Je weiter die beiden Freunde in das Moor hineinschritten, desto heller und leuchtender tauchte eine neue Zukunft vor Vaters Augen auf. Er stieß seinen Stock in die Tiefe, der, ohne auf ein Hindernis zu stoßen, bis an die Krücke hinunterglitt. „Ha,” sagte er, „hier habe ich Arbeit.” Nach Westen und Osten und namentlich nach Süden zu in der Richtung auf die in der Ferne schimmernden Weserberge dehnte sich die Einöde aus. Im Schmucke des roten Heidekrautes und des schneeigen Wollgrases lag sie da wie ein schlafendes Riesenkind aus dem Märchenreiche, mit dessen Haaren der vom fernen Meer herüberströmende erfrischende Wind spielte und das auf seinen Befreier wartete.
Die Anlieger des Moors, die auf dem Gebiet der alten Langobarden sitzen, — man findet noch heute in den Hünengräbern der Gegend Urnen und Geräte, die sich mit den Funden der oberitalienischen Ebene decken — hatten bis dahin das Moor als ihren Feind angesehen. Wohl hatten sie ihm ihren Brennbedarf entnommen, und das Heidekraut hatte ihre Heidschnuckenherden genährt, aber auf der andern Seite waren die an das Moor stoßenden Äcker immer wieder durch den wehenden Torfstaub bedeckt worden. Sobald der Frühjahrswind die Oberfläche des Moores trocknete, fing das Moor, ähnlich den Dünen des Meeresstrandes, an zu wandern und überschüttete die Grenzgebiete mit dem feinen Torfmull, der sich da und dort zu kleinen Hügeln auftürmte und alles Leben unter sich begrub.
Durch die Regierung waren umfassende Pläne ausgearbeitet worden, die den Schutz des Landes vor dem Moor bezweckten. Sie würden aber Millionen verschlungen haben. Da schlug Forstrat Deckert vor, ähnlich wie im Küstengebiet durch das Dünengras, so im Moorgebiet durch schmale Kulissenwälder die Gewalt des Windes zu brechen und durch Ansamung eines geeigneten Grases die wandernden Moorwellen aufzuhalten. Der Plan wurde angenommen, und in dem Maße, als die schmalen schützenden Birkenstreifen emporwuchsen, die sich wie Vorpostenketten in das Moor hinausschoben, kam der zerstörende Vormarsch des Moorstaubes zum Stehen.
Daß aber aus dem bisherigen nur mühsam abgeschlagenen Gegner ein starker Freund werden könnte, daran hatte freilich niemand gedacht. Als darum der alte Moorvogt einen Besitzer nach dem andern anging, ob er Anteile seines Moorbesitzes verkaufen wollte, fand er überall weitestes Entgegenkommen. Man einigte sich auf 40 Mark für den Morgen. So wurden zunächst in dem tiefsten und aussichtsreichsten Moorbecken, in welchem der Torf bis zu einer Stärke von sechs bis sieben Meter stand, 4000 Morgen erworben und später aus dem angrenzenden staatlichen Gebiet noch weitere 1500 Morgen hinzugefügt.
Für Vater aber handelte es sich zunächst darum, die Mittel für den Neuerwerb aufzubringen. Unter der Überschrift „Wer schenkt uns einen Morgen Hochmoor?” ließ er ein kleines Blatt drucken, worin er die vorhin geschilderte Lage kurz darstellte. Die Reise zur Grundsteinlegung der Kirche von Ems führte ihn für drei Ruhetage auf das Schlößchen der befreundeten Familie von Preuschen in Liebeneck. Und diese drei Tage verwandte er dazu, der kleinen Druckschrift eigenhändige Briefe an die Industriellen und Großindustriellen Westfalens hinzuzufügen. Jeder Brief klang aus in die Bitte: „Helfen Sie uns durch einen kräftigen Ruck in den Sattel!” Die Bitte war nicht umsonst. Die Notwendigkeit der Sache leuchtete durchschlagend ein. Nach kurzer Zeit waren die Mittel zur Stelle.
In der Richtung von Osten nach Westen wird das Wietingsmoor von einem Sandrücken durchschnitten, auf dem die aus der napoleonischen Zeit stammende Heerstraße läuft. Hart neben dieser Straße, einem freundlichen Kiefernwäldchen gegenüber, wurde im folgenden Frühjahr die erste Holzbaracke errichtet, und das erste Hauselternpaar und die ersten Kolonisten zogen in „Freistatt” ein.
Freistatt! Der Name erinnert an die besonderen Freistätten in Israel, vier diesseits, zwei jenseits des Jordans, wohin die von Bluträchern Verfolgten fliehen durften. Wer sie erreicht hatte, war gerettet. So sollten auch in das einsame Moor alle von fremder oder eigener Schuld Gehetzten sich retten dürfen und eine Freistatt finden, in der der Friede herrschte und die Geborgenheit. Und niemand sollte zurückgestoßen werden. „Daß ihr mir nur keinen abweist!” schrieb Vater einmal in der Zeit der größten Überflutung, und wir wußten, daß der ganze Zorn seiner Liebe hinter solch einem Wort stand, das keine Übertretung duldete!
Bei der Gründung der Arbeiterkolonien war zunächst der Grundsatz durchgeführt worden, daß jeder für längere Zeit Arbeitslose die Kolonie seiner Heimat aufsuchte. Aber das war nur so lange durchführbar, als ein festes Netz von Herbergen und Verpflegungsstationen die einzelnen Teile Deutschlands verband. Seit dieses Netz zerrissen und solange es nicht neu hergestellt war (vergl. den Abschnitt „Wanderarbeitsstättengesetz”), hatte dieser Grundsatz nicht mehr befolgt werden können. Und so wurde gerade Freistatt die Zufluchtsstätte von Arbeitslosen aus allen Teilen des Vaterlandes.
Wer Menschenschicksale studieren wollte, der mußte nach Freistatt kommen! Leute aller Berufe, jedes Alters, jeder Begabung, Menschen, die noch nie vor Gericht gestanden hatten, und solche, die ein halbes Leben im Zuchthaus und Gefängnis zugebracht hatten, suchten hier Sicherheit und Bergung. Auch manche Söhne gebildeter Stände, die draußen im Leben versucht hatten, als Herren zu leben, ohne die Herrschaft über sich selbst üben zu können, und nun in der Einsamkeit sich wiederfinden sollten. Dazu kamen die schulentlassenen jungen Burschen, teils Fürsorgezöglinge, die von den Provinzen überwiesen wurden, teils solche, die von ihren Eltern gebracht wurden, um im Moor den Leib und Seele verderbenden Lüsten und Lastern des modernen Kulturlebens entrissen zu werden.
Wo die Schar derer, die nach Freistatt flüchteten und geflüchtet wurden, in sich so vielgestaltig war, ergab es sich von selbst, daß man sie in verschiedene Häuser und verschiedene Arbeitsplätze gruppieren mußte. Alle Gruppen aber blieben untereinander verbunden durch die gemeinsame große, lockende Aufgabe, das bis dahin unbezwungene Moor sich und der Menschheit dienstbar zu machen. Es war ähnlich wie in der Senne von Wilhelmsdorf; wieder wurden ausgestoßenes Land und ausgestoßene Menschen miteinander verbunden und eins durch das andere belebt, entwickelt und geheilt.