Wie einer der Durstigsten saß Vater zu den Füßen dieser „Wasserschöpfer”, wie er die Professoren am liebsten nannte, ohne es zu merken, daß er seinerseits durch seine meist ganz kurzen Bemerkungen, die er in die Besprechungen hineinwarf, die Seele des Ganzen blieb. Er war wie der Meister, der die wogenden Töne immer auf die letzten Grundakkorde einigt und zugleich die verborgensten Saiten des Herzens zum Schwingen bringt, auch die, in denen der Zweifel schläft und das Bangen vor dem Unergründlichen.
Er selbst hatte am Ausgang seiner Studentenzeit die beängstigende Unsicherheit kennengelernt, in die die Kritik hineinführt. Darum blieb er barmherzig mit denen, die in ähnlichen Kämpfen standen. Das kam immer wieder während dieser theologischen Wochen zum Ausdruck. Aber zugleich wies er in den Besprechungen, die sich an die Vorträge der Professoren anschlossen, die Wege, die zur Gewißheit des Glaubens führen: die Demut der Buße und die selbstverleugnende Liebe. Geistliche Hoffart, das sprach er immer wieder aus, war für ihn das Haupthindernis des Glaubens. „Das menschliche Herz ist so hoffärtig,” sagte er auf einer dieser theologischen Wochen, „daß es nicht einmal die Liebe eines kleinen Kindes vertragen kann, sondern sich darauf etwas zugute tut. Und wie ist es mir gegangen, als ich gestern hier predigen mußte? Da sagte mir mein Herz: So, nun mußt du vor den großen, berühmten Professoren predigen; wie fängst du es nur an, daß du ihnen gefällst? So hoffärtig ist das Herz. Den Hoffärtigen aber kann sich Gott nicht offenbaren.” Naturgemäß riefen die Besuche, die die Teilnehmer der theologischen Woche in den Häusern des Elends von Bethel machten, viele Fragen wach, die dann in den gemeinsamen Besprechungen vorgebracht wurden. Vater konnte sich demütig immer wieder in das schicken, was ihm an den Wegen Gottes unbegreiflich erschien, und die Buße, die sich unter Gottes Gericht beugt, löste ihm unbegreiflich scheinende Rätsel. „Ich leide auch zuweilen”, sagte er einem Teilnehmer als Antwort auf dessen bange Frage, „unter all dem Elend der Erde und kann es nicht verstehen. Aber dann denke ich immer wieder: Wie würde es sein, wenn das Elend nicht da wäre? Es würde noch viel schrecklicher auf der Erde aussehen, weil dann die Hoffart ohne alle Hindernisse wachsen würde. Das Menschenherz ist viel zu hoffärtig, als daß es das Leiden entbehren könnte.”
Neben der Buße aber war ihm die Liebe der andere Pol, um den die Erkenntnis Gottes schwingt. „Wie kann nur”, fragte ihn einer, „all dieses Elend, das sich in den Anstalten zusammenfindet, von Gott zugelassen werden?” Da sagte Vater nur: „Man muß etwas zum Lieben haben.” Und als ein zur theologischen Woche gekommener Gefängnispastor während der Besprechung darüber klagte, wieviele Gottesleugner er unter seinen Gefangenen fände, sagte Vater: „Ich habe noch nie einen Gottesleugner getroffen.” „Bebel!” rief eine Stimme in den Saal hinein. Vater aber sagte aus tiefster Überzeugung heraus: „Und wenn Bebel hier wäre, er würde es nicht wagen, Gott zu leugnen.” Da sahen wir in seine tiefsten Erfahrungen und Überzeugungen hinein. Er hatte in der Tat keinen Gottesleugner gefunden. In Debatten über das Dasein Gottes hat er sich nie eingelassen, aber unter der Glut seiner Liebe wurde auch in gottentfremdeten Gemütern die geheimnisvolle Gottesstimme wach. Sie spürten den Hauch aus einer andern Welt, und trotz aller Verstandeszweifel vermochten sie in seiner Gegenwart nicht, diese andere Welt zu leugnen. So wurde Vater uns zur Auslegung des alten Wortes: „Deus tantum cognoscitur, quantum diligitur”. Gott wird nur in dem Maße erkannt, als er geliebt wird. Und auch unser Nächster wird in dem Maße der Erkenntnis Gottes näher geführt, als er durch uns unter den Strahl der Liebe Gottes kommt.
Diese Liebe aber schöpfte Vater aus der in der Schrift geoffenbarten Liebe Gottes in Jesus Christus. Darum war ihm die theologische Woche und die Freundschaft mit den „Wasserschöpfern” solch eine besondere Erquickung. Ein Professor der sogenannten freien Theologie führte seine Studenten durch Bethel. Am Schluß machte er Vater einen Besuch. „Herr Pastor,” sagte er, „wieviel Gutes tun Sie den Kranken, und wie gütig haben Sie uns aufgenommen! Warum sind Sie zugleich so ablehnend gegen meine theologische Arbeit?” „Lieber Professor,” sagte er, „ohne den alten Glauben könnte ich keinen einzigen epileptischen Kranken pflegen — und du auch nicht.”
