Neben einzelnen Zustimmungen war ein Sturm von Einwendungen die Antwort. Aus allen kirchlichen und theologischen Lagern kamen die Gegenstimmen.
Es war das einzige Mal, daß Vater, statt zu handeln, zunächst nur einen Gedanken, einen Plan zur Diskussion gestellt hatte. Überall stieß er auf Bedenklichkeit und Ängstlichkeit. Namentlich hatten sich an dem Wort „Fakultät” viele seiner akademischen Freunde gestoßen. Er mußte den Gedanken zurückstellen. Immerhin war sein Ruf nicht umsonst gewesen. Es trat ein Kreis von Freunden des kirchlichen Bekenntnisses in Rheinland und Westfalen zusammen, der die Gründung eines Studienhauses an der Universität Bonn in die Hand nahm und auch rasch zur Durchführung brachte. Schon im Sommer 1896 stand das Haus zum Einzug fertig, und unser jüngster Bruder war unter den ersten Studenten, die darin für ihre Studien willkommene Heimat und Anleitung fanden.
Aber das, was Vater gewollt hatte, war damit doch nicht erreicht. Nun traf er im Jahre 1903 während einer Erholungszeit in Amrum mit dem alten Pastor Speckmann zusammen, dem Vater des bekannten Schriftstellers. Speckmann war unter Louis Harms Lehrer am Missionshause in Hermannsburg gewesen und stand jetzt in einer hannoverschen Gemeinde. Die tiefen, klaren Beiträge, die er zu den gelegentlichen kleinen Bibelbesprechstunden der Badegäste lieferte, taten Vater besonders wohl und zogen sein ganzes Herz zu dem bescheidenen, stillen Mann hin.
Einmal traf er ihn am Strande tief in Gedanken versunken. „Brüderchen, was hast du?” fragte er ihn. Und nun entlockte er Speckmann die Sorge um seinen jüngsten Sohn. Er hatte ihm nichts als Freude gemacht, stand jetzt vor dem Abiturientenexamen und wollte Theologie studieren. Aber Speckmann wußte nicht, zu welcher Universität er ihm raten sollte. Zugleich mit dem mangelnden Vertrauen zu einer großen Zahl der deutschen theologischen Lehrer an den verschiedenen Universitäten drückte ihn der Gedanke an die Unruhe und Verführung so vieler Universitätsstädte und die Sorge, seinen Sohn in den Strudel einer streitenden Wissenschaft und einer von Gott abgelenkten Stadtwelt hineintauchen zu lassen.
Diese Sorge ging Vater durchs Herz. Einem Vater, einem Sohn galt es zu helfen. Aber wie? Da tauchte mit elementarer Gewalt der alte Gedanke einer freien theologischen Schule aufs neue auf. Diesmal vermied Vater die Öffentlichkeit und sammelte in der Stille einen ganz kleinen Kreis von Freunden, die die Sache mit ihrem Herzen und mit ihren Mitteln zu tragen bereit waren. Wenn ich mich recht besinne, waren es Schwester Eva von Tiele-Winckler, Pastor Leydhecker von Frankfurt a. M. und Kommerzienrat Bansi in Bielefeld. Ebenso sah er sich auch in aller Stille nach den geeigneten Lehrkräften der Schule um, besuchte persönlich Pastor Jäger in Eisleben, um ihn an seinem Arbeitsplatz kennenzulernen, und ließ sich von diesem und von dem Sohn des Professors Kähler in Halle das Jawort geben, als Dozenten an der theologischen Schule einzutreten.
Bei Gelegenheit der theologischen Woche in Bethel im Herbst 1904 trat er dann aufs neue mit dem Gedanken hervor. „Ich frage euch nicht mehr,” sagte er, „ob das Kind leben soll; es lebt schon, und ihr sollt es bloß aus der Taufe heben.”
Gleichzeitig warf er in einer ausführlichen Schrift den Gedanken neu in die Öffentlichkeit. Es war die Zeit, in der die Abschaffung des Jesuitengesetzes wieder einmal von der Zentrumspartei vor das Abgeordnetenhaus gebracht war. Man hatte von Vater, der damals Mitglied des Abgeordnetenhauses war, erwartet, daß er im Landtag gegen die Jesuiten und gegen die Abschaffung des Gesetzes, das die Jesuiten ausschloß, Stellung nähme. Er hatte es nicht getan. In einer Schrift „Wie kämpfen wir siegreich gegen die Jesuitengefahr?”[1] rechtfertigte er eingehend seine Stellung. Tiefer vielleicht als bei irgend einer andern seiner Schriften ist hier Vaters Feder in Glut getaucht. „Wir haben die Gegner nicht gerufen,” schrieb er darin, „aber indem sie heranrücken, wollen wir nicht protestieren und jammern, sondern uns ernstlich und mutig mit Waffen der Gerechtigkeit zum Kampfe rüsten. Hier gilt es nicht Übermut, sondern Demut, nicht Selbsterhebung, sondern Buße, nicht Verzagtheit, sondern Glaube. Damit, daß wir unsere Gegner schlecht machen, ist uns nicht geholfen; wir müssen selbst besser werden.”
[1] Das Heft (39 S.) ist in der Schriftenniederlage der Anstalt Bethel erschienen.
Wie er dieses Besserwerden verstand, legte er im zweiten Teil der Schrift eingehend auseinander, wo er die Gründe für die Aufrichtung der theologischen Schule erörtert und folgendes sagt:
„Gefährlicher, grundstürzender, bis in das tiefste Mark hinein vergiftender als die weiter geöffnete Tür für die Väter der Gesellschaft Jesu, das sage ich frei heraus, ist eine andere Not, die unseres Kirche an ihrem eigenen Busen großzieht. Unaufhaltsam ergießt sich eine Flut glaubensloser und oft pietätloser Kritik von den theologischen Lehrstühlen unserer deutschen Hochschulen über unsere arme theologische Jugend und rüttelt an der Grundlage unseres Glaubens, nämlich an der Heiligen Schrift. Viele junge Theologen ziehen fröhlich im Glauben auf die Universität und kommen mit zerbrochenem Glauben zurück. Es schreien viele Vater- und Muttertränen gegen solche grausamen Seelenhirten auf evangelischen Lehrstühlen. Ich würde doch viel lieber Steine klopfen als solche Arbeit treiben. Wer zwingt die Leute zu solchem grausamen Dienst? Um Glauben kämpfende, um Gewißheit ringende, wissenschaftlich fleißige und gründliche, nicht fertige, aber immer tiefer in die Wahrheit eindringende Männer der Schule kann ich gut leiden; aber nicht solche, die ihre leichtfertigen Zweifel und hoffärtigen Fündlein als sichere Resultate der Wissenschaft ihren Schülern darbieten. Diese Männer stehen sicher nicht auf des Heilands Wort Johannes 7, 17.