Zunächst legte man von den festen Sandinseln aus einen Damm quer durch das Moor und versah ihn mit Schienengeleisen. So war der sichere Stützpunkt geschaffen, von dem aus die einzelnen Gruppen der Kolonie den Angriff auf das Moor eröffnen konnten. Zweiggräben wurden gezogen, die Heide geschlagen, die Fläche geebnet. Mit Pferden, denen zum Schutz gegen das Versinken breite Holzschuhe unter die Hufe gekeilt waren, und mit besonders gebauten Eggen und Pflügen wurde der Moorboden bearbeitet. Durch Kalk wurde ihm die Säure entzogen, durch Kunstdünger neue Nährkraft zugeführt — und dann wurde zum erstenmal diesem verachteten Lande die Frucht der Erde anvertraut.
Man ahnt etwas von dem Staunen der umliegenden Bevölkerung, von der Freude und dem Stolz der verachteten Kolonisten, als nun dies schwarze, modrige Land im nächsten Frühjahr anfing zu sprießen, zu grünen und Frucht zu bringen. Immer weiter dehnten sich von Jahr zu Jahr Kartoffel-, Hafer- und Roggenfelder aus und zwischen ihnen die Weiden, von deren kräftiger Grasnarbe das Vieh getragen wurde ohne Gefahr, im Moor zu versinken.
Zugleich wurde das Moor gezwungen, die Wohltaten, die es schon bisher dem Lande erwiesen hatte, in immer wachsendem Maße zu erhöhen. Während der eine Teil des Moores zunächst für die Kulturen aufgehoben blieb, wurden durch den andern parallel laufende Torfstiche gelegt. Hier fanden namentlich die jüngeren Kolonisten Sommer und Winter über abwechslungsreiche Arbeit. Mit haarscharfen Messern zerschnitten sie die lederweiche Moostorfschicht in einzelne Stücke und breiteten sie zum Trocknen auf der Fläche aus. Der darunter zu Tage tretende schwarze Torf wurde mit Baggermaschinen, die auf Schienen längs des Grabens liefen, aus der Tiefe geholt, zu langen Stangen gepreßt, zerteilt und auf Brettern in der Sonne getrocknet.
Zu haushohen Mieten türmten sich die Torfhaufen auf. Sie wurden entweder in der Torffabrik, die auf der Sandinsel an der alten mit Birken und Eichen bestandenen Napoleonstraße errichtet worden war, zu Torfstreu verarbeitet oder den einzelnen Haushaltungen und Niederlassungen innerhalb und außerhalb der Kolonie als Brennmaterial zugeführt.
Um aber die weiten Heideflächen des Moores, die zunächst noch brach liegen bleiben mußten, kräftiger ausnutzen zu können, wurde den Heidschnucken mitten im Moor eine Heimat bereitet. Auf breiter Holzunterlage, die in Metertiefe im Moor versenkt und durch die Moorsäure vor dem Verfaulen geschützt war, entstand ein großer Stall und daneben auf einem künstlich aufgeworfenen Sandhügel, der allmählich durch den eigenen Druck bis auf die Oberfläche des Moors hinuntersank, ein geräumiges Wohnhaus. Hier in der wildesten Einsamkeit lebte es sich eigentlich am schönsten. Hier über dem ganz freien Horizont ging den Bewohnern die Sonne am frühesten auf und am spätesten unter. Von hier aus konnte man am ungestörtesten das Moorhuhn, den Kuckuck und die Wildenten beobachten und die Brust füllen mit der reinsten, kräftigsten Luft, die der Moorwind herübertrug.
Der Mittelpunkt aber der ganzen Kolonie, die sich allmählich über eine Strecke von sechs Kilometern ausdehnte, wurde, wie in Bethel und Eckardtsheim, die Kirche. Aus Brettern und dazwischengefülltem Torf wurde sie inmitten eines kleinen Kiefernhaines aufgerichtet. Manchmal hat Vater hier gepredigt und die aus den nahen und fernen Häusern herbeiströmende Gemeinde von Freistatt zu dem hingeführt, in welchem allen Gebundenen die Freiheit bereitet ist.
Natürlich konnte diese große neue Aufgabe nur unternommen werden mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die keine Mühe, Last und Enttäuschung scheuten. Auf einer Versammlung des Vereins Arbeiterheim hatte Vater einen jungen akademisch gebildeten Landwirt von Lepel kennen gelernt, der nun mit großer Willenskraft und Hingabe sich an die Spitze der kleinen Truppe von Hausvätern, Hausmüttern, Brüdern und Vorarbeitern stellte, die mit ihm wetteiferten in der Befreiung des Moors und der Befreiung der Menschen, welche sich in Freistatt zusammenfanden.
So sehr Vater als alten Landwirt die Erschließung des Moors zu Kulturzwecken beschäftigte, so behielt er doch fest im Auge, daß nicht die Befreiung des Moors das erste Ziel sei, sondern die Befreiung der Menschen. Und immer wieder hat er die Blicke der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf dieses eine Ziel gerichtet. Denn ungleich ernster und schwieriger als die eigenartige Arbeit im Moor blieb die Arbeit an denen, die das Moor herbeilockte.
Das galt vor allem von den jungen Burschen. Sie kamen fast ausschließlich aus den Großstädten und dem Industriegebiet. Viele von ihnen hatten schon vor den Schranken des Richters gestanden, und manche waren nur deshalb vor dem Gefängnis bewahrt worden, weil man nicht wußte, wo die Grenze lag zwischen bewußter Bosheit und ererbtem krankhaftem Hang. Sie stellten die höchsten Anforderungen an die Hauseltern und Brüder. Hier galt es nicht nur, mit fester Hand Erzieher zu sein, sondern zugleich geduldiger Pfleger und mitleidender Freund.