„Fromme Lehrer der Kirche”, so pflegte mein seliger Freund D. Kögel zu sagen, „sind ein Gnadengeschenk Gottes, sie können nicht von Menschen gefordert, sondern müssen von oben erbeten werden.” Und dies wäre vor allem eine köstliche Arbeit unserer gläubigen Gemeinschaftskreise. Wenn sie erst einmal Lehrer auf den theologischen Lehrstühlen sitzen haben, von denen sie in Wahrheit sagen können: „Sie sind vom Herrn erbeten”, dann werden sie auch vor falschem Richtgeist und vor aller verzagten und selbstsüchtigen Kirchenflucht bewahrt werden und ein gutes Salz unserer Volkskirche bleiben und immer mehr werden.
Auf unserem schönen Friedhof in Bethel ruht Wilhelm Heermann, „der Freund des Ravensberger Volkes”, den wir gern und mit Recht den Begründer unserer Anstalten nennen. (Siehe Seite 202 ff.). Er schalt nicht auf Pastoren, auf Kirche und Kirchenregiment, meinte auch nicht bei seiner seltenen Zeugengabe, er könne die Sache nun besser machen als alle Geistlichen; sondern er sammelte kleine Gemeinschaften betender Christen, und hier betete man um treue Lehrer des Evangeliums. Dies Gebet wurde erhört.
Auch unsere arme Gemeinde fallsüchtiger Kranker auf dem Zionsberge zu Bethel möchte gern an ihrem bescheidenen Teil etwas Steine und Kalk zurichten, damit Zion gebaut werde. Und wie das?
Zunächst in der Weise ihres lieben Begründers auf dem Friedhof zu Bethel, daß sie den Herrn der Kirche um treue Diener des Evangeliums für Kirche, Schule und Haus bittet, gestützt auf das Wort: „Das Verlangen der Elenden hörest du, Herr; ihr Herz ist gewiß, daß dein Ohr darauf merket.” Psalm 10, 17. Vielleicht kann sie aber dem Gebet auch eine Tat hinzufügen. Sie möchte es sehr gern.
Man sollte neben den staatlichen theologischen Fakultäten zunächst eine (gibt Gott sein Ja und Amen zu diesem Erstling, später mehrere) freie theologische Vorschule aufrichten, die nicht etwa gegen die Landeskirche und gegen die bestehenden Universitäten, sondern lediglich für beide arbeitet und ihnen in einer stillen Rüstkammer gute Werkzeuge schmiedet und sie im Feuer des göttlichen Wortes so stählt, daß sie, innerlich erstarkt, getrost die staatlichen Universitäten beziehen und daß, will’s Gott, aus ihnen tüchtige Lehrer und Seelsorger für die Landeskirche erwachsen möchten. Es würde dadurch auch dem in letzter Zeit schmerzlich zunehmenden Theologenmangel abgeholfen werden. Sehr viele Eltern, die sich jetzt mit Recht scheuen, ihre Söhne sofort den großen Universitäten anzuvertrauen, würden sie gern hierher senden.
Diese Pflanzschule sollte also nichts weniger sein als eine steife Tretmühle zum Auswendiglernen orthodoxer Formeln, sondern ein freier geistlicher Tummelplatz lernbegieriger und heilsbegieriger junger Seelen zu gegenseitiger Befestigung in der freimachenden Wahrheit zu den Füßen erfahrener Lehrer, die nicht auf hohen Stühlen sitzen, sondern mit denen sie täglich freien, zutraulichen Umgang pflegen und denen sie alle ihre Not klagen können. Dieser Pflanzschule müßte man eine auch äußerlich liebliche und geistlich gesunde Stätte bereiten, in der die köstliche Saat mit Freuden und in der Hoffnung ausgestreut werden kann, daß sie nicht sofort wieder von wilden Säuen zerwühlt wird.
Es ist ja leider so, daß fast alle Universitätsstädte Deutschlands keine Orte sind, an denen in den Gemeinden christliches Leben grünt und blüht, sondern fast überall ist das Gegenteil der Fall, viel wüstes, gottloses, fleischliches Treiben. So erwachsen nach dieser Richtung hin unsern jungen Anfängern auf der theologischen Laufbahn keine Förderungen, sondern vielfach sehr schwere Hindernisse.
Ohne uns vorzudrängen, möchte ich heute wohl glauben, daß diese Pflanzschule in der Nähe unserer hiesigen Anstalten, nicht weit vom Grabe unseres lieben blinden Heermann, eine noch günstigere Stätte finden könnte als in der Stadt Herford. Die landschaftliche Schönheit ist hier viel größer. Die jungen Studenten würden nicht nur in kleinen Konvikten, sondern auch in vielen Privathäusern in den Familien unserer Pastoren und Beamten der Anstalten herzliche Aufnahme finden. Es grünt und blüht hier auch bereits unser Kandidatenseminar in seiner eigentümlichen Gestalt. Sie sehen hier tüchtige junge Theologen mit glänzend bestandenem Examen, die sich mit Freuden die Schürze der dienenden Liebe umbinden. Sie sehen, was das Evangelium von dem Manne, der seinen Jüngern die Füße gewaschen hat, für sichtbare Früchte trägt. Akademisch gebildete Heidenmissionare, in dieser Schule ausgerüstet, ziehen von hier hinaus und kommen wieder, um zu berichten, was der Herr unter den Heiden durch das Evangelium ausrichtet.
Eine Anzahl ausgedienter Pastoren unseres Landes lassen sich gern in unserer Kolonie nieder und sind gewiß bereit, ihre Erfahrungen und ihre Kräfte in den Dienst der jungen Studenten zu stellen. Die nötigen Mittel zum Bau für die bescheidenen Hörsäle und Wohnungen der theologischen Lehrer sind auch schon gesichert. Kurz und gut, es kommt mir so vor, als ob in dieser Stunde der Not dieses Samenkörnlein an dieser Stätte wohl getrosten Glaubens ausgestreut werden könnte und daß der Herr der Kirche ihm den Frühregen und Spätregen nicht versagen und vor allem die rechten Männer schenken werde.