Freistatt.
Fünfzehn Jahre lang hatte Wilhelmsdorf seine Arbeit getan. Immer mehr waren Epileptische und Geisteskranke, die nach und nach von Bethel nach Eckardtsheim übergesiedelt waren, in fröhlichen Wettbewerb mit den Kolonisten getreten. Aus der Einöde war ein Garten Gottes geworden. Überall saftige Wiesen, prangende Gärten, wogende Felder und Schonungen von Tannen und Kiefern, die auf dem durchrigolten Boden kräftig gediehen. Aber so erfreulich diese Entwicklung auf der einen Seite war, so sah Vater ihr doch auch nicht ohne Bedenken zu. Die Masse des unkultivierten Landes nahm zusehends ab. Neuerwerbungen waren nicht möglich. Denn überall um Eckardtsheim her, teilweise mit Hilfe der Kolonisten, hatten die Bauern das Vorbild der Kolonien nachgeahmt. Durch planmäßiges Rigolen und künstliche Düngung war der Wert der ganzen Umgegend um ein Vielfaches gestiegen. Niemand dachte mehr an Verkaufen. Hätte Bethel doch kaufen wollen, so wäre eine Rentabilität unmöglich gewesen.
Auf das Heideland war also nicht mehr zu rechnen. So wandte Vater seine Augen den Mooren zu. Er bereiste die nördlichen Kreise Westfalens, Lübbecke und Minden, aber alles Suchen war vergebens. Nirgends fand er ein Gebiet, das einer Zweigkolonie von Wilhelmsdorf eine neue Heimat geboten hätte. Und doch wurde solch eine Kolonie mehr und mehr zur Notwendigkeit. Denn während die Arbeitsmöglichkeit in Wilhelmsdorf immer beschränkter wurde, nahm andererseits die Zahl der Arbeitslosen immer mehr zu. Die westfälische Industrie hatte in den letzten zehn Jahren einen ungeheuren Aufschwung genommen. Aber sie war den Gesetzen der Ebbe und Flut unterworfen. Jede Steigerung des Arbeitsmarktes lockte immer neue Arbeitermassen in die westfälischen Grenzen. Jedes Nachlassen aber warf jedesmal die schwächsten und unzuverlässigsten Elemente auf die Landstraße. Dann wurden die Herbergen, die Verpflegungsstationen, die Kolonien überflutet, ohne dem Strom gerecht werden zu können.
Verschiedentlich war Wilhelmsdorf bis zum letzten Winkel vollgestopft gewesen. Hier mußte also gesorgt werden. Es war auch diesmal wieder kein Gründungsfieber, wie Fernstehende meinten, sondern die zwingende Gewalt der Verhältnisse, die vorwärts trieb, und das Erbarmen mit den Brüdern von der Landstraße, die ohne solches Erbarmen in Kälte und Schnaps verdarben.
Nun hatte Vater einen treuen Freund, Forstrat Deckert in Hannover, der sich nach seinem Abschied mit all seinen Kräften und Erfahrungen zur Verfügung gestellt hatte und als Nachfolger des Kommerzienrats Bansi Präses des Anstaltsvorstandes geworden war. Als der Neuerwerb von Ödland innerhalb der westfälischen Grenzen keine Aussicht bot, lenkte er im Frühjahr 1898 Vaters Augen auf das große hannoversche Wietingsmoor, wo er jahrelang eine umfassende und sehr erfolgreiche Tätigkeit ausgeübt hatte. Von der kleinen Kreisstadt Sulingen aus drangen die beiden Freunde in das Moorgebiet vor. Der alte Moorvogt Rolfs, der unter Deckert gearbeitet hatte, begleitete sie.
Es war, als wenn Vater eine neue Welt aufginge. Nicht um Niederungsmoor, wie im westfälischen Gebiet, sondern um Hochmoor handelte es sich hier. In abflußlosen, unermeßlich weiten Sandkesseln hatte sich im Laufe der Jahrtausende eine Pflanzenschicht über die andere getürmt. Die modernde Schicht des Herbstes und Winters war in jedem neuen Frühjahr zur Geburtsstätte der neuen Schicht geworden. Während die alten Lagerungen in der Tiefe verschwanden und unter dem Druck der oberen Schichten erst zu braunem, dann zu schwarzem Torf wurden, hob sich die Fläche selbst mehr und mehr, bis sie als ein riesiger lebendiger Schwamm über den Rand des Sandbeckens hinauswuchs und so als Hochmoor höher ragte als das umgebende Tiefland.