Schon allein dieser eine Gedanke genügte für Vater, um die Treue, die er Amrum einmal versprochen hatte, nur desto fester zu halten. Und schließlich erlebte er es denn auch, daß alle Bedenklichkeiten überwunden und auch die Schulden- und Sorgenlasten leichter wurden. Hingebende Mitarbeiter fanden sich, die in leitender und dienender Stellung die Arbeit in Amrum trieben. Fast aus allen Ständen und Berufsarten stellten sie sich im Laufe der Jahre ein. Und daß es meist sogenannte Laien waren, die hier unter den Augen des unermüdlichen Herrn Kehrer nicht nur die äußere, sondern auch die innere und innerste Arbeit taten, war für Vater immer aufs neue eine besondere Freude. Der geistliche Vater der Hospize aber wurde mehr und mehr der alte Pastor von Wilucki. „Väterchen Wilucki!” wie oft hat das Vater gerufen, wenn er dem ehrwürdigen Manne um den Hals fiel, um ihm für seine unermüdliche Liebe zu danken, mit der er elf Jahre hintereinander seine emeritierten Kräfte vor den Hospizwagen spannte.
Nach unserer Mutter Tode hat Vater wieder und wieder sein liebes Amrum aufgesucht. Weil sein Herz jung blieb bis zuletzt, darum konnte er bis in sein hohes Alter hinein neue Freundschaften schließen. Und daß ihm Gott gerade auf Amrum so manches neue Freundesherz schenkte, gehörte zu seinen besonderen Erquickungen. Von denen, die inzwischen abgerufen sind, waren es vor allem der Herausgeber des „Baseler Volksboten”, Theodor Sarasin, und seine noch lebende hochgesinnte Frau, die beide mit ihrem Himmel und Erde umspannenden Interesse Vaters Herzen ganz besonders nahestanden. Hier fand Vater zwei ihm in ungewöhnlichem Maße gleichgeartete Naturen, in deren Gegenwart er sich besonders wohl fühlte.
Aus der Menge der Freunde und Gäste riß sich Vater dann immer wieder los, um in der Einsamkeit nachzudenken. Gern stieg er auch in das Boot, um bis vor die Brandung der vordersten Sandbänke zu segeln, die weit draußen im Meere ihren schützenden Gürtel um Amrum legen. Dann las er den Gästen, die mitfuhren, vor, oder er saß still für sich allein unter dem Vordersegel und summte ein Lied vor sich hin. Einmal, als eine Mißstimmung unter den Hausmädchen des Hospizes ausgebrochen war, machte er ganz allein mit ihnen eine Segelfahrt hinaus ins Meer, und als sie abends heimkehrten, waren Friede und Eintracht wieder hergestellt.
Am liebsten hatte Vater die Halligen. Unvergeßlich ist die erste Fahrt, die wir dahin machten. Vater war zum Missionsfest nach der Hallig Hooge eingeladen. Da kein Dampfer dort anlegte, mieteten wir den „Hotspur”, einen starken Segelkutter des früheren australischen Goldsuchers und jetzigen Austernfischers Peters. Schon am Tage vorher mußten wir aufbrechen, um rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein. Erst dicht vor Mitternacht wateten wir von unserm Boote aus, Schuhe und Strümpfe in den Händen, an das einsame Eiland und suchten uns durch die Dunkelheit an den grasenden Kühen und Schafen vorbei den Weg zum Pfarrhaus. Es war dasselbe Haus, auf dessen Dach sich der Vorgänger des jetzigen Pastors mit Frau und Kind vor der Sturmflut geflüchtet hatte. Nur ihr kleinstes Kind hatten sie mit hinauf retten können, die andern Kinder trugen die Wellen davon in den Tod hinein. Die Kanzel aber, auf der Vater andern Tages seine Predigt hielt, stammte aus einer jener 37 untergegangenen Kirchen. Sie war nach jener Schreckenszeit an das Ufer von Hooge gespült worden.
Je öfter Vater nach Amrum kam, desto wohler fühlte er sich in der stillen Inselwelt, desto familienmäßiger schlossen sich die Bande zwischen Insulanern und Hospizgästen. Mancher schöne Familienabend wurde gefeiert. Dann kamen die stillen Männer der Insel und in ihrer eigenartigen Tracht die Frauen und Mädchen; und der Pastor und Doktor kamen; und hoch auf seinem Rappen kam der originelle alte Kantor Bandix Bonken, der drüben von der kleinen Hallig Gröde stammte und in dessen Geburtsjahr sich die Eintragung im Kirchenbuch der Hallig findet:
Geboren eins.
Gestorben keins.
Kopulieret ein Paar,
Welches des Küsters Töchterlein war.
Der „Geboren eins” aber war der spätere Kantor von Amrum.
Die Hospizgäste waren wie Kinder im Hause, die Sonntags dem Vater zuliebe und dem Dienstpersonal zur Freude ihre Betten machten und mittags auf leisen Sohlen durch das Haus schlichen. Unter allen schönen Stunden aber, die wir auf Amrum verlebten, waren jedesmal die schönsten, wenn Vater die Morgenandacht hielt oder wenn er, sei es in der Strandhalle, sei es an einer geschützten Stelle in den Dünen, die Bewohner der Hospize zu einer freiwilligen Bibelbesprechstunde vereinigte. Der letzten Stunde, die ich mit erlebte, lag der Text aus dem 2. Korintherbrief zu Grunde: „Wir haben allenthalben Trübsal, aber wir verzagen nicht.” In der anschließenden Besprechung kam die Rede aufs Sterben, und Vater sagte: „Das letzte Sterben ist das schwerste nicht, aber den alten Adam täglich in den Tod geben, — nichts ist schwerer, aber auch nichts ist feiner.” „Auf das letzte Stündelein aber wollen wir uns bereit machen; desto leichter wird es sein, wenn es einmal da ist.” „Es ist mir wohl manchmal ein bißchen bange, wenn ich an die letzte Fahrt denke, aber” — mit dem Finger in die Höhe zeigend — „mein Heiland ist am Steuerruder. Und ist die letzte Fahrt überstanden, dann sind wir am lieben jüngsten Tage alle zusammen vor Gottes Thron und haben alle Vergebung der Sünden. Dann wollen wir danken und loben ohne Aufhören. Denn Dank und Lobgesang ist unser Ziel, wie wir überhaupt geschaffen sind zum gemeinsamen Lobe Gottes.”