Wie um ein fernes Kind hat Vater um sie gesorgt, für sie gebetet und sich an der Liebe erquickt, die sie wie eine Tochter ihm bis zuletzt erwies.
Tante Caroline von Zacha! Die Jugendfreundin der Mutter, mit ihrem jugendlichen Herzen, ihrem tiefen Verständnis und ihrem klugen Rat, der immer den Kern der Sache traf!
Hermann Wilm, der erste Senior des Konvikts, der, sooft er kam, mit seinem herzerfrischenden Humor alle die lieben Erinnerungen wachrief an die Frühlingstage der ersten Arbeit für Afrika und der doch nicht ruhte in der Erinnerung, sondern wie ein Sohn die gegenwärtige Freude und Last mit dem Vater teilte und zugleich mit ihm den Blick vorwärts richtete auf neues Hervorbrechen der Herrlichkeit Gottes.
Tage voll erfrischender Ablenkung brachte auch der Besuch des „Wassersuchers” von Bülow. Die Wasserleitung hatte schließlich doch nicht mehr für den immer stärker werdenden Wasserbedarf ausgereicht. So war an einer günstig erscheinenden Stelle ein Bohrloch geschlagen worden. Viel Zeit und Geld hatte man schon verbraucht, ohne daß die Bohrungen zum Ziel führten. Endlich bat Vater Herrn von Bülow, ihm die Liebe zu erweisen, uns aus der Verlegenheit zu helfen. Er kam wirklich, ließ seine Rute auf dem Felde arbeiten, wo bis dahin vergeblich gesucht worden war, und fand nach kurzer Zeit eine starke Quelle. Er stellte auch sofort die annähernde Tiefe fest, in der dann wirklich das reichlich sprudelnde Wasser gefunden wurde.
Zwei ständige Freunde von seltener Treue hatte unser Haus. Das war einmal unser Freund Nedden. Nedden stammte aus angesehener Familie, hatte mit Pastor Stürmer zusammen die Sexta des Gymnasiums besucht, war dann aber in seiner körperlichen und geistigen Entwicklung stehen geblieben. Er arbeitete den Tag über unten in der Ökonomie, hauptsächlich mit dem Waschen der Rüben für die Kühe beschäftigt, und nur morgens und abends kam er zu kurzer Hilfeleistung in unser Haus. Alle Glieder schienen ihm verkehrt angewachsen zu sein, mühsam trug er den kleinen schweren Körper auf den schleppenden Füßen, und aus dem übergroßen Kopf schielten ein paar glanzlose Augen hervor.
Aber welches Feuer lebte in dieser unscheinbaren Gestalt, immer bewegt in Gedanken um die höchsten Dinge! Den Feierabend und Sonntag brachte er über seinen geschichtlichen Büchern zu, die er sich von uns holte. Die Erträge seiner Forschungen, in denen richtige und verkehrte Beobachtungen in der komischsten Weise durcheinandergemischt waren, teilte er dann in vertraulichem Gespräch teils unserm Vater, teils den andern Hausgenossen mit. Die Worte seiner Weisheit waren all die Jahre, die er bei uns aus- und einging, eine nicht endende Quelle der Erheiterung. Auch als seine Beine ihn nicht mehr tragen konnten, blieb er der Hausfreund, der allemal an seinem Geburtstag im Rollstuhl an unserm Kaffeetisch erschien und mit größtem Behagen sich die kleinen Zeichen unserer Freundschaft und Dankbarkeit gefallen ließ.
Und dann Schwester Klara! Sie wohnte in dem kleinen Pförtnerhause der Anstalt, das hart an der Straße am Eingang in unsern Garten lag. Sie war der Cerberus, den jeder Besucher zu passieren hatte. Es war ein beständiger friedlicher Krieg zwischen ihr und Vater. Vater hatte ihren Dienst so gedacht, daß sie allen fremden Besuchern der Anstalt den ersten Weg zeigen, aber niemand abweisen sollte, der zu ihm selber wollte. Sie aber sah ihren Hauptdienst darin, Vater vor allem Anlauf zu schützen und jeden nicht wirklich notwendigen Besuch von ihm fernzuhalten. Dabei war sie grundsätzlich eher zu scharf als zu milde. Durch kein Bitten, durch kein Schelten, auch durch keinen Zorn des Vaters, der gelegentlich aufflammte, ließ sie sich von ihrem einmal eingeschlagenen Wege abbringen. Nur sie selbst weiß, wieviel sie in unsagbar stiller Treue und mit ihrem von Jahr zu Jahr kränker werdenden Herzen von Vater abgehalten hat.
Sie pflegte zwischendurch unsern kleinen Blumengarten und war vor allem ganz in der Verborgenheit die mütterliche Freundin mancher Epileptischen, die ihr Anliegen bei ihr ausschütteten. Nach Vaters Tode siedelte sie ins Feierabendhaus über, wo sie drei Jahre später unter schwerstem Leiden wie eine Heldin ein Leben der Treue beschloß.
Jedes Jahr einmal kam für Vater die eigentliche Ferienzeit. Das war die glücklichste Zeit für die ganze Familie, namentlich solange die Mutter noch lebte. Meist ging es an die Nordsee, nach Norderney, Wangeroog, Langeoog und schließlich immer wieder zum schönen Amrum. Dazwischen gab es Ferienzeiten im Gebirge: im Harz, im Sauerlande, auf dem Hunsrück, im Thüringer Wald. Einige Male auch wurden wir von Freunden in noch weitere Fernen gelockt: nach Holland, an die Ostsee, nach Schottland und in die Schweiz.