Es waren keine Zeiten der Zerstreuung, sondern der Sammlung und der stillen Arbeit. Hatten wir an irgend einem Ort erst einmal festen Fuß gefaßt, so wurde der Regel nach den ganzen Vormittag über gearbeitet. Denn Vater sagte immer wieder: „Nicht im Nichtstun besteht der Vorzug der Ferienzeit, sondern darin, daß man einmal arbeiten kann, ohne beständig unterbrochen zu werden.” Und für uns Kinder war es die höchste Freude, während der Ferienwochen ganz ohne Konkurrenz die Gehilfen des Vaters zu sein.
Sobald unsere kindliche Handschrift auch nur den bescheidensten Ansprüchen genügte, diktierte er uns seine Briefe und Aufsätze. Zuweilen wurde, ehe wir stenographieren konnten, das Verfahren dadurch beschleunigt, daß jedesmal zwei von uns ein Diktat aufnahmen, und zwar in der Weise, daß der eine die erste Hälfte des Satzes schrieb, der andere die zweite, und so fort. In Bethel besorgte dann Freund Kneipp, Vaters epileptischer Sekretär, das Zusammenstellen. Auf solche Weise wurden auch die Erinnerungen zu Papier gebracht, die Vater, sooft die Vormittagsarbeit eine Lücke darbot, aus seinem Leben diktierte. Es waren jedesmal nur kurze Abschnitte dieser Erinnerungen, die wir aus den einzelnen Ferienzeiten mitbrachten. Aber sie bereicherten unser ganzes Leben für die Zeit, die zwischen der vergangenen und folgenden Ferienzeit lag. Nach zwölf Jahren waren die ersten vierzig Jahre bis zur Übersiedelung nach Bethel beschrieben. Zu einer Fortsetzung über die Zeit seit der Übersiedelung von Dellwig nach Bethel konnte er sich nicht entschließen.
Nur ein kurzes Bad in der See oder im Bach pflegte die Vormittagsstunden zu unterbrechen. Die stärksten Wellen waren Vater immer die liebsten. Manchmal schwammen wir in Wangeroog auf die Sandbank hinüber, um dort uns den kräftigen Wellenschlag zu erobern. Und in der Asbach auf dem Hunsrück halfen wir ihm, als Ersatz für die entbehrten Meereswellen mit Hilfe eines Schüttes ein kleines Wellenbad zu bauen.
Nach getaner Vormittagsarbeit wurden am Nachmittag Insel und Land durchstreift, bald in kleinen Ausflügen mit der Mutter zusammen, bald in kräftigen Wanderungen durch Wald und Dünen, am liebsten ohne Weg und Steg geradeaus auf ein Ziel zu, oft bis in die tiefe Dämmerung hinein. Jede Kirche am Wege, jede Fabrik wurde besehen, jeder Bewohner des Landes, der ein Stück mit uns wanderte, gründlich nach Land und Leuten ausgefragt. Dazu erzählte Vater uns Sagen und Geschichten, ein Lied nach dem andern wurde angestimmt, auch die fröhlichen Studentenlieder. Am liebsten hatten wir es, wenn Vater deklamierte. Das half über jede Müdigkeit hinweg. Wohl blieb der Gedanke an Goethe ihm im Blick auf Goethes italienische Zeit immer schmerzlich; aber seine schönsten Gedichte waren Vater stets gegenwärtig. Und daneben vor allen Strachwitz und Uhland. In unserm Quartier hatte inzwischen die Mutter das Abendbrot bereitet. Was für ein fröhliches Nachhausekommen gab es jedesmal und welch gemütlichen Feierabend! Dann hatte jeder seine Handarbeit, und Vater las vor, bis die Abendandacht den schönen Tag beschloß.
1881 hatte uns eine Ferienreise in den Harz und nach Gittelde-Grund gebracht. Und als im September in Harzburg alles leer und wohlfeiler geworden war, siedelten wir noch für ein paar Tage dorthin über, um Goslar und den Brocken zu erreichen, von denen wir in Grund zu weit getrennt gewesen waren.
In Goslar wurde Vater ganz von der Wunderuhr gefesselt. Wir erlebten gerade die Mittagsstunde, wo das Uhrwerk seine volle Kunst entfaltet. Aus einer kleinen Tür treten die zwölf Apostel hervor und wandern am Herrn vorüber, einer nach dem andern ehrerbietig sich vor ihm verneigend; nur der letzte, Judas, bleibt ungebeugten Hauptes. Dann wurde die Kreuzigung dargestellt. Ein Kriegsknecht, auf der Leiter stehend, schlägt die Nägel durch die ausgebreiteten Hände, und ein anderer stößt mit der Lanze in die Seite.
Der Meister hatte uns selbst alles erklärt, und Vater faßte solches Vertrauen zu seiner Tüchtigkeit, daß er ihn bat, sich doch einmal an den Bau eines Flugzeuges zu machen. Er hatte als Junge sich gelegentlich aus einem Stück Blech eine Flügelschraube geschnitten, die mit Hilfe eines leeren Garnwickels und eines Bindfadens in schnelle kreisende Bewegung gebracht wurde und so nicht unbeträchtliche Höhen erreichte, bis sie schließlich ermattet wieder zur Erde fiel.
Es war damals noch nicht die Zeit, daß ein Ersatz des Luftballons durch ein anderes Luftfahrzeug erörtert wurde. Aber Vater baute auf dieses sein Kinderspielzeug seinen Plan auf. An der Hand von Zeichnungen setzte er dem Goslarer Meister auseinander, daß es darauf ankommen würde, eine wagerecht und eine senkrecht kreisende Schraube zwischen Tragflächen aus dünnem Stoff anzubringen, um so eine Aufwärts- und eine Vorwärtsbewegung zu ermöglichen. Die Schrauben selbst aber sollten durch starke Stahlfedern in Betrieb gesetzt werden, die dann während der Fahrt durch den Luftschiffer nachgespannt werden müßten.
Mehrere Stunden lang vertieften sich die beiden Männer in das Problem, sodaß wir viel zu spät von Goslar fortkamen, uns im Walde verirrten, bis wir schließlich durch ein Licht, das auf dem Harzburgberge brannte, auf den rechten Weg gelockt wurden und glücklich unser Quartier erreichten. Der Goslarer Meister hat nie wieder etwas von sich hören lassen, aber den Gedanken des Luftfahrzeuges ließ Vater seitdem nicht mehr los. Es gehörte zu seinen Erholungsstunden, sich damit zu beschäftigen und eine Zeichnung nach der andern zu entwerfen. Wenn wir an die See kamen, fesselte es ihn immer, die Möwen zu beobachten, wie sie, ohne die Flügel zu regen, im starken Wind in der Luft standen. „Seht einmal, Kinder,” sagte er immer wieder, „wie still steht sie da, wie wenig Kraft hat sie nötig! Und der Mensch sollte nicht fliegen können? Ganz gewiß, es geht, es geht!”