Seine beste Ruhezeit blieb natürlich die Nacht, nicht nur die Stunden des Schlafes, sondern auch die des Wachens. Und die schlaflosen Stunden nahmen mit den Jahren immer mehr zu. Aber auch sie genoß er dankbar und nutzte sie aus. „Wenn man”, schrieb einer seiner Kandidaten, „des Morgens zu ihm in sein Arbeitszimmer trat, machte er immer einen so frisch gewaschenen Eindruck, als wenn er sich auch von innen gewaschen hätte, nicht nur von außen.” Die wichtigsten Briefe, die er am andern Tage zu schreiben hatte, durchdachte er des Nachts, sodaß es oft wie ein Strom floß, wenn er morgens um sieben in sein Arbeitszimmer kam, wo sein treuer Sekretär mit nie versagender Pünktlichkeit schon auf ihn wartete, um die Stenogramme aufzunehmen. Aber war er des Nachts mit den Aufgaben des kommenden Tages fertig, dann plagte er sich damit auch nicht über das Ziel hinaus, sondern suchte den Schlaf, indem er im Gedächtnis ein Kapitel aus der Bibel wiederholte oder sich ein Kirchenlied vornahm. Es lag ihm immer daran, das Kirchenlied ganz zu beherrschen, ohne eine Strophe auszulassen, und er ließ sich keine Ruhe, bis alle Strophen beieinander waren. Wollte die eine oder andere gar nicht auftauchen, so nahm er schließlich sein Gesangbuch zu Hilfe, das immer neben der Bibel vor seinem Bette lag. Einmal war das Gesangbuch verlegt. Da zog er sich an, und unsere Schwester, die von dem Geräusch geweckt worden war, entdeckte ihn wie einen Nachtwandler, als er unten im Eßzimmer sich das Gesangbuch holte, weil er ohne die vergessene Strophe keinen Schlaf finden konnte.
Stellte sich der Schlaf auch dann noch nicht ein, so vertiefte er sich gern in irgend ein Buch, am liebsten Treitschke oder naturwissenschaftliche Aufsätze. Überhaupt blieb das Weltall gerade in diesen schlaflosen Stunden immer wieder der Gegenstand seiner Betrachtungen und Berechnungen. Dabei nahm er einen Kubikzentimeter Sand zu 100 000 Körnern an und rechnete nun aus, wieviel Sandkörner die Erde, die Sonne und andere Himmelskörper hätten. Beim Morgenfrühstück unterhielt er uns dann mit dem Ergebnis seiner nächtlichen Berechnung und den vielstelligen Zahlen, die er für die Riesenhimmelskörper gefunden hatte, und beides war der Gegenstand seiner Bewunderung: einmal wie unendlich groß die Welt sei und wie klein doch auch wieder, weil sich ihr Maß in einer einzigen Reihe von Nullen mit nur einer Eins davor ausdrücken lasse.
Auch im Gedränge des Tages war sein Schlafzimmer oft sein Zufluchtsort, wohin er sich zurückzog. Einmal erklärte er, er hätte nun keine Zeit mehr, sich zu rasieren, und ließ sich ein paar Tage lang die Stoppeln stehen. Aber schließlich gab er unsern vereinten Bitten nach, und die stillen zehn Minuten, die ihn oben im Schlafzimmer das Rasieren kostete, bildeten ihm allmählich eine immer liebere Unterbrechung im Getümmel des Vormittags. Fröhlich gingen während des Rasierens die Gedanken mit ihm durch, sodaß er, wenn er wieder im Arbeitszimmer erschien, häufig aus vielen Wunden blutete, die er mit kleinen Läppchen Papier zuzukleben pflegte.
Zur Mittagsruhe nach Tisch, während der er mit großer Aufmerksamkeit die Zeitung las, und ebenso zu den Vorbereitungen auf die Unterrichtsstunden suchte er gleichfalls am liebsten seine Schlafstube auf, und dann immer wieder zur stillen priesterlichen Arbeit für die eigene Seele und für die ganze Gemeinde. Einmal wartete jemand auf ihn, und ich suchte ihn oben. Ganz leise öffnete ich die Tür, um ihn nicht zu stören für den Fall, daß er ruhte. Da lag er auf seinen Knien vor seinem Bett. Ich schloß die Tür wieder, ohne daß er es merkte. Seitdem wußte ich mehr denn je, woher er die Ruhe hatte in aller Unruhe und zugleich die unermüdliche Tätigkeit, die alle mit sich fortriß.
In die Nächte hinein arbeitete Vater nur sehr selten. Die Abende waren ja freilich meist auch noch nach dem Abendbrot besetzt. Aber wenn es irgend ging, wurde doch noch eine halbe Stunde herausgeschlagen. Dann lasen wir vor, und Vater unterschrieb die den Tag über diktierten Briefe und Dankkarten. Dabei war es erstaunlich, mit welchem tiefsten Interesse er dem Vorlesen folgte, bis die Abendandacht den Schluß machte. Die Sonntagabende aber waren die glücklichsten. Dann hockte unser jüngster Bruder auf dem Sofa zwischen Vater und Vaters Schwester, der geliebten Tante Frieda, die einige Jahre nach der Mutter Tode zu uns gezogen war. Wir andern drei Geschwister saßen um den kleinen Tisch, und dann wurden Vater und Tante Frieda geneckt! Alte und neue Erlebnisse wurden hervorgekramt, an denen das entsagungsvolle Leben unserer geliebten Tante und die sich drängenden Ereignisse in Vaters Leben so reich waren. Alle wurden in das Licht des Humors, oft auch in das Salz der Kritik getaucht. Dann schmunzelte die alte Tante vor innerstem Behagen, und Vater prustete nach seiner Art in herzlichstem Lachen — bis er schließlich, wenn die Uhr zehn schlug, aufsprang: „Gute Nacht, gute Nacht, Kinderchen, ihr seid böse Buben!”
Dieses Familienglück erhöhte sich vollends, seit aus der Ravensberger Familie von Ledebur-Crollage eine Tochter nach der andern in unsere Familie eintrat. Die ritterliche Art, mit welcher Vater seinen Schwiegertöchtern begegnete, verwandelte sich mehr und mehr in überströmende zarteste Liebe als Dank für alles, wodurch die Lebensgefährtinnen seiner Söhne den Abend seines Lebens erhellten. Er erlebte es noch, wie die Schar der Enkelkinder anfing, ihn zu umspielen, und wurde nicht satt, sich an jedem einzelnen zu erquicken. „Solch einem geliebten kleinen Kindchen zu begegnen,” sagte er einmal, als ihm eins der Enkelkinder mit ausgebreiteten Ärmchen entgegenlief, „das ist mir geradesoviel wert, als wenn ich auf einen hohen, freien Berg stiege.”
Ruhepausen im täglichen Getriebe der Arbeit waren auch immer wieder die Tage und Stunden, wo aus der Ferne Gäste bei uns einkehrten, durch die neue Anregungen kamen oder alte Zeiten wieder lebendig wurden.
Schwester Eva von Tiele-Winckler! Es war jedesmal für Vater ein Trunk frischen Wassers, sooft sie kam. Immer stärker wurde die Hoffnung, sie ganz für die Arbeit in Bethel zu gewinnen. Und schließlich, als die Kräfte der alten Mutter Emilie in Sarepta eine Ergänzung verlangten, und nach deren Tode gab es wirklich mehrere Jahre gemeinsamer Arbeit. Nie seit dem Verlust unserer Mutter hat Vater glücklichere Jahre verlebt als die der gemeinsamen Arbeit und des Verstehens mit dieser hochgemuten Frau. Aber schließlich siegte bei ihr die Pflicht gegen die schlesische Heimat und die dort von ihr begonnene immer mehr wachsende Arbeit.
„Land meiner Heimat
In Nebel und Rauch,
Dir bleib’ ich treu
Bis zum letzten Hauch.”