Ihre letzte Reise machte sie nach Hannover, wo einer ihrer Neffen als General stand. Als der sie in Uniform mit seinem Burschen auf dem Bahnhofe abholte, wollte sie sich seine Begleitung nicht gefallen lassen: „Ihr müßt euch ja schämen, mit mir alten, häßlichen Person über die Straße zu gehen.” Dann willigte sie aber doch ein. Auf dem Heimwege besuchte sie in Bückeburg die Witwe und die Kinder ihres ältesten Bruders. Dort starb sie, nachdem sie mit unserm jüngsten Bruder noch das Abendmahl gefeiert hatte. Ihr Sterbehemd hatte sie bei sich in ihrem Koffer. Auf dem Friedhof in Bethel zu Häupten ihres Bruders ist ihr Grab zu finden.
[Herbstfrüchte.]
Die theologische Woche.
„Es kann uns niemand eine größere Wohltat erweisen als die, daß er uns die Heilige Schrift lieb und verständlich macht.”
F. v. B.
Im Sommer 1897 verbrachten wir unsere Ferien in Braunlage im Harz. Eines Sonntags, während wir in der Kirche saßen, erschienen in der Bank neben uns zu unserer großen Überraschung fünf bekannte Professoren der Theologie, Nathusius aus Greifswald, Schaeder aus Königsberg, Feine aus Wien, Lütgert aus Halle und zu unserer großen Freude auch Schlatter aus Berlin. Sie hatten mit andern Kollegen, unter ihnen auch Cremer aus Greifswald, eine Zusammenkunft in Wernigerode gehabt, und jene fünf hatten sich am Schluß ihrer Konferenz noch zu einer kleinen Harzwanderung zusammengetan. Sie beschlossen, den Nachmittag mit uns zuzubringen. Am andern Morgen nahmen sie Abschied, bis auf Professor Schlatter, der bei uns blieb. Müde von der Arbeit und dem Staub Berlins hatte er ohnehin die Reise zu der Konferenz in Wernigerode mit einer kleinen Ausspannung verbinden wollen. So bezog er für acht Tage unmittelbar neben unserer Waldwohnung ein Zimmer.
Im Winter 1893 hatten Vater und Schlatter sich zum erstenmal gesehen. Unser ältester Bruder Wilhelm und ich studierten damals in Greifswald, und Vater kam auf unsere Einladung, um bei einem akademischen Missionsfest zu sprechen. Die Predigt in der Jakobikirche, in der die akademischen Gottesdienste abgehalten wurden und in der nun ein großer Teil der akademischen Welt versammelt war, wurde Vater ganz besonders sauer. Fast verlegen wie ein Kind war er, als er anfing zu sprechen, bis er allmählich sich selbst wiederfand und dann mit großer Zuversicht von den Aufgaben an der Völkerwelt diesseits und jenseits des Todes sprach. „Ich hoffe,” sagte er, „auch noch in der jenseitigen Welt fröhliche Arbeit zu finden an denen, die noch nichts vom Evangelium gehört haben.”
Am andern Tage saß er mit uns im Kolleg, erst bei Cremer, dann bei Schlatter. Wir hatten uns mit ihm auf die letzte Bank zurückgezogen, wie Studenten es zu tun pflegen, die ein Kolleg „schinden” und nicht wagen, einen günstigen Platz zu beanspruchen. Es war seit seiner Studentenzeit das erste Mal, daß Vater wieder unmittelbar mit dem wissenschaftlichen Leben und der wissenschaftlichen Arbeit in Berührung kam. So fleißig er bis zu seinem theologischen Examen wissenschaftlich gearbeitet hatte, so hatte später die Fülle anderer Aufgaben, die auf seine Schultern gefallen war, ihn kaum mehr zum eigentlichen wissenschaftlichen Studium kommen lassen. Jetzt zogen ihn der Ernst und die Gründlichkeit, die er den beiden Männern abspürte, ungemein an, sowohl Cremers herbe Ergriffenheit als ganz besonders Schlatters sprudelnde Frische. Aber zu einer näheren Berührung kam es damals nicht.