Sie war ein Muster der Treue und Einfachheit und von tiefem Verständnis für die Kindesseele. Wie eine Mutter haben die fünf Neffen sie geliebt, und sie hat es mit demütigem Stolz erlebt, wie alle — nur einer starb früh — in den Spuren ihrer stillen Treue und Schlichtheit zu Männern ungewöhnlicher Hingabe und Tüchtigkeit wurden. Als ein Neffe nach dem andern ihrer unmittelbaren Obhut entfloh, unterhielt sie in Dillenburg eine kleine Gymnasiastenpension, die ihr den Lebensunterhalt bot.

Durch einen Sturz, den sie bei Glatteis auf den Hinterkopf tat, hatte sie sich ein schweres Kopfleiden zugezogen. Einen um den andern Tag setzten für einige Stunden rasende Schmerzen ein. Dann konnte sie nur in gekrümmter Haltung ihre häusliche Arbeit verrichten, zwischen den zusammengepreßten Lippen von Zeit zu Zeit einen schweren, langgezogenen Seufzer herauspressend. Verschiedene Kuren gaben nur vorübergehende Erleichterung. Zehn Jahre lang dauerte das Leiden in fast ungeminderter Stärke. Dann ließ es langsam nach und verlor sich erst in den Jahren vor ihrem Tode ganz. So hatte sie, wie unsere Mutter, durch eigenes tiefstes Leid gelernt, andere Leidende zu verstehen, und ihre zähe, starke Natur war im Kampf mit dem Leiden nur noch zäher und stärker geworden, aber zugleich wunderbar zart und mitfühlend.

Ihrem Bruder gegenüber ließ sie diese Zartheit freilich kaum merken. Da war sie die um vier Jahre ältere Schwester. Sie war 71, als sie zu uns kam, und Vater 67. Er blieb für sie der jüngere Bruder, an dem sie bis zuletzt mit großartiger schwesterlicher Treue und Offenherzigkeit ihr Recht als ältere Schwester geltend machte. Sie hatte dasselbe offene Auge und denselben Wahrheitsmut wie unsere Mutter. Nur fehlten ihr deren köstliche Unmittelbarkeit und blitzender Humor. Sie trug an Dingen und Menschen schwer, grub auch wohl ihre Gedanken und Bedenken in sich hinein, ehe sie sie vulkanartig äußerte. Und während Mutter meist den Kern der Sache sah und mitten ins Schwarze traf, blieb ihr Gemüt eher an Nebendingen haften, an denen sie sich stieß und um deren Abstellung sie sich vergeblich bemühte.

So ärgerte sie an ihrem Bruder die Art, mit der er Dinge und Menschen immer von der besten Seite ansah. Statt ihm in dem, worin er recht hatte, zuzustimmen und ihn dadurch willig zu machen, auch die Kehrseite nicht aus dem Auge zu lassen, schlug sie ihrerseits zu stark nach der Gegenseite um und gab dem in der drastischsten Weise Ausdruck. Wenn Vater von einem Gaste, der bei uns einkehrte, sagte: „Was für ein lieber Mensch”, — dann sagte sie: „Ein gräßlicher Peter.” Und wenn Vater eine Erinnerung aus der Kindheit in den goldensten Farben malte, dann konnte sie es nicht lassen, die tiefsten Schatten in das Bild hineinzusetzen.

Vor dieser Art seiner Schwester hatte Vater eine gewisse Scheu, sodaß er zunächst nicht wagte, sie ganz in sein Haus zu bitten, sondern ihr nahelegte, die Fürsorge für die alternden Schwestern im benachbarten Feierabendhaus zu übernehmen und von da aus nur die Hauptmahlzeiten mit uns zu teilen. So wurde sie jahrelang die mütterliche Freundin der in heißer Arbeit müde und alt gewordenen Diakonissen. Ihnen gegenüber trat die Herbigkeit, die sie ihrem Bruder zeigte, zurück. Da kamen vielmehr ihr zartes, liebevolles Verständnis und ihre große Verschwiegenheit in den Vordergrund. Vor den Ohren der alten Schwestern konnte sie sogar hier und da mit schwesterlichem Stolz in Bewunderung ihres Bruders umschlagen, um dann, wenn sie mittags oder abends an unserm Tisch saß, nur wieder desto kritischer gegen ihn zu sein. Vater ließ solche Kritik ruhig über sich ergehen. Höchstens daß er hier und da einmal das Tischgespräch etwas schneller abbrach als sonst und im Davongehen nur sagte: „Du machst es heute einmal wieder stark, meine alte, liebe Schwester.”

Das wurde aber von Jahr zu Jahr gelinder, sodaß Vater die Furcht vor seiner Schwester vergaß und sie sich einigten, daß sie ganz zu uns zog. Ihre Kräfte hatten nachgelassen, während die Aufgaben im Feierabendhaus zugenommen hatten. „Ich baue dir bei uns ein Sterbestübchen”, sagte Vater. Hinter einem kleinen Vorkämmerchen wurde ein ganz stilles Zimmer geschaffen. Dahin siedelte dann Tante Frieda über mit den wenigen schönen, alten Möbeln, die sie noch für sich zurückbehalten hatte. Alles andere hatte sie an ihre Pflegekinder weggegeben. In ihrer Kommode lag ihr Sterbehemd, und über ihrem Bett hingen die Bilder ihrer nächsten und liebsten Verwandten, alle auf dem Totenbett.

Sie hatte für ihre Person ganz mit dem Leben abgeschlossen und konnte darum ganz für die Lebenden da sein. In ihrem „Sterbestübchen” war die Luft der Ewigkeit in wunderbarer Weise geeint mit einer völligen Offenheit für alle natürlichen Dinge der Zeit und für Menschen aller Richtungen und Verhältnisse. Die Frömmsten und die Gottlosesten fühlten sich wohl bei ihr. Ohne zu suchen, hatte sie für jeden das rechte Wort. Bei niemand machte sie Bekehrungsversuche. Aber jeder fühlte: So wie die solltest und könntest du eigentlich auch sein. Kam hier und da einmal eine kleine Schroffheit bei ihr zu Tage, so nahm ihr das niemand übel, weil jeder spürte: Das kommt aus liebevollstem Herzen. Sie selbst fühlte sich geradezu wohl, wenn man eher etwas zu schroff gegen sie war als zu zart. Übelnehmen kannte sie nicht. Niemals hat sie jemand etwas nachgetragen.

Für Kinder behielt sie bis in ihr höchstes Alter eine ganz unwiderstehliche Anziehungskraft, obgleich sie diese, arm wie sie war, durch keinerlei äußerliche Mittel an sich kettete. Jauchzend umsprangen sie die Kinder des Kinderheims: „Tante Frieda, zeig’ uns mal deine Zähne!” Dann überwand sie sich, holte schmunzelnd ihr künstliches Zahngehege heraus und hielt es der staunenden Menge hin. Ihre kleinen Ersparnisse verwandte sie für die Reisen zu ihren Neffen oder umgekehrt für die Besuche, die ihre Neffen bei uns machten. Zum Abschied steckte sie ihnen dann jedesmal das Reisegeld bei einschließlich des Trinkgeldes, das sie im Hause und dem Gepäckträger zu geben hatten. Blieb außerdem noch etwas übrig, dann gab es für Großneffen und Großnichten von Zeit zu Zeit einen Weg in die Stadt, wo sie mit ihnen bei Schokolade und Kuchen feierte.

Vater hatte bestimmt damit gerechnet, daß er seine alte Schwester überleben würde; und manchmal kamen Zeiten so großer Schwäche, daß wir ihr Abscheiden in nächster Nähe glaubten. Sie wollte aber allein sterben und niemand dabei Mühe machen. Einige Male kam es vor, daß Vater sie abends zum Sterben einsegnete. Dann fand man ihn am andern Morgen an der Tür ihres Zimmers lauschend, ob er ihre Atemzüge hörte oder ob wirklich alles still geworden wäre. Sie lebte aber immer wieder auf und überdauerte ihren Bruder noch um drei Jahre.