Darum bitt’ ich, Herr, mein Gott:
Laß mich immer glaubend hoffen,
Denn dann kenn’ ich keine Not,
Gottes Gnadenhand ist offen.
Drum, es komme, wie es will:
In dem Herren bin ich still.

Bei der Todesnachricht schluchzte Vater auf. Man fand ihn nachher im Selbstgespräch unter dem Bilde des Kaisers Friedrich, das in unserm Wohnzimmer hing: „Mein Friedrich, bist du wirklich tot?”

Amrum.

Vater litt von Zeit zu Zeit an einer Schwäche des Halses und der Brust, die ihm das Atmen und Sprechen erschwerte. Zur Linderung dieses Gebrechens ging er immer wieder ans Meer. Es war im Jahre 1876, daß er mit unserer Mutter zusammen zum ersten Male an die See reiste, und zwar auf die Insel Borkum. Der Herbst war hereingebrochen, und die meisten Gäste waren schon abgereist. So verlebten die Eltern dort ganz besonders glückliche, stille Wochen, von denen sie uns oft erzählten.

Kurz vor ihrer Abreise aber durcheilte eines Morgens eine Schreckensnachricht die Insel. Man hatte in den Dünen die Leiche eines jungen Mannes mit zertrümmertem Schädel gefunden und nicht weit davon einen Strandhammer, womit augenscheinlich die Tat ausgeführt worden war. Es handelte sich um einen jungen Landwirt vom Festland, der als Badegast auf die Insel gekommen war. Man hatte ihn noch am Abend vorher bis spät in die Nacht hinein mit einem andern Badegast im Wirtshause beim Kartenspiel gesehen. Es konnte kaum anders sein, als daß dieser andere der Mörder war. Sofort wurden alle Boote mit Wachtposten besetzt, damit keiner die Insel verlassen könnte. Vater aber und sein Vetter, der Landdrost von Quadt, halfen bei der Suche nach dem Täter. Bald war denn auch der mutmaßliche Mörder entdeckt, der so lange am Leugnen blieb, bis man in seiner Wohnung die Geldbörse des Ermordeten fand und bis die am Strand und in den Dünen gefundenen Fußspuren zeigten, daß sie genau mit dem Maß seiner Stiefel übereinstimmten. Da gestand er seine Tat ein. Während des Kartenspiels hatte ihm der Ermordete erzählt, daß er der Sicherheit wegen all sein Geld stets bei sich trüge und daß er auch jetzt seine ganze Barschaft in der Höhe von 80 Mark in der Tasche habe. Das hatte den Mörder gereizt. Er lockte sein Opfer an den Meeresstrand, ergriff dort einen großen Holzhammer, der den Strandarbeitern gedient hatte, um Holzpflöcke zur Herstellung eines Schutzdammes in den Sand zu treiben, und jagte hinter seinem Opfer her. Man konnte die Spur der beiden im Sande verfolgen. Der Ermordete war geradeswegs auf den Leuchtturm zugeeilt, dessen Licht zum Strand herüberleuchtete. Der Mörder aber war ihm mit langen Sätzen nachgejagt, war ihm bei einem Sandberge, den er von der kürzeren Seite umkreist hatte, zuvorgekommen und hatte ihm so den tödlichen Streich versetzt.

Vater hatte niemals Freude an schauerlichen Geschichten. Aber diese Geschichte erzählte er immer wieder. Ihm spiegelte sich darin wie in einem Brennpunkte das ganze Elend, das vielfach durch das moderne Badeleben die stillen Inseln des Vaterlandes überflutet. Und die Todesangst des Erschlagenen und der Todesschrecken der friedlichen Bewohner von Borkum standen ihm immer aufs neue vor Augen, wenn er an so viele deutsche Badeorte dachte, die durch den Zustrom der Fremden in ihrem innersten Leben eine tödliche Wunde empfangen hatten.

Vater ging nie wieder nach Borkum, sondern statt dessen einige Male nach Norderney. Aber nachdem er zweimal in Norderney gewesen war, erklärte er: Ich gehe auch dahin nie wieder! Er sah, wie die eingeborene Bevölkerung durch die Badegäste ihres Sonntags beraubt wurde. Es war ihm fast unerträglich, in der Kirche zu sitzen und die von den Ortseingesessenen verlassenen Bänke zu sehen. Am meisten litt er unter dem Strom des Luxus und der Sünde, der durch die Fremden auf die Insel kam und viele Insulaner dahin brachte, ihr hartes, arbeitsames Leben aufzugeben und Sitte und Glauben der Väter zu verleugnen. Statt nach Norderney gingen die Eltern fortan mehrere Male mit uns Kindern auf die stilleren Inseln Langeoog und Wangeroog. In solchen Ferienzeiten taten dann die Eltern, was sie nur konnten, um Badegästen und Eingesessenen mit gutem Beispiel voranzugehen. Sie standen Sonntags früher auf als alltags und machten selbst ihre Betten. Dann wurden wir Kinder geweckt, damit wir das gleiche täten und so das Frühstück nicht so lang in den Sonntag hineingezogen würde. Ein Seebad nahm Vater nie am Sonntag, um dem Badewärter Arbeit zu ersparen, und mit ganzer Energie drang er darauf, daß Sonntags nur von einem statt von zwei Tellern gegessen wurde, damit den Mädchen die Arbeit des Spülens erleichtert würde.

So fiel die Bitte, die im Sommer 1888 von der Insel Amrum herübertönte, bei Vater auf wohl vorbereiteten Boden. Es kam nämlich von dort ein Brief des Inselpastors Tamsen, der Vater einlud, nach Amrum zu kommen und zu helfen, daß die Insel gegen die drohende Welle des modernen Badelebens geschützt würde.

Vater hatte noch niemals den Namen Amrum gehört und wußte nicht, wo es lag. Wir mußten ihm den Atlas herbeibringen und suchen helfen. Da lag denn die geheimnisvolle Insel wie ein einsamer Vorposten im Schleswiger Meer. Mit ihren Schwestern, den Inseln Sylt und Föhr, und den nach dem Festlande zu gelegenen Halligen bildet sie den letzten Überrest des einst so blühenden Landes, das vor fast dreihundert Jahren durch einen furchtbaren Sturm ins Meer gerissen worden war. 37 Kirchen waren damals mit ihren Ortschaften und einem großen Teil ihrer Bewohner im Meer verschwunden, um nie wieder emporzutauchen. Nur die Grundmauern einer einzigen von jenen 37 Kirchen blieben erhalten. Und bei klarem Himmel und stillem Wasser bringt der Schiffer von Amrum seine Gäste bis an die Stelle, wo zwischen Amrum und Sylt die Mauern der Kirche auf dem Grunde des Meeres zu sehen sind. Wenn aber lange Zeit hintereinander Ostwind weht und dadurch die tiefsten Ebben eintreten, dann steigen die Mauern der versunkenen Kirche sogar aus dem Wasser empor, ein ergreifendes Denkmal vergangener Herrlichkeit.

Aber ein wertvolleres Denkmal der alten Herrlichkeit ist Amrum selbst, nicht nur durch seine hohen, stolzen Dünen und die dahinter gelagerten fruchtbaren Felder und Wiesen, sondern vor allem durch das alte Friesengeschlecht, das auf Amrum zu Hause ist. Seefahrer und Ackerbauer sind die Amrumer von alten Zeiten her gewesen, und die Inschrift, die wir drüben auf einem der Friedhöfe der Insel Föhr entdeckten, paßt auch für manchen, der an der Kirchmauer von Amrum schläft: