Selbstverständlich wird mit der Heiligen Schrift auch alles unsicher, was den Trost eines armen Sünders im Leben und Sterben ausmacht, was ihm Kraft zum Sieg über die Sünde und Fortschritt in der Lebenserneuerung darbietet. Christi Person und Werk wird nicht nur in immer nebelhaftere Umrisse gehüllt, sondern verschwindet endlich ganz. Man bedarf sein nicht mehr. Ein für uns gestorbener, für uns auferstandener, für uns zur Rechten des Vaters thronender König und Hoherpriester ist er nicht mehr. Daher gibt es auch für die Menschheit keine Auferstehung, kein ewiges Leben mehr, sondern ein wesenloses Fortleben der Seele, wie es alle Heiden haben.
Der selige Martin Boos, Goßners Freund, der bekanntlich bis in seinen Tod seiner Kirche treu und katholischer Priester blieb, schrieb einmal in einem seiner letzten Briefe: „Es ärgert mich vieles an meiner Mutter, am allermeisten aber, daß sie dem Evangelium so feindlich ist.” So möchte ich vielmehr von der evangelischen Kirche sagen: „Es ärgert mich vieles an meiner Mutter, am allermeisten aber, daß sie solche Feinde des Evangeliums auf den theologischen Hochschulen sitzen hat.”
Aber noch weniger als ich den Staat zum Verteidiger der Kirche gegen die Jesuiten in die Waffen rufen möchte, möchte ich ihn gegen diese Irrlehrer mobil machen und sie mit Polizeigewalt von ihren Stühlen stoßen. So hat es der Heiland auch nicht gemacht, als er klagte: „Auf Mosis Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer”, sondern er hat sich von ihnen ins Gesicht schlagen und speien lassen und hat sie überwunden, indem er für sie blutete, betete und starb. Schlechte Theologen werden ebenso wenig wie falsche Jesuiten durch polizeiliche Maßregeln überwunden. Ich weiß es wohl, daß es kein normaler Zustand ist, wenn der Staat solche Männer auf die theologischen Lehrstühle setzt und sie unsern jungen Theologen zu ihren ordentlichen Lehrern bestellt und jene hernach durch eine staatliche Prüfungskommission prüfen und durchfallen läßt (ich habe dies bei einem meiner liebsten Konfirmanden erfahren), wenn sie nun von dem Geiste und dem Unglauben ihrer Lehrer durchtränkt sind und sich ehrlich zu diesem Unglauben bekennen. Aber was kann der Staat da machen? Was können wir von ihm verlangen?
Wenn schon die staatliche theologische Prüfungskommission von ihren Kandidaten nicht wohl mehr verlangen kann als den Beweis ihres treuen Fleißes und ihrer wissenschaftlichen Tüchtigkeit, so kann der Staat bei den theologischen Lehrern noch viel weniger ein examen rigorosum (hartes Examen) auf ihre Rechtgläubigkeit anstellen. Dann würde man in beiden Fällen nur Heuchler schaffen. Auch auf dem Gebiete der Wissenschaft geht es ohne heiße Kämpfe nicht zum Sieg.
Gleichzeitig mit dem Kampf um die Jesuiten und dem ungleich wichtigeren um die theologischen Lehrer an den Universitäten durchzieht die evangelischen Landeskirchen Deutschlands eine andere Bewegung, die ihr auch in die Flanken schlägt und sie aus dem Schlafe aufrüttelt. Es ist die Gemeinschaftsbewegung.
Diese Bewegung ist ohne Zweifel in ihrem innersten Kern gut und heilsam, ähnlich derjenigen, die im 18. Jahrhundert durch Spener, Francke, Zinzendorf dem Vernunftglauben und der toten Rechtgläubigkeit gegenübertrat. Ihre Führer und Glieder sind wenigstens der überwiegenden Mehrheit nach das Salz unserer Gemeinden. Sie begnügen sich nicht damit, äußerlich ihre kirchlichen Pflichten zu erfüllen und einen ehrbaren Wandel zu führen, sie machen ganzen Ernst mit den Forderungen der Heiligen Schrift, dringen auf gründliche Umkehr, wollen schriftgemäß nicht nur einen Jesus für uns, sondern auch einen Jesus in uns haben, wissen, daß ohne Heiligung niemand den Herrn sehen wird, sind auch keine Kopfhänger, sondern fröhliche Leute, die mit Lied und Lobgesang Hand in Hand in geschwisterlicher Liebe ihre Straße ziehen in den Fußtapfen des Anfängers und Vollenders unseres Glaubens und keine größere Freude kennen, als auch andere Seelen zu dem Freund zu locken, der ihres Herzens Freude ist. „Heilig, selig ist die Freundschaft und Gemeinschaft, die wir haben und darinnen uns erlaben”, — so singen sie auf ihrem Wege nach Jerusalem. Wie sollte man sich über eine solche Bewegung nicht freuen, die unter Leitung besonnener Männer in gesunden Bahnen einhergeht!
Aber freilich läßt sich nicht leugnen, daß diese Bewegung in ihren Ausläufern bereits bedenkliche Krankheitsspuren zeigt. Sie ist es ja nun ganz besonders, — das muß man ihr zu ihrem Ruhm nachsagen — die gegen die Angriffe der Männer der Wissenschaft für unsere liebe Bibel eifert. Sie ist besonders die Kirche der Laienprediger, unter denen zweifellos treffliche, geisterfüllte Männer sich befinden, denen an volkstümlicher Beredsamkeit und Liebesglut viele ordinierte Pastoren nicht das Wasser reichen können. Solche Laienpredigt nach dem Vorbild der beiden „Tischdiener” Stephanus und Philippus ist sicher köstlich, wenn sie in der Demut bleibt. Allein sie schlägt vielfach über die Stränge; sie fängt an, gegen jede Wissenschaft zu eifern, sieht bereits in jedem Theologen, jedem Geistlichen, der von der Hochschule kommt und die vom Staat geforderte theologische Vorbildung empfangen hat, einen unbekehrten Mann, einen Bibelfeind. Es gibt unter diesen Laienpredigern eine Anzahl minderwertiger Agitatoren, die, ohne selbst jemals die Heilige Schrift durchforscht zu haben, mit auswendig gelernten Schlagworten um sich werfen, die edelsten Führer dieser Bewegung nachäffen und, ohne sich jemals selbst bekehrt zu haben, als höchstens zu ihrem eigenen Ich, auf Bekehrung dringen. Sie machen aus der Heiligen Schrift, dieser wunderbarsten und köstlichsten aller Gottesgaben, die je durch menschliche Werkzeuge zustande gekommen ist und die zu freier Gotteskindschaft führen soll, ein hartes, totes Gesetzbuch, das zur Menschenknechtschaft führt, und werfen einfältigen Leuten Lasten auf den Hals, die sie selber nicht tragen mögen. Wenn sie, mit vollem Recht, wegen ihrer Hoffart gestraft werden, sehen sie sich als Märtyrer an, finden in jedem Geistlichen der Landeskirche einen Baalspfaffen, lehren ihre Zuhörer auch jeden Christen, der sich nicht zu ihrer Gemeinschaft hält und in ihre Schlagworte nicht einstimmt, für einen unbekehrten, unwiedergeborenen Menschen halten und von oben auf ihn herabsehen. So ziehen sie leider manche der edelsten Christen von Christo hinweg in die geistliche Hoffart und die Nachfolge des Verklägers der Brüder. Das ist eine schmerzliche Tatsache.
So leidet unsere liebe Bibel von beiden Seiten Not, durch die pietätlosen Kritiker auf den Hochschulen und durch ihre unverständigen Verteidiger in unsern Gemeinschaften.
Wie kann hier geholfen werden? Wahrlich nicht durch ein Lanzenstechen im Abgeordnetenhaus und Angriffe gegen den Kultusminister, wie mir dies zugemutet worden ist. Ich kann den letzten sechs Kultusministern das Zeugnis nicht versagen, daß sie sich redlich bemüht haben, nicht nur gründlich gelehrte, sondern auch herzensfromme Lehrer unserer theologischen Jugend zu verschaffen. Und es wäre Sünde gegen Gott, wenn wir nicht von Herzen dankbar sein sollten für das, was seine Güte in den letzten fünfzig Jahren auch durch die Handreichung des Staates an geisterfüllten Lehrern unserer theologischen Jugend gespendet hat. Ich nenne nur Männer wie Beck, Auberlen, Neander, Hengstenberg, Nitzsch, Tholuck, Müller, Hofmann, Delitzsch, Luthard, Kähler, Cremer, Schlatter, zu deren Füßen ich mit meinen drei Söhnen, teils als Student, teils als Pastor habe sitzen und von deren Lippen ich klares Lebenswasser für meine Seele habe trinken dürfen. Eine solche Blütezeit hat die evangelische Theologie seit der Reformationszeit nicht wieder gehabt. Wenn nicht alle deutschen, so hat doch jede preußische Hochschule auch jetzt noch Männer, die unsere Jugend nicht nur zum freien Jungbrunnen der demütigen theologischen Wissenschaft, sondern auch zu dem freien offenen Born wider alle Sünde und Unreinigkeit führen, der auf Golgatha quillt. Und wenn ich auf die fast zweihundert Kandidaten der Theologie blicke, die in den letzten achtzehn Jahren hier in unserer großen Kolonie von Elenden aller Art als Glieder des theologischen Konvikts die Schürze der dienenden Liebe sich umgebunden haben und von denen über zwanzig zu den schwarzen Brüdern Afrikas hinausgezogen sind, um ihnen die Kunde vom gekreuzigten Gottessohn zu bringen, so kann ich mich nicht genug freuen, wie viele von ihnen nicht bloß ein gründliches Wissen, sondern auch einen lebendigen Glauben, der in der Liebe tätig war, von den deutschen Hochschulen mitgebracht haben.
Dennoch kann ein schmerzlicher Mangel an lebendigen gelehrten Zeugen des Evangeliums an unsern Hochschulen nicht geleugnet werden, an Männern, die voll Geist, Glut und Kraft (namentlich in bezug auf das Alte Testament) den Umstürzlern die Spitze bieten und ihnen gründlich heimleuchten können. Aber solche Zeugen kann weder ein Minister schaffen noch ein Oberkirchenrat, weder eine Generalsynode noch ein Generalsynodalrat, wiewohl ich den drei letztgenannten gerne einen größeren Einfluß, wenigstens ein volles Vorschlagsrecht und ein volles Veto bei der Besetzung der theologischen Lehrstühle erkämpfen möchte.