Namentlich in jener Anfangszeit hat manches Leben der Brüder in Gefahr geschwebt, weil die jungen Burschen wie wilde, ungezügelte Pferde waren, bei deren Bändigung erst das rechte Ineinander gefunden werden mußte von unbeugsamer Festigkeit und mütterlicher Zartheit. Denn:

„Des rechten Reiters Hand ist beides zugleich:
So fest wie Eisen, wie Wachs so weich.
Sei fest wie Eisen und weich wie Wachs,
So zwingst du schließlich den frechsten Dachs.”

Manchmal hat Vater gebangt, ob es gelingen würde.

Einmal erschien ein kräftiger Angriff in der sozialdemokratischen Zeitung Bielefelds gegen die Kolonie, besonders gegen ihre Arbeit an den Zöglingen. Es sollten schwere Übergriffe der Pfleger vorgekommen sein. Sofort schrieb Vater an den Redakteur der Zeitung und bat ihn, am andern Morgen um sechs Uhr sich mit ihm auf dem Bahnhof in Bielefeld zusammenzufinden, damit sie gemeinsam an Ort und Stelle die Sache untersuchten und die Angriffe auf ihre Haltbarkeit prüften. Wirklich stellte sich der Redakteur ein. In vierstündiger Fahrt erreichten sie das Moor, untersuchten miteinander den Sachverhalt, fuhren zusammen zurück, und am andern Tage gab der Redakteur in seiner Zeitung eine Berichtigung, die neben kleinen Einwendungen auf eine allseitige Anerkennung der Arbeit von Freistatt hinauslief.

Die tiefe Achtung aber, die Vater den Verachteten unter den Menschen und auch dem verachteten Moor erwies, hat sich reichlich gelohnt. Heute kann Freistatt alle Öfen der Muttergemeinde in Bethel, soweit es sich nicht um die Zentralheizungen der großen Krankenhäuser handelt, durch den schwarzen Pechtorf mit Brennmaterial versorgen. Und was noch wertvoller ist, die Muttergemeinde Bethel und ihre Zweigkolonien, die heute an Kranken und Gesunden etwa 8000 Seelen umfassen, erhalten einen Teil ihrer Lebensbedürfnisse aus den Weiden, Feldern und Ställen von Freistatt.

Die theologische Schule.

Im Sommer 1895 hatte Professor Harnack im Kreise seiner Studenten über das Apostolikum gesprochen. Die Äußerungen waren wider den Willen Harnacks in die Öffentlichkeit gedrungen, und darüber war ein heftiger sogenannter Apostolikum-Streit entstanden. Streitschriften hin und her waren gewechselt worden.

Einige von diesen Schriften hatte Vater gelesen. Aber Wortkämpfe über Dinge des Glaubens hatte er immer gemieden. Ihn trieb es auch jetzt wieder zum Handeln. An eine reformatorische Kirchentat dachte er nicht. Immer erneut hatten wir es ihn sagen hören, daß nach seiner Überzeugung die Verkündigung des Evangeliums selten so ungehindert im Vaterlande habe geschehen können als jetzt. Er war im Jahre 1892 während eines Ferienaufenthaltes in Oberhof in sehr herzliche Beziehungen zu Geheimrat Althoff aus dem Kultusministerium getreten, dem damaligen nahezu allmächtigen Diktator bei allen Fragen, die die Besetzung der Lehrstühle aller Fakultäten betrafen. Vater hatte in Althoff einen Mann kennen gelernt, der ohne Voreingenommenheit bereit war, jeden wissenschaftlich wirklich bewährten positiven Gelehrten der theologischen Arbeit der Universitäten zuzuführen.

Aber die ausschließliche Beschränkung auf die staatlichen Bildungsanstalten sah Vater nicht als ein Glück der Kirche an. „Die evangelische Kirche”, sagte er, „hat sich viel zu lange gewöhnt, sich auf den staatlichen Arm zu verlassen, und darüber ist sie eingeschlafen.” Er für seine Person hatte die tiefsten wissenschaftlichen und persönlichen Anregungen von Männern empfangen, die, wie seine Lehrer in Basel, nicht aus staatlichen Fakultäten hervorgegangen waren, sondern aus den Kreisen freier Körperschaften. So sah er in dem Dienst dieser freien Körperschaften, wie sie sich in der Arbeit der Inneren und Äußeren Mission durch ein Jahrhundert bewährt hatten, eine wesentliche Ergänzung der kirchlich organisierten Arbeit und der theologischen Fakultäten. Warum sollte die Christenheit, wenn sie freie Anstalten der Inneren und Äußeren Mission schuf, nicht auch berechtigt und in der Lage sein, eine freie theologische Fakultät zu schaffen, und zwar nicht in einer der verführungsreichen Großstädte, sondern am besten in einer lebendigen Christengemeinde inmitten gesunden christlichen Volkslebens? Darum schlug er als Heimat einer solchen kleinen Fakultät die Stadt Herford im Ravensberger Lande vor. Diese Gedanken legte er unter dem Titel „Eine freie theologische Fakultät” in einem Aufsatz dar, der zunächst in der kleinen konservativen Zeitung Bielefelds erschien und dann in vielen Sonderdrucken verbreitet wurde.