Bethel, Weihnachten 1909.

Ruhezeiten.

Die große Arbeitslast hätte Vater nicht bewältigen können, wenn ihm nicht seine Eltern eine ungemein sonnige Naturanlage mitgegeben hätten. Namentlich sein Vater konnte auch in den schwersten Lagen frohgemut sein wie ein Kind. Seine Mutter neigte dazu, die Dinge schwer zu nehmen. Aber wie erzählt, war sie in der Zeit, in der sie ihren kleinen Friedrich erwartete, von ganz besonderem Gleichmut und innerem Frieden gewesen, sodaß Friedrich von Jugend auf unter seinen Geschwistern der zufriedenste und glücklichste war.

Wie haben denn auch wir Kinder diese Freude und dies Glück genossen! Wenn Vater abends von seinen Krankenbesuchen nach Hause kam, dann packte er wohl den Kleinsten von uns, warf ihn in hohem Schwung über seine Schulter, setzte ihn rittlings auf seinen Kopf, sprang und sang in der Stube herum, bis er den kleinen Reiter mit hohem Kopsdebolder wieder auf die Erde beförderte. Oder er ließ uns Größere der Reihe nach antreten, stellte sich mit ausgebreiteten Händen hinter uns und ließ uns dann in seine Arme fallen. Dabei kam es darauf an, daß man es wagte, sich ganz tief, ohne mit den Füßen rückwärts zu treten, fallen zu lassen, den sicheren Händen des Vaters vertrauend. Wer sich am tiefsten fallen ließ, ohne zu zucken, der hatte gewonnen.

Zuweilen des Sonntags baute er auch mit uns und unserm geliebten alten Baukasten einen hohen Turm bis unter die Decke. Abends kam dann die Hauptfreude: das Sisemännchen. Er hatte aus der Zeit, wo er in Pommern hier und da einmal einen Hasen geschossen hatte, noch eine Schachtel mit Pulver übrigbehalten. Daraus nahm er eine kleine Menge, rührte sie mit Wasser an und formte sie zu einer Pyramide, die er dann hinter dem Kachelofen langsam trocknen ließ. Abends, wenn es dunkel geworden war, wurde ein Stückchen Feuerschwamm an einen Stock befestigt, das Sisemännchen oben auf den Turm gesetzt und mit etwas frischem Pulver bestreut. Jetzt kam der feierliche Augenblick, wo Vater den Feuerschwamm anzündete, den Stock mit dem brennenden Schwamm dem Kleinsten in die Hand drückte und ihn in die Höhe hob. Mit verhaltenem Atem standen wir andern um den Turm her, langsam näherte sich das glühende Stückchen Schwamm der kleinen Pyramide. Jetzt — si ... i. i. i. i zischte das Pulver auf, und, nach allen Seiten hin spuckend, sprühend und dampfend, verzehrte sich das kleine Sisemännchen in seiner eigenen Glut.

Zu Ostern gab es natürlich ein Osterfeuer mit den in der heißen Asche gerösteten Kartoffeln, die die Eltern besonders liebten. Die Krönung des Festes aber war allemal der Böllerschuß aus der kleinen Kanone. Sie war aus Messing und nicht länger als ein Finger. Aber das ganze Jahr über freuten wir uns auf den Augenblick, wo sie am Abend des Ostertages von Vater in Tätigkeit gesetzt wurde. Wieder mußte der Kasten mit Pulver herhalten, aus dem sie geladen und dann mit Papier zugepfropft wurde. Dann kam wiederum ein kleines Stückchen Feuerschwamm auf einen Stock, über das Mundloch wurde ein bißchen Pulver geschüttet — und nun — bumm — knallte der Schuß, daß es durch Mark und Bein ging. Aber ehe wir es uns versahen, war Vater auch schon wieder verschwunden und sann über seiner Predigt für den zweiten Ostertag. Uns aber blieb in Erinnerung an solche kurzen Augenblicke ein unbeschreibliches Gefühl des Glückes und der Dankbarkeit.

Denn wenn er sich uns gab, dann gab er sich ganz, dann waren alle Lasten abgeschüttelt, dann war er ein Kind unter uns Kindern, ein Junge unter uns Jungen. Das machte ihm überhaupt sein Leben leicht, daß er bei allem ganz war. Wenn ein armer Kranker in die Stube kam, dann konnte er sich von allem, was ihn beschäftigte, losreißen, sodaß der Kranke spürte: Hier ist nun wirklich einer, der sich meiner Sache ungeteilt annimmt, hier ist mein nächster Freund, mein hingebendster Berater, dem mein Anliegen gerade so wie mir selbst die eine große Hauptsache ist, um die sich alles dreht.

Aber auch bei den kleinen und kleinsten Dingen ging es Vater so, nicht aus einer Überlegung, sondern aus dieser glücklichen Naturveranlagung heraus, sich einem einzigen Gegenstand ganz hinzugeben. Wenn im Vorfrühling die Stare kamen und auf dem Rasenplatz vor unserm Fenster auf- und abstolzierten, dann war er ganz versunken in sie, schwatzte mit ihnen, pfiff ihnen was vor und jauchzte über die Pracht ihres Gewandes, das in der Frühlingssonne in allen Farben glänzte. Oder wenn die Grasmücke draußen vor dem niedrigen Treppenfenster ihre Jungen ausgebrütet hatte, dann lag er auf seinen Knien in dem geöffneten Fenster, bog den Ast mit dem Nest behutsam zu sich herüber und unterhielt sich in den süßesten Tönen mit den Kleinen im Nest, als wenn er ihr Vater wäre und nichts anderes zu tun hätte, als für die Kleinen zu sorgen.

Aber im nächsten Augenblick war er schon wieder ganz in andere Gedanken versunken. Und wie tief konnte er versunken sein in die Sache, die ihn beschäftigte. Dann hörte und sah er nichts um sich her. Dann vergaß er Essen und Trinken. Dann suchte er seine Brille und hatte sie auf der Nase, dann eilte er mit fremdem Hut und fremdem Mantel davon, ohne es zu merken, wie ein glückliches zerstreutes Kind, das ganz von einem einzigen Gegenstand gefesselt ist und die Welt um sich her vergißt.