Statt nach Amrum hatten wir im Sommer 1888 eigentlich auf den Hunsrück reisen wollen. Dort, in einem Seitental der Nahe zu Füßen der alten Wildenburg, hatte die Familie von Stumm-Halbach ein Besitztum, die Asbacher Hütte. Hier hatte die Wiege der großen Stummschen Industrien des Saargebiets gestanden. Die Hütte selbst war längst außer Betrieb gesetzt, aber das alte Wohnhaus stand noch. Die Familie von Stumm bot es Vater an, um es nach seinem Belieben zu wohltätigen Zwecken zu verwenden. Um an Ort und Stelle zu prüfen, in welcher Weise das Anwesen am besten nutzbar gemacht werden könne, war beschlossen worden, dort oben die Ferien zu verleben und zugleich einen Abstecher nach Metz zu machen, wo unsere Schwestern arbeiteten und wohin Vater durch so manche Erinnerungen aus der Kriegszeit gelockt wurde. Durch den Ruf, der aus Amrum kam, hatte die Reise verschoben werden müssen; aber im nächsten Sommer, 1889, wurde sie nachgeholt. Zunächst ging die Reise nach Metz.
Unvergeßlich waren die Tage, die wir dort erlebten. Der Kaiser nahm große Parade ab, und die jugendliche Kaiserin kam zur Einweihung des Mathildenstifts, wo unsere Schwestern die Arbeit übernahmen. Wir haben da die edle, gütige Frau zum erstenmal gesehen. Am Schluß der Feier rief uns Vater der Reihe nach zu ihr heran, und nach der Mutter küßten wir Geschwister der Kaiserin die Hand.
Als das Kaiserpaar Metz verlassen hatte, führte Vater die Diakonissen und uns auf die Schlachtfelder hinaus. Wir suchten die Stelle, wo er am 14. August die ersten Toten aus der Schlacht von Colombey in einem gemeinsamen Grabe bestattet hatte, fanden auch wirklich den Grabhügel und richteten das zusammengesunkene Holzkreuz wieder auf. Auch nach den Schlachtorten des 18. August, Gravelotte und St. Privat, brachte er uns. Er durchlebte alles noch einmal und wir in tiefer Bewegung mit ihm. Wir hörten die Granaten sausen, die Kommandos tönen, die Verwundeten jammern, die Sterbenden röcheln und sahen die Stille der Nacht sich über das blutige Schlachtfeld senken. Es war keine Verherrlichung des Krieges, kein Rühmen des eigenen Volkes, nichts von Feindeshaß, aber wir ahnten eine höhere Hand, aus der Friede und Krieg kommt zum Heil der Völker.
Dann folgten die Wochen auf dem Hunsrück in der Asbacher Hütte. Sie erwies sich in der Tat als ein wertvolles Geschenk, das zunächst von unserm Diakonissenhause Sarepta übernommen wurde und dann in den Besitz des jungen Diakonissenhauses in Kreuznach überging. Der Aufenthalt selbst aber brachte den Eltern wenig Erfrischung. Die Fülle unerledigter Arbeit, die Vater in die Ferien begleitet hatte, war diesmal besonders groß. Die Feder von uns Kindern reichte nicht aus. Auch die Mutter mußte wie in alter Zeit wieder mithelfen. So kamen beide Eltern müde in den Winter hinein und wurden von der Grippe, die damals zum ersten Male umging, ergriffen.
Seitdem litt Vater an einer Hinfälligkeit der Stimme, die ihn schließlich im Sommer 1893 zu einer Kur in Ems zwang. Mit sehr abgespannten Kräften langte er in Ems an; und nur langsam kehrten diese wieder. Eine besondere Anstrengung war ihm der Weg zur Kirche, die fast eine halbe Stunde entfernt lag. Aber die tiefen, geistvollen Predigten des Ortspastors Vömel, eines Schülers Becks, zogen ihn immer wieder an. Es war ihm schwer, daß so viele Badegäste, denen der Weg durch das heiße Flußtal zu weit war, diese Erquickung entbehren mußten. Auf der andern Seite aber empfand er es auch hier wieder als ein Unrecht, daß die Badegäste, die den Gottesdienst in der Ortskirche aufsuchten, den Ortseingesessenen die besten Plätze wegnahmen.
So entstand bei ihm und Pastor Vömel der Entschluß, am Badeort selbst in unmittelbarer Nähe der Quelle und der Wohnungen der Badegäste eine Kirche zu errichten. In schönster Lage wurde ein Bauplatz gefunden und erworben. Aber die Aufbringung der Kosten verursachte unendliche Mühe. Diesmal konnten nicht unbemittelte Kreise herangezogen werden, die schneller, williger und verhältnismäßig auch reichlicher zu geben pflegen als die bemittelten, sondern es galt, vor allem die wohlhabenden Kurgäste zu gewinnen, die in Ems Erholung und Genesung gefunden hatten. Aus den alten Kurlisten ließ Vater die Adressen der ehemaligen Badegäste herausziehen, und jeder einzelne wurde von ihm durch ein besonderes Anschreiben wieder und wieder zur Dankbarkeit für die heilkräftigen Emser Quellen ermuntert.
Auch an die Pläne der Kirche wandte Vater ganz besondere Sorgfalt. Die Ruinen des Klosters Paulinzella, die er mit uns von Oberhof aus besuchte, hatten ihn in hohem Maße angezogen. Er zeichnete ihre Motive ab, die dann von Baumeister Siebold dem Plan zu Grunde gelegt wurden. 1897 konnte endlich der Grundstein gelegt und zwei Jahre später die Einweihung gehalten werden. Sechs Jahre zähester Arbeit hatten damit ihren Abschluß gefunden.
Tante Frieda.
Am 4. Dezember 1894 war unsere Mutter heimgegangen. In tiefer Verborgenheit trug Vater den Verlust seiner treuesten Mitarbeiterin. Nur unser jüngster Bruder, der von da an die Schlafkammer mit dem Vater teilte, hörte bisweilen nachts das stille Seufzen des Vereinsamten. Ohne Verabredung schlossen wir Geschwister den Ring der Liebe um unsern Vater noch fester. Wir sind ihm manchmal mit unserer Fürsorge lästig gefallen, haben manchmal des Guten zuviel getan. Aber er tat auch da, als merkte er es nicht. Weder mit der Gegnerschaft noch mit der Fürsorge, die seine Person erfuhr, hielt er sich lange auf, sondern ging zwischen beiden hindurch seinen eigenen Weg.
Der Diamant in dem Ring der Liebe, der sich um Vater legte, wurde vom Jahre 1898 ab unsere Tante Frieda. Hart wie ein Diamant war sie und zugleich leuchtend wie dieser von zartester Liebe. Tante Frieda war Vaters einzige noch überlebende Schwester. Sie hatte ihre Mutter bis zu deren Tode gepflegt und dann auch ihre einzige sehr geliebte jüngere Schwester, die Landrätin von Oven in Dillenburg, die ihr sterbend ihre fünf unmündigen Söhne hinterließ. Diesen fünf Kindern, denen sie nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater ersetzen mußte, hatte sie sich ganz gewidmet.