Für die Freudigkeit und Willigkeit der Freunde im Lande war es natürlich von großer Bedeutung, daß sie wissen konnten: Man geht mit der Hilfe, die wir bringen, in Bethel sorgsam um. Vater selbst hätte nicht mit solch freudigem Gewissen immer wieder bitten können, wenn er nicht innerhalb der Anstalt unablässig zu größter Treue gegenüber dem anvertrauten Gut angehalten hätte.

Und die Kräfte der Freunde konnten nur wachgerufen und wachgehalten werden, wenn auch in Bethel selbst immer wieder alle Kräfte willig und munter blieben. Als die Wasserleitung gebaut wurde, sah man Vater, seinen ältesten Enkel an der Hand, beide mit dem Spaten auf dem Rücken, an die Arbeit ziehen, um den Graben für die Wasserleitung ausgraben zu helfen. Natürlich wollte jetzt keiner zurückstehen. Es war ein Helfen und Wetteifern von Kranken und Gesunden, bis die ganze 2500 Meter lange Leitung aus dem Berge herangeführt und der Graben wieder zugeworfen war. Aber wenn dann Vater abends die Leitung entlang ging und fand noch Arbeitsgeschirr, das nicht weggenommen war, wie konnte er dann noch denselben Abend an den Hausvater, der mit seinen Leuten an der betreffenden Strecke gearbeitet hatte, ein Briefchen schicken, das durch Mark und Bein ging!

Und doch war diese Sorgsamkeit im Kleinen nicht kleinlich. Ein enges Gewissen und ein weites Herz blieben miteinander geeint. Er blieb der Vater. Es war nichts vom Aufseher, vom Aufpasser in ihm. Er erzwang nicht mit Gewalt eine Treue im Kleinen, wo er sah, daß sie Zeit haben müsse zu wachsen. Und nie sollte die Sparsamkeit die Freude und die Schönheit und den Frieden beschränken. Hätte er immer Zeit gehabt, sich jedes einzelnen Baues anzunehmen, so wäre mancher einfacher ausgefallen. Aber er ließ auch dem Baumeister Freiheit und beschränkte seine Freudigkeit nicht.

Für das Vertrauen der einzelnen Mitarbeiter am Elend aber war es schließlich von großem Wert, zu wissen, daß ihre Schultern nicht mit Aufgaben belastet wurden, die eigentlich von andern hätten geleistet werden müssen. Darum zog Vater von Anfang an und wo er nur konnte, die staatlichen Organe zu Mitarbeitern heran. Aber auch seine Eingaben an die Behörden trugen immer den persönlichen Ton, der an die Herzen drang.

Und immer unterstützte er die schriftlichen Bitten dadurch, daß er selbst kam. So suchte er einige Herren des Provinzial-Landtages in Münster morgens früh in ihrem Hotel auf, noch ehe sie aufgestanden waren, brachte ihnen ihre Stiefel ans Bett und gewann sie dann für seine Anliegen. „Sie sind ein gefährlicher Mensch”, sagte ihm einmal der Finanzminister Miquel, der pflichtgemäß immer die Sache vor die Person stellte, aber sich doch der persönlichen Glut nicht entziehen konnte, mit der Vater seine Angelegenheit vertrat.

Wie bei den Freunden im Lande, so war es auch, wenn er in die Regierungsgebäude, die Konsistorien und Ministerien kam, immer seine Art, von unten anzufangen. Die Pförtner, die Kanzlisten waren seine besonderen Freunde. Sie kannten ihn alle, sie taten ihm alles zu Gefallen. Sie wiesen ihm die Wege zu den Räten und Geheimräten, an die er sich im einzelnen Falle zu wenden hatte, und von diesen stieg er dann auf zum Präsidenten und Minister. Dieser Einfalt der Liebe, mit der Klugheit der Schlange gepaart, konnte auf die Dauer niemand widerstehen. Sie machte sich alle untertan, sodaß der Regierungspräsident von Minden im Blick auf sich und seine Beamten einmal scherzend sagte: „Wir haben die Ehre gehabt, unter Herrn von Bodelschwingh zu dienen.”

Einmal kam von Oberschlesien her ein epileptischer Knabe, Ferdinand Hintze, ganz allein angereist, nur mit einem Schild auf der Brust, auf dem die Bahnbeamten gebeten wurden, dem Jungen auf der Reise behilflich zu sein. Der kleine Ferdinand war denn auch von allen Zugführern und Schaffnern so freundlich behandelt und sicher geleitet worden, daß er bis an sein Lebensende nichts anderes werden wollte als Zugführer. Dieses Pappschild schickte Vater dem Eisenbahnminister ein, erzählte ihm, wie es dem Jungen ergangen sei und wie dankbar dieser wäre für alle ihm widerfahrene Hilfe, und schloß daran die Bitte, daß der Minister in den Fußtapfen seiner liebenswerten Beamten nun allen Epileptischen die große Liebe erweisen möchte, ihnen eine Fahrpreisermäßigung zu gewähren. Die Bitte schlug durch, sodaß seitdem alle Fallsüchtigen und andere mittellose Kranke mit ihren Begleitern zu halbem Preise reisen können, eine Wohltat, die Vater schon einige Jahre vorher allen deutschen Krankenpflegern und -pflegerinnen beider Konfessionen erkämpft hatte.

So wurde er der Bettelmann, von dem die Kinder deklamierten: „Edelmann, Bedelmann, Doktor, Pastor, Kutscher und Bauer und Lumpenmajor.” Und wenn er ein Bettelmann war, der immer wieder kommen durfte, so lag das an seiner tiefen Dankbarkeit. Er durfte bitten, weil er danken konnte. Und auch beim Danken dankte er immer für die Liebe, nie bloß für das Geld. Den Geber meinte er, nicht nur seine Gabe. Ganz unabsehbar ist die Fülle der Briefe, die er bittend und dankend schrieb und die doch immer wieder einen neuen Klang hatten, weil ihm Bitten und Danken nie zum Geschäft wurde, sondern zur täglich neuen Freude, die Gott ihm schenkte. So finden sich in dem Heft der Stenogramme aus Dezember und Januar 1891/92 u. a. folgende Diktate: