Mich freut’s, daß Du Dir endlich einmal Ruhe und Luft gestattest, denn angesichts Deiner unermüdlichen Tätigkeit und Hingebung für Dein Liebeswerk könntest Du es ja fast gar nicht aushalten und bist es der Sache und Deinen Freunden schuldig, auch an Dich zu denken. Denn wir bedürfen Deiner auf mannigfachem Gebiet!
Gott segne und erhalte Dich, die Deinen und Deine Schöpfungen. Hoffentlich auf Wiedersehen im Frühjahr!
Dein alter Freund
Friedrich Wilhelm.
Als im Februar 1888 die Besorgnis um das Leben des Kronprinzen immer höher stieg, wurde Vater von seinem Schwager, dem Oberhofprediger Kögel, gebeten, nach San Remo zu reisen. Kögel selbst glaubte, den alten Kaiser Wilhelm nicht verlassen zu sollen, dessen Tage ja ebenfalls gezählt waren. Prinz und Prinzessin Wilhelm begrüßten den Gedanken mit größter Freude und verabschiedeten Vater für seine Reise in großer Bewegung und Herzlichkeit.
Vater erzählte später, wie schwer ihm beim Aufbruch ums Herz gewesen sei und wie wohl ihm auf dem Wege nach Italien die Lieder der Epileptischen in der Anstalt bei Zürich getan hätten und das kurze Zusammensein mit dem alten Samuel Zeller in Männedorf am Züricher See. Mitte Februar war er in San Remo. Professor von Bergmann vermittelte die Audienz bei der Kronprinzessin. Freundlich, aber bestimmt lehnte sie es ab, Vater zum Kronprinzen zu bringen. „Er sollte nichts vom Sterben wissen”, war Vaters Eindruck. Für zwei Tage ging er nach Nizza, um dort die Diakonissenstation zu besuchen, in der zwei Bielefelder Schwestern arbeiteten. Als er zurückkam, erhielt er dieselbe Ablehnung. Traurig reiste er zurück.
Heimgekehrt, bat Vater die ihm befreundete Fürstin-Witwe Elisabeth von Lippe-Detmold, in Kunstschrift drei schlichte Strophen zu malen, die dem Herzen eines schwer Leidenden entquollen waren (Ernst v. Willich). Er schickte sie nach Charlottenburg mit der Bitte, sie im Krankenzimmer des sterbenden Kaisers aufzuhängen. Soviel wir wissen, wurde wenigstens diese Bitte erfüllt. Die Strophen hießen:
Wenn der Herr ein Kreuze schickt,
Laßt es uns geduldig tragen;
Betend zu ihm aufgeblickt,
Wird den Trost er nicht versagen.
Denn es komme, wie es will:
In dem Herren bin ich still.
Ist auch oftmals unser Herz
Schwach und will wohl gar verzagen,
Wenn es in dem stärksten Schmerz
Keinen Tag der Freud’ sieht tagen,
Sagt ihm, komm’ es, wie es will:
In dem Herren bin ich still.