Vor zehn Jahren haben die Freunde der epileptischen Kranken uns schon einmal ein köstliches Weihnachtsgeschenk gemacht in Gestalt eines frischen Wassertrunkes, da sie uns eine Gebirgsquelle kaufen und in unsere Anstalten leiten halfen. O wie dankbar waren wir, als zu Weihnachten das frische Wasser in unsern Häusern plätscherte! In den zehn Jahren ist aber die Zahl unserer Anstaltsglieder von 1000 auf 3000 Seelen gewachsen, und was damals reichte, reicht heute längst nicht mehr. Aus vielen Häusern dringt mir jetzt, sooft ich mich sehen lasse, der Ruf entgegen: „Wasser! Wasser!” Wer jemals diesen Ruf von den Lippen armer Verwundeter und Sterbender in den heißen Schlachttagen 1866 und 1870 vernommen hat, der vergißt ihn nie! Aber auch in Friedenstagen tut ein solcher Ruf weh. Frisches Wasser ist namentlich für Kranke eine sehr große Wohltat.
Brunnen graben hilft bei uns nichts, sie versiegen im Sommer. Wir haben, um uns zu helfen, eine zweite Wasserleitung aus dem Gebirge zu legen beschlossen. Dazu aber mußten wir in den sauren Apfel beißen und einen kleinen Bauernhof kaufen, der ein Recht auf das Wasser hatte und der auf keine andere Weise das Wasser abgeben wollte. Das wird ja nun freilich teures Wasser! Mit den Kosten der Leitung müssen wir mindestens 50 000 Mark dafür ausgeben, bekommen dann aber auch täglich 50 000 Liter köstliches Gebirgswasser, also für je eine Mark Anlagekapital täglich für alle Zeit einen Liter Wasser und das ohne jede Arbeit hoch in alle Häuser hinein und außerdem den kleinen Bauernhof mit drei Häusern im Gebirge, die wieder einem kleinen Teil der immer noch so großen Zahl wartender Kranker eine so erwünschte Heimat gewähren können.
Immerhin wird es uns sehr schwer, neue 50 000 Mark Schulden auf uns zu laden. Damals haben uns etwa 12 000 Geber je 50 Pfennig geschenkt und uns so die große Weihnachtsfreude bereitet. Wie wäre es, wenn jetzt jeder Leser sammelte, um für alle Zukunft täglich unsern armen Kranken einen Liter frischen Wassers zu reichen! Wäre das nicht ein liebliches Weihnachtsgeschenk? Ich halte es nicht für unmöglich, daß Gott uns wiederum diese Freude bereitet, und ich wage zu bitten: Frisch ans Werk!
Den Dank überlassen wir dem, der gesagt hat: Wer dieser Geringsten einen mit einem Becher kalten Wassers tränket, wahrlich, ich sage euch, es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.”
Einen Liter, das konnte jeder; diese Freude konnte sich auch der Geringste bereiten. Aber gerade weil die Bitte sich so zu dem Geringsten hinunterbeugte, war auch der Wohlhabende gefaßt. Konnte der Kleine einen Liter geben, dann konnte der Vermögende zehn, zwanzig, fünfzig, hundert Liter schicken. So floß bald die Wasserleitung über. Und viele neue Freunde, die bis dahin den Aufgaben von Bethel fernstanden, waren hinzugewonnen.
Als die erste Nachricht über die große ostafrikanische Hungersnot nach Berlin kam, ließ sich Vater von Missionar Döring die soeben eingegangenen Berichte auf dem Bahnhof in Berlin an den Zug bringen, um sie auf der Heimreise zu studieren. Ich mußte ihm einen Bericht nach dem andern vorlesen. Dann saß er lange mit geschlossenen Augen in der Ecke. Schließlich sagte er: „Schreib mal!” In kurzen ergreifenden Zügen schilderte er die Hungersnot und ihre Folgen. Was sollte geschehen? Sofort sollten die Missionare an der Küste Nahrungsmittel und Kleidung aufkaufen und überall den Eingeborenen gegen Arbeit abgeben. Steine sollten aus den Wegen geschafft, aus den Feldern geräumt und auf Haufen getragen werden, damit Häuser und Schulen und Kirchen daraus gebaut werden konnten. Also „Brot für Steine”. Als er fertig war, sagte er: „So, nun habe ich 100 000 Mark.” Er kannte die Herzen der Kleinen, der Armen, der Schwachen, die selbst etwas von Not und Druck wußten. Den Lohn für einen Stein, der draußen in Afrika einem hungernden Kinde ausgezahlt wurde, konnte auch das ärmste Kind sich von seiner Mutter ausbitten. Wer aber mehr geben wollte, dem waren ja keine Schranken gesetzt. In der Tat kam gerade die deutsche Kinderwelt durch diese Bitte in Bewegung. Jeder wollte helfen, damit für Steine Brot gekauft und der Hunger gestillt werden könnte. Und als schließlich die Hungersnot zu Ende ging, blieb noch so viel übrig, daß auch die sterbenden Familien der Buren in Südafrika mit versorgt werden konnten.
Wenn solche Bitten in die Welt hinausgingen, gab es Anstalten, deren Leitungen erschraken: „Gräbt Bodelschwingh uns nicht das Wasser ab?” Nicht immer blieb es nur bei solchen Schrecken und Befürchtungen stehen; es kam auch zu Verwahrungen, zu Protesten. Vater hatte dafür keine Empfindung. Er sah in solchen Befürchtungen einen verkehrten Sorgengeist, eine geheime Fesselung durch den Mammon. Ihm lag ja gar nicht am Gelde, ihm lag immer an der Liebe. Und die Liebe zu entfachen, war nicht nur erlaubt, das war Pflicht, das kam ja aller Welt zugut, nicht nur ihm und seiner besonderen Aufgabe. Er war überzeugt, daß diejenigen Missionsgesellschaften, die sich in ihrem Gebiet abschlossen und andere ausschlossen, gegen ihr innerstes Wohl handelten. Nur ja der Liebe keine Schranken setzen!
Und wenn man jetzt zurückschaut, so wird es in der Tat in den letzten hundert Jahren wenige Menschen gegeben haben, vielleicht keinen, die so wie Vater Liebe zu wecken wußten, Liebe, die nicht nur irgend einem kleinen Sonderbereich zugute kam, sondern die überall, wo in der Heimat oder in der Heidenwelt eine Not sich zeigte, zur Hilfe willig war. Darum wollte er nichts davon wissen, daß wohltätige Unternehmungen oder Missionsgesellschaften bestimmt umgrenzte Interessengebiete für sich allein in Anspruch nahmen und jedem andern den Zugang wehrten.
Das hat sich auch in der engeren Heimat Bethels, im Ravensberger Lande, gezeigt. Als die Anstalt gegründet wurde, stand mancher der führenden Männer des Landes mit Sorge beiseite. Würden die Werke der inneren und äußeren Mission, die im Lande angefangen waren, nicht durch das neue Unternehmen zu leiden haben? Das Gegenteil ist Wirklichkeit geworden. Zu den bestehenden Anstalten im Lande sind nicht nur die von Bethel hinzugekommen, sondern noch eine nicht geringe Anzahl neuer Pflegestätten, wie die schon erwähnte Anstalt Pastor Krekelers im Wittekindshof und die unter Pastor Siebold zu einem selbständigen Zweige gewordene Waisen- und Fürsorgeanstalt Eickhof in Schweicheln und viele kleine Pflegehäuser in einzelnen Gemeinden. Sie leben alle und werden leben, solange und in dem Maße, als Glaube und Liebe da sind.