Im Frühjahr 1899 fühlte Vater das Herannahen eines ernsten Leidens. Die sonstige Frische ließ nach, und ein unerklärlicher Durst, der mit einer Erkrankung der Nieren zusammenhing, fing an, ihn zu quälen. Von den für alte Leute so wohltätigen Bädern des Wildbades Gastein hoffte er Stärkung. So nahm er für den letzten Kurmonat die Stelle eines Gasteiner Badepredigers an.
Von fürsorgenden Freunden war uns in der „Helenenburg” das Quartier bereitet worden. Sie lag an der einsamen Straße, die hoch über dem Orte am Abhang des Graukogls entlang führt. Früher hatte sie der Kaiserin von Oesterreich als Zufluchtsstätte gedient. Von einer Burg war freilich nichts an ihr zu entdecken. Sie war vielmehr ein einsames Landhaus, vielleicht das stillste Haus, das Gasteiner Badegästen seine Tür öffnete. Wie denn ja die unglückliche Kaiserin die einsamsten Häuser für ihren Aufenthalt am liebsten hatte. Das Getöse der Ache, die sich in gewaltigen Wassersprüngen in die Tiefe stürzt, drang aus der Ferne herüber. Aus dem weiten, lieblichen Tal unten stiegen die Erinnerungen herauf an die alten Zeiten, wo das Evangelium auch in diese Einsamkeit gedrungen war, bis die Gegenreformation kam und mit den Salzburgern auch die evangelischen Bewohner des Gasteiner Tales aus ihrem herrlichen Heimatwinkel vertrieb.
Unsere Mittag- und Abendmahlzeiten nahmen wir in der sogenannten „Schwarzen Liesl”. Das war ein kleines Gasthaus nordwärts von der Helenenburg, wohl hundert Meter über den stolzen Hotels gelegen, die sich unten im Tal aneinander reihen. Wie ein schüchternes Rehkitzchen duckt es sich an den waldreichen Abhang des Graukogls, um mit staunenden Augen in die Herrlichkeit hinunter und hinauf zu sehen, die Gott über diesen besonders schönen Fleck seiner Erde ausgegossen hat. Des Sonntagnachmittags kam je und dann der katholische Pfarrer von Gastein mit seinen Gemeindegliedern zur „Schwarzen Liesl” heraufgewandert, um auf der kleinen Kegelbahn, die an der Berglehne entlanglief, eine Partie Kegel zu schieben, bis die Betglocke aus dem Tale herauftönte und die ganze fröhliche Gesellschaft mitten im Spiel innehielt, ihr Gebet zu verrichten und sich an den Heimweg erinnern zu lassen.
Sie sah sehr bescheiden aus, diese kleine Kegelbahn, obwohl sie alle Ursache gehabt hätte, hoffärtig zu sein. Denn vornehmerer Gäste konnte sich so leicht keine Kegelbahn auf der weiten Erde rühmen. Wenn der alte Kaiser Wilhelm in Gastein weilte, hatten ihn bisweilen seine großen Paladine dort besucht, um selbst einige Tage lang die Stille der Gebirgswelt und die Nähe ihres königlichen Herrn zu genießen. Am Nachmittag aber waren sie zum Kegelspiel hinaufgegangen zur „Schwarzen Liesl”. Dann hatte die schwarze Liesl — so hieß die Frau des Wirts — aufgetischt, was Küche und Keller bot. Wenn aber der Kaiser selber kam und gar, wie es auch einmal geschah, die Kaiserin mitbrachte, hatte sie die schönsten Tassen und Gläser, die ihr Spind barg, hervorgeholt, um ihren hohen Gästen den erfrischenden Trunk zu reichen.
Aber das alles lag nun weit zurück. Nur eine Magd, die unter der schwarzen Liesl gedient hatte, lebte noch in einem stillen Häuschen des Tals. Sie wußte unserm Vater noch von der alten Herrlichkeit zu erzählen, auch davon, wie der Kaiser selbst sie besucht und auf der Bank in ihrem Garten gesessen hatte und wie die Schwarze Liesl-Wirtin einmal sogar auf die Einladung des Kaisers für zwölf Tage in ihrer Salzburger Tracht nach Berlin gefahren und vom Kaiser