgenheit oder mit der ganzen Gemeinde Gott um seine Hilfe bat, machte ihn nun auch zuversichtlicher, die Menschen zu bitten. Was er Gott gesagt hatte, warum sollte er das nicht Menschen sagen? Da kannte er keine Grenzen und kein Geheimnis. Die Hilfe, die er suchte, war nicht Geld, sondern Menschen. „Ein Tröpflein Liebe”, sagte er oft, „ist mehr wert als ein ganzer Sack voll Gold.” Um Liebe warb er. Hatte er sie gewonnen, so waren natürlich Geld und Gut und jede Art irdischer Hilfe auch gewonnen. „Ich suche nicht das Eure, sondern euch”, das drang durch alle seine Bitten hindurch. Und wie taten sie unbeschreiblich wohl! Hier wurde das Herz in seiner Tiefe bewegt. Hier wurde der Mensch nicht immer wieder erinnert an sein armes, totes Geld, sondern befreit von seinem Geld, emporgehoben über sein Geld und zu lebendiger Mitarbeit berufen mit allem, was er war und hatte.
Dieser persönliche Klang zog sich durch alle seine Berichte. Man fühlte ihnen ab: sie sind nicht mit der Absicht geschrieben, Geld herauszuschlagen. Sie gingen tiefer als ins Portemonnaie, sie drangen ins Gemüt, ins Gewissen, in die Welt der Gedanken und des Willens, in das Innerste der Person. Und immer waren sie so geschrieben, daß auch der Geringste sie verstehen konnte.
Schon in Basel hatte er die Batzen-Kollekte kennen gelernt. So führte er kurz nach seinem Eintritt in Bethel die Pfennig-Kollekte ein. Jedesmal zehn Freunde der Arbeit erklärten sich bereit, wöchentlich fünf Pfennig für die Pflege der Epileptischen beizusteuern. Einer von den zehn übernahm das Einsammeln und die Verbindung mit Bethel. Oft war es eine Witwe oder ein Krüppelkind, die den Mittelpunkt eines solchen kleinen Kreises bildeten, wöchentlich von Haus zu Haus zogen, um die Gaben in Empfang zu nehmen, und alle Vierteljahr das Blatt mitbrachten, das aus der Arbeit in Bethel berichtete.
Nie ging Vater auf mächtige, wohlhabende, angesehene Persönlichkeiten in erster Linie aus, sondern immer vor allem auf die Kleinen, Schwachen, Geringen. Es besuchte ihn einmal ein Pastor, der für ein großes Hilfswerk eine Stadt nach der andern bereiste, aber nur zu den Reichen ging, nur große Gaben wünschte und auch bekam. Aber es waren nur einmalige Gaben. Nach kurzer Zeit brach das Werk zusammen. Es war nicht in der Tiefe gegründet gewesen. Vater konnte umgekehrt eher erschrecken, wenn er eine ganz große Gabe bekam. Wie, wenn das bekannt würde?! Dann würden seine kleinen Gehilfen und Mitarbeiter hin und her im Lande denken können, ihr Dienst sei jetzt unnötig, während doch gerade aus den kleinsten und verborgensten Quellen und Rinnsalen der Strom entstand, der die immer wachsende Last des Elends, die sich in Bethel sammelte, auf starkem Rücken trug.
Diese Überzeugung, daß die kleinsten Mithelfer die sichersten seien, gab dann auch wieder und wieder die glückliche Form für seine Bitten. Als es sich um den Bau einer Wasserleitung handelte, berechnete er genau die Wassermenge und die Kosten der Leitung. Es stellte sich heraus, daß die neue Anlage täglich 50 000 Liter liefern würde und daß zu ihrer Fertigstellung rund 50 000 Mark nötig seien, also für jeden Liter eine Mark. Damit war die Bitte gegeben:
„Ein Liter kalten Wassers!