Das wurde nun durch Schlatters Kommen nach Braunlage anders. Wir machten gemeinsam eine Fahrt nach Ilsenburg zur Fürstin Clementine Reuß. Auf dem Rückwege im Wagen erzählte Vater von unserm früheren Besuch in Goslar, wo wir im Museum die alten Strafwerkzeuge gefunden hatten, darunter auch den Doppelkasten, die sogenannte „Beißkatze”, worin Marktweiber, die sich gezankt hatten, auf öffentlichem Markte eingesperrt wurden, die Gesichter gegeneinander gekehrt. Schlatter warf ganz ahnungslos dazwischen: „Ja, die alte Justiz war doch recht grausam.”
Das fuhr wie ein Blitz in Vaters Seele: „Nein, unsere heutige Justiz ist noch viel grausamer!” Und nun entlud er sein Herz über die Rechtspflege, die an den arbeitslosen Wanderern geübt wurde. Statt ihnen Arbeit zu geben, würden sie arbeits- und mittellos zum Betteln gezwungen; als Bettler würden sie verhaftet, vor Gericht gestellt und mit Haft und im Wiederholungsfalle mit Gefängnis bestraft; von der ersten Gefängnisstrafe ginge es zur zweiten und so weiter; immer tiefer, immer tiefer ins Elend hinunter, ein langsamer, qualvoller seelischer Tod. Das sei viel grausamer als die alte Justiz der Beißkatze. Dann entfaltete er seine Gedanken, wie durch eine vernünftige, barmherzige Justiz diese grausame Justiz, die die mittelalterliche an Härte und Erbarmungslosigkeit weit übersteige, abgestellt werden könne.
Schlatter, immer ruhig, kritisch, wissenschaftlich auch bei dieser für Vater brennendsten praktischen Frage, warf seine Einwände dazwischen, die zur weiteren Klärung beitragen, aber keineswegs mangelndes Interesse an dem Schicksal des Bruders von der Landstraße bedeuten sollten. Vater aber witterte hinter den kühlen, sorgsam abgewogenen Erwägungen Schlatters den Anwalt der herzlosen Justiz von heute. Sobald er aber irgendwo auf Herzlosigkeit gegen den Bruder von der Landstraße stieß, kannte er keine Rücksicht mehr. „Sie verstehen das nicht, mein lieber Professor”, sagte er ein wenig bitter. Und einmal hätte nicht viel gefehlt, daß er seinen Gegner bei den Schultern gepackt hätte, um zu versuchen, ihn durch einen körperlichen Ruck in das gewünschte Geleise zu bringen.
Ohne daß eine Verständigung gefunden worden wäre, stiegen wir in dunkler Nacht aus dem Wagen. Auch beim Mittagbrot am andern Tage war die Stimmung noch gedrückt. Es gärte und arbeitete unablässig in Vater. Endlich am Nachmittag hatte er verstanden, worauf es Schlatter eigentlich angekommen war, daß er ihn nicht hindern, sondern ihm zur weiteren Klarheit hatte helfen wollen. Er diktierte einem von uns Schlatters Gedanken, wie sie ihm inzwischen klar geworden waren, und um die Kaffeezeit ging er zu ihm hinüber. „Hier, Professor, meinst du es so?” — „Ja,” antwortete Schlatter, „so meine ich es; so wird es gehen.” So wurde Friede geschlossen und damit der Grund gelegt zu einer Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft, die für Vater und für viele eine reiche Quelle der tiefsten Freuden wurde.
Für die noch übrigbleibenden Tage unserer Ferienzeit waren die beiden fast unzertrennlich, und auch die in Wernigerode besprochenen Gedanken wurden zwischen ihnen weitergesponnen. Dort hatten die Professoren unter anderem erwogen, wie die Kluft, die die Männer der Praxis und die Männer der Wissenschaft trennte, überbrückt werden könne. Sie empfanden es schmerzlich, daß zwischen den Studenten, sobald sie die Universität verlassen hatten, und ihren ehemaligen Lehrern der Regel nach jede persönliche Beziehung aufhöre, und beklagten den Verlust, der dadurch sowohl für das kirchliche Leben als für die wissenschaftliche Arbeit entstünde. Beide Teile mußten durch die mangelnde Verbindung für ihre Arbeit Einbuße erleiden. Denn die wenigen Universitätsjahre zu den Füßen der Professoren sollten doch eigentlich nur die Einleitung in dauernde wissenschaftliche Arbeit bedeuten. Umgekehrt sollten die Männer der praktischen kirchlichen Arbeit unablässig das Leben der Universitäten befruchten, damit es nicht in leere Luftgebilde sich verflüchtige, die ohne Verständnis und ohne Bedeutung bleiben mußten für das wogende Leben des Volkes und der Christenheit.
So wurde zwischen Vater und Schlatter bei einer Regenwanderung nach Andreasberg, die sie unter einem gemeinsamen Regenschirm vereinigte, für das nächste Jahr ein theologischer Kursus in Aussicht genommen. Schlatter wünschte, daß er nicht in einer Universitätsstadt sein sollte, sondern in einer Gemeinde. Denn dadurch sei von vornherein klar zum Ausdruck gebracht, daß die Besprechungen zwischen den Männern der Wissenschaft und denen der Praxis nicht den Köpfen gelten sollten, sondern den Personen, nicht dem wissenschaftlichen Betriebe, sondern im tiefsten Sinne dem wissenschaftlichen Leben. Darum ergab sich von selbst Bethel als Versammlungsort.
So kam im August 1898 die erste theologische Woche zustande. Die große Zahl der Besucher zeigte von vornherein, welch tiefem Bedürfnis der Gedanke entsprang. Cremer und Schlatter hatten die Hauptvorträge übernommen. Zugleich mit andern Teilnehmern strömten namentlich die alten Schüler der beiden Professoren herbei, um einmal wieder mit den geliebten Lehrern zusammenzusein und ganz anders, als sie es als unerfahrene Studenten gekonnt hatten, unter ihrer Leitung den tiefsten Fragen nachzugehen.
Die Vorträge selbst waren öffentlich. Es sollte jedermann sich überzeugen können, daß die theologische Arbeit keine Geheimniskrämerei sei, sondern für jeden Nachdenksamen ihren hohen Wert habe. So nahmen viele Nicht-Theologen beiderlei Geschlechts an den Vorträgen teil, aus der Anstalt sowohl wie aus Bielefeld und der Umgegend. Die Besprechungen aber, die den Vorträgen folgten, wurden im geschlossenen Kreise der Theologen gehalten, und dieses Ineinander von Öffentlichkeit und Vertraulichkeit bewährte sich auch bei allen späteren Kursen, die vom Jahre 1898 ab bis heute fast ohne Unterbrechung alle zwei Jahre stattfanden.
Andere Theologen wurden hinzugezogen. So der blinde, immer wieder mit besonderer Bewegung begrüßte Professor Riggenbach von Basel, Professor Kähler aus Halle, Professor Schaeder, später in Kiel und Breslau, Professor Lütgert aus Halle, Professor Bornhäuser aus Marburg. Die Führung behielten Cremer und Schlatter, die beiden, das darf wohl gesagt werden, neben Kähler in Halle damals bedeutendsten Vertreter der deutschen Theologie, die in tiefster Gemeinschaft der Überzeugungen einander ergänzten.