„Mit gleichmäßiger Hand im wechselnden Laufe der Jahre
Führte das schwankende Schiff einst er durchs wogende Meer,
Dann durch den Acker, den stillen, die sicher gehende Pflugschar,
Und im Rate des Volks fehlte dem Lande er nie,
Bis zu dem Greise, dem müden, der Tod als Freund ist gekommen,
Führt, wie zum Hafen das Schiff, still ihn zum ewigen Licht.”

Bis dahin hatte nur hie und da ein einsamer Badegast Amrum betreten. Jetzt aber drohte die Spekulation sich der Insel zu bemächtigen. So sah sich Pastor Tamsen nach einer Hilfe um, die die Insel vor der Spekulation schützte, sie aber zugleich auf den Weg eines gesunden sozialen Fortschrittes stellte. Pastor Ninck in Hamburg riet ihm, sich an Vater zu wenden. Vater fing alsbald Feuer. Einige Briefe gingen hin und her, bis er eines Mittags sagte: „Kinder, telegraphiert nach Amrum: Wir kommen.”

Mit dem ersten Ferientage des Jahres 1888 waren wir unterwegs nach Hamburg. Am andern Morgen aber ging die Fahrt mit der „Freia” die Elbe hinunter nach Helgoland und der Insel Föhr, und zwei Tage später landeten wir auf Amrum. Am Hafen stand ein Pastor, der als Festprediger für das Missionsfest gekommen war, der aber infolge einer Todesnachricht die Rückreise antreten mußte, ohne seine Predigt halten zu können. So ging Vater alsbald statt seiner auf die Kanzel und freute sich, auf diese Weise gleich von vornherein in kräftige Verbindung mit der ganzen Inselbevölkerung zu kommen. Wie jauchzte sein Herz dieser Gemeinde entgegen, die mitten in der Erntezeit und an einem Alltage im festlichen Schmuck der Friesenkleider ihr Missionsfest feierte! Aus der Kirche aber ging es ins Pfarrhaus. Da waren die Tische mit Kaffee und Kuchen gedeckt, wie es sich am Missionsfest gehört; drei liebliche Kinder waren da und eine stille Pfarrfrau. Das Beste aber waren die glänzenden schwarzen Augen des Pastors, die aus dem hageren Antlitz, das schon die Vorboten eines frühen Todes zeigte, desto durchdringender leuchteten. Ich sehe noch, wie Vater den Arm von Pastor Tamsen faßte und die beiden Arm in Arm auf der weiten Wiese vor dem Pfarrhause in ernsten Gesprächen auf- und abgingen. Sie galten der Zukunft von Amrum.

Wir fanden ein leerstehendes Haus, dessen Besitzer auf dem Meer umgekommen war und dessen Witwe kinderlos bei ihren alten Eltern wohnte. Es lag an der Grenze des Kirchdorfes mit freiem Blick auf das Wattenmeer und die Insel Föhr, deren drei hohe Kirchen wie aus dem Wasser herauszuragen schienen.

Gleich am ersten Morgen bauten wir mit Vater zusammen am Rande der Wiese, die an den Garten unseres Hauses grenzte, aus einem großen alten Segel ein geräumiges Zelt. Dort brachten wir arbeitend unsere Vormittage zu. Die Nachmittage aber dienten der gründlichen Durchforschung der Insel. Wir hatten bei unsern Streifzügen unser Badezeug bei uns, um aus eigenster Erfahrung erproben zu können, an welchen Stellen sich am günstigsten baden ließe und welcher Teil der Insel überhaupt zur Errichtung eines Seebades in Betracht käme. Wir badeten zunächst im Wattenmeer, um den Untergrund zu erforschen. Aber der Sumpf, in dem wir alsbald bis über die Knöchel versanken, zeigte sofort, daß es ganz ausgeschlossen sei, an der dem Strand entgegengesetzten Seite der Insel eine Badegelegenheit zu schaffen. Dann ging es über Süddorf und den hochragenden Leuchtturm, den stolzesten der ganzen deutschen Küste, an das Südende der Insel. Auf diesen Teil, so hieß es, hätten vor allem auswärtige Unternehmer ihr Auge gerichtet. Aber trotz des wehenden Windes waren die Wellen und der Wellenschlag so unbedeutend, daß es Vater sofort klar war, daß kein Badegast, der kräftigeren Wellenschlag begehrte, sich auf diesem Teil der Insel befriedigt sehen könnte und daß alle Unternehmungen, die sich hier festsetzen würden, von vornherein mit dem Bankerott würden kämpfen müssen.

Dann kam der mittlere Teil der Insel an die Reihe. Von Nebel aus ging es durch die hohen Dünen geradeswegs auf den Strand zu. Aber während früher die Wellen bis unmittelbar an den Dünenrand gespült hatten, hatte sich im Laufe der Jahre eine große Sandbank vorgelagert, die nur bei ganz hoher Flut überspült wurde. Diese Sandbank galt es in einer Breite von etwa einer halben Stunde zu durchqueren. Und wenn wir draußen auch einen vortrefflichen Wellenschlag fanden, so zeigte es sich doch, daß wegen der großen Entfernung an dieser Stelle eine Badeanlage wenig Aussicht auf Erfolg hatte. So blieb nur noch die Nordspitze der Insel übrig.

Eine Stunde von Nebel entfernt stießen wir auf den Flecken Norddorf. Es war, als wenn seine schilfgedeckten Häuser sich noch tiefer als die andern Häuser der Insel in den Sand hineinduckten und sich fast ängstlich an den Abhang anschmiegten, der sich im Rücken des Dorfes hinzog. Wohl blühten auch hier in den kleinen Gärten schüchterne Blumen. Aber sie wagten sich nicht so kühn hervor wie im geschützteren Nebel und im milderen Süddorf. Und die Stille und der Ernst, die ja überhaupt bei den Leuten der Meeresküste zu finden sind, schienen bei den Bewohnern von Norddorf in besonderem Maße Hausrecht zu besitzen. Mancher Sohn von Norddorf hatte sich jenseits des Ozeans eine neue Heimat suchen müssen, weil die alte Heimat nicht genug an Unterhalt und Arbeit bot. Und manchen Vater und Bruder hatte das Meer verschlungen. Es mochte am Nordseestrand wenig Dörfer geben, wo dem Verhältnis nach so viele Witwen und Waisen zu finden waren wie in Norddorf. Aber desto heimatlicher wurde unserm Vater dort alsbald zu Mute. Denn da, wo er auf Menschen stieß, die in Kampf und Entbehren und verborgenem Leid saßen, war ihm immer am wohlsten.

Von dem stillen Dorf aus wanderte unser Blick noch weiter nordwärts. Da lag vor uns das Marschland von Riesum, im Winter so oft von den Sturmfluten überschwemmt, aber jetzt mit seinen weidenden Schafen, Kühen und Pferden und seinem saftigen Grün ein überaus lieblicher Anblick. Über Riesum hinweg aber flogen die Augen zur nördlichen Spitze von Amrum, dem letzten einsamen Außenfort der Insel. Dahin ging nun die Wanderung.

Als wir an den Strand kamen, brauste ein Regenschauer hernieder, der uns zwang, in einem von den Strandarbeitern errichteten niedrigen Zelt Unterschlupf zu suchen. Das gleiche hatte vor uns schon ein altes ehrwürdiges Ehepaar getan. Es war der Kirchenrat Lotze, Löhes einstiger Gehilfe, der Nachschreiber und Herausgeber von Löhes Predigten, der sich mit seiner Frau in die weltverlassene Stille von Amrum geflüchtet hatte. Und während wir in dem engen Zelte hockten, erfüllte der alte Lotze Vaters Herz vollends mit Begeisterung für dieses schöne und ernste Stückchen Erde. „Hier hört man ordentlich die Stille”, sagte er, als er aus dem Zelte kroch und tief aufatmend seine Augen über den Strand und das einsam brausende Meer schweifen ließ.

Dann ging es weiter, der Nordspitze zu. Kein Haus, kein Mensch, kein Schiff; nur die Kaninchen huschten daher, und die Möwen schrien in der Luft, und ein paar Schäfchen weideten einsam am Fuße der Sandberge. Lange standen wir auf den hohen Dünen, die hier steiler als an irgend einem Punkte der Insel ins Meer abfallen, weil nirgends so wie hier das Meer bis an ihren Fuß spült und ihre Fundamente benagt. Dann ging es hinunter in die Wellen. Sie waren freilich nicht so hoch und mächtig, wie man sie in Norderney findet oder gar in Sylt, aber es waren doch kräftige Wasserstürze, die einem den Rücken rot peitschen konnten und das Blut frischer durch die Adern jagten. Das war ein Bad so ganz nach unseres Vaters Sinn. Zu stark konnte er es nicht mehr vertragen; aber zu schwach liebte er es auch nicht. Er stampfte ordentlich vor Freude in den festen Sand des Strandes, als wir klappernd vor Kälte und Anstrengung wieder in unsern Kleidern waren.