Wo er mit Ingenieuren und Offizieren zusammentraf, setzte er ihnen seine Tragflächen mit den eingesetzten Schrauben auseinander und ließ sich durch kein Kopfschütteln irremachen. Später fügte er einen Fallschirm hinzu, den er zu einem unbedingt nötigen Bestandteil seines Flugzeuges machte. Als die Zeppeline aufkamen, konnte er sich nicht viel von ihnen versprechen; sie würden im Winde nicht lenkbar genug sein und bald wieder abkommen. Er hielt an den kleinen Luftfahrzeugen fest. Bis zu seinem Tode war er Bezieher der Luftschiffszeitung und berechnete voll Sehnsucht, wie lange es dauern würde, bis das erste Flugzeug das Mittelländische Meer überqueren und so den Weg nach dem geliebten Afrika abkürzen würde.

Kaiser Friedrich.

Wie schon früher gesagt, blieb in der äußeren Form die Entfernung gewahrt, die den Pastor einer Gemeinde der Elenden von dem Erben des Kaiserthrones trennte. Aber wenn Wahrheit und Treue das Wesen der Freundschaft bilden, so wurde durch sie das in der Jugend geknüpfte Freundschaftsband bis zuletzt festgehalten.

Im Sommer 1885 wandte Vater sich Stöckers wegen in einem ausführlichen Briefe an den Kronprinzen. Es war in der Zeit, wo Stöcker die Niederlegung des Amtes als Hofprediger nahegelegt worden war. Der Brief ließ es dahingestellt, ob es für Stöckers Kampfnatur überhaupt richtig gewesen wäre, das Hofpredigeramt anzunehmen, widerriet aber aufs ernstlichste, ihn jetzt, nachdem er das Amt übernommen, fallen zu lassen. Ohne ihn von Fehlern freizusprechen und ohne sich mit seiner Arbeitsweise in allem einverstanden zu erklären, trat der Brief zugleich aufs wärmste für die persönliche Lauterkeit und Selbstlosigkeit Stöckers ein. Nur der vielleicht zu heißen Liebe und Hingabe Stöckers an Volk, Vaterland und Kaiserhaus seien seine Fehler zuzuschreiben; und es sei erstaunlich, daß einem Manne, der mehr als irgend ein anderer seiner Zeitgenossen im öffentlichen Leben gestanden und gekämpft habe, nicht mehr angehängt werden könne als die kleinen und kleinlichen Vorwürfe, mit denen seine Gegner versuchten, ihn mundtot zu machen. Mit großer Entschlossenheit tritt der Brief schließlich auf den christlich-sozialen Boden, der jedoch nicht als eine Sache der Partei, sondern der Gesinnung aufgefaßt wird. Mit dem Sieg der Gegner der von Stöcker vertretenen christlich-sozialen Parole seien die Tage des deutschen Kaiserreiches und des Hohenzollernhauses gezählt. Darum dürfte Stöcker jetzt nicht gehen.

Eine Antwort auf den Brief erfolgte nicht, wurde auch nicht erwartet. Aber Stöcker blieb damals im Amte.

In den Ferien waren die Blumen immer Vaters besondere Freude. Er pflegte mit der Mutter und uns die zartesten Blumen zu ganz kleinen Sträußen zu binden, die dann den Briefen an Kranke und Freunde beigelegt wurden. Solch einen kleinen Strauß schickte er mit einem begleitenden Briefe im Sommer 1887, als wir auf der Insel Wangeroog waren, dem Kronprinzen, dessen Todeskrankheit sich damals schon angebahnt hatte. Der Kronprinz antwortete:

Bareno, Lago Maggiore, 9. 10. 87.

Lieber Freund!

Ich danke Deinen Kindern vielmals für das Dünensträußchen, welches aus Wangeroog wohlbehalten nach den Tiroler Alpen gelangte, aber nicht minder Dir und Deiner Frau für die Gesinnungen, mit welchen die Blumen gebunden, nebst den guten Wünschen, von denen sie begleitet wurden.

Es tut so wohl, aus der Heimat Grüße der Teilnahme zu erhalten, namentlich, wenn der Körper es nötig macht, lange fern zu bleiben! Doch kann ich mitteilen, daß die Ärzte das Übel als bezwungen ansehen, zumal seit Juli keine Nachwucherungen erfolgten. Dafür muß ich aber mit vieler Geduld eine langsame Genesung in einem andern Klima als dem heimatlichen mir gefallen lassen, weswegen ich den Mund halten und mich möglichst vor Erkältungen bewahren soll. Geschieht dies, und sollte es Gott fügen, so dürfte ich im Frühjahr als Genesener heimkehren.