Schließlich wurde noch das ganze Eiland der Nordspitze gründlich durchforscht. Mit langen Schritten, jeder Schritt zu einem Meter berechnet, maß Vater die ebenen Streifen Landes ab, die sich im Schutz der Dünen für menschliche Niederlassungen eigneten.
An den folgenden Tagen überlegte Vater eingehend mit Pastor Tamsen. Dann wurden die Amrumer zu einer Abendversammlung in die Kirche eingeladen. Hier stellte Vater der ganzen Gemeinde in seiner Herz und Gewissen packenden Weise die Gefahr vor, die der Insel drohe von einer Spekulation, die nur ihren eignen Gewinn suche und keine Rücksicht auf die Bedürfnisse der Insulaner kenne. Er bot seine Hilfe an, rechtzeitig der Spekulation zuvorzukommen und dort oben im Norden der Insel ein Hospiz für stille Badegäste zu errichten, die leibliche und geistige Erholung suchten und gleichzeitig Sicherheit böten für die Erhaltung der Vätersitte und des Väterglaubens auf Amrum.
Vaters Worte schlugen ein. In der Sitzung der Gemeindevertreter, an der Vater und Pastor Tamsen teilnahmen und in der Vater seinen in der Kirche entwickelten Plan noch im einzelnen darlegte, wurde einmütig beschlossen, das ganze Vorkaufsrecht für alle bebaubaren Flächen im nördlichen Teil der Insel an Vater abzutreten. Damit war der entscheidende Schritt getan; und die Eltern kehrten mit uns in die Heimat zurück.
Nun galt es, Freunde für das junge Unternehmen zu gewinnen und das unentbehrliche Kapital flüssig zu machen. Aus schleswig-holsteinischen und Hamburger Kreisen bildete sich ein Verein, der im Bunde mit dem Diakonissenhaus Bethlehem in Hamburg und dem Bielefelder Diakonissenhaus die Aufrichtung des Amrumer Hospizes in die Hand nahm und, zumeist unter persönlichen großen Opfern, das nötige Kapital vorstreckte. Freilich ging über den Verhandlungen mit der Regierung, die die getroffenen Abmachungen zu genehmigen hatte, zunächst noch ein ganzes Jahr hin. Aber als das Frühjahr 1890 herankam, lag ein schwedisches Schiff im Hafen von Amrum. Vater hatte durch schwedische Gäste, die Bethel besuchten, von der Bauart der schwedischen Holzhäuser gehört. Das hatte ihm eingeleuchtet. Es schien ihm ohnehin geraten, auf der von den Sturmfluten so oft und schwer bedrohten Nordspitze statt schwerer Backsteinbauten möglichst leicht bewegliche Häuser zu errichten, die im Notfalle wieder abgebrochen und an einer andern Stelle aufgeschlagen werden konnten. So barg das schwedische Schiff in seinen Wänden drei fix und fertig zugeschnittene Holzhäuser, ein großes und zwei kleine, die in wenigen Wochen aufgeschlagen, mit schneeweißer Dachpappe gedeckt und mit den notwendigsten Möbeln eingerichtet waren.
Anfang August 1890 brachen die Eltern zum zweiten Male mit uns nach Amrum auf. Da lagen sie wirklich vor unsern erstaunten Augen, die drei schlichten, anmutigen Häuser, von denen das kleinste für uns bestimmt war.
Es begann ein ungemein glückliches Leben. Wir waren mit den Insulanern und Hospizgästen wie eine große Familie, die zusammengehörte und Freud und Leid miteinander teilte. Wohl trieb der scharfe Wind hier und da einmal den Regen durch die noch nicht ganz fest gefugten Bretter; wohl waren die Badehütten am Strand nur auf das notdürftigste eingerichtet; wohl hatte Schwester Pauline, die Hausmutter, manchmal Not, das Fleisch nach dem langen Transport von Hamburg her frisch zu erhalten, — aber Vaters Heiterkeit ließ keine Sorgen und Klagen aufkommen.
Der römische Dichter Horaz sagt einmal: „Es kommt darauf an, was zum ersten Male in ein neues Gefäß gegossen wird, denn dessen Geruch behält es für immer.” So ging es auch in Amrum. Von Vaters Art und Wesen strömte ein Wohlgeruch aus, der zugleich nach Erde und Himmel schmeckte. Natur und Gnade waren bei ihm wie zwei Rosen an demselben Stiel, und ihr Duft erquickte jeden, der mit Vater in Berührung kam, bis ins Herz. Diesen Wohlgeruch goß er damals in die neuen Häuser auf Amrum, und sie konnten ihn nicht wieder verlieren.
Schon im nächsten Jahre zeigte es sich, daß das erste Hospiz mit seinen drei Häusern nicht ausreichte, um das Werk, das einmal begonnen war, durchzuführen. Inzwischen waren nämlich auf der Südspitze der Insel mächtige Hotels entstanden. Eine umfassende Reklame hatte durch ganz Deutschland eingesetzt. Der Name Amrum war in aller Mund. Aber viele, die auf solche Reklame hin auf der Südspitze landeten, sahen sich enttäuscht, und Vaters Voraussage trat ein: ein Bankerott jener Hotelunternehmungen folgte auf den andern. Desto stärker aber wurde nun das Gedränge nach dem soviel günstigeren nördlichen Teil der Insel. Norddorf wurde von Gästen gestürmt. Und um den Gästen zu dem Quartier, das ihnen Norddorf gab, auch Speise und Trank darreichen zu können, blieb nichts anderes übrig, als an dem Dünenrande zwischen Norddorf und dem Meere ein zweites Hospiz zu bauen und bald ein drittes, bis im Jahre 1905 gar das vierte und im Jahre 1911 das fünfte hinzukam.
An Sorgen hat es freilich auf Amrum nicht gefehlt. Es kamen Zeiten, wo gute Freunde rieten, die Arbeit aufzugeben. Aber Vater blieb unerschrocken. Ja, er wurde zornig, wenn der Gedanke auftauchte, die Hospize zu verkaufen. Wie er nicht um Geldes willen die Sache angefangen hatte, so wollte er sie jetzt nicht um Geldes willen preisgeben. Er wußte, daß dann die ganze bisherige Arbeit verloren und das schöne Nordland mit seinen treuen Bewohnern der Macht der Spekulation rettungslos ausgeliefert sei. Jetzt konnten die Töchter Amrums in der Stille der Hospizarbeit zu tüchtigen Hausfrauen herangebildet werden. Was aber würde sonst aus ihnen werden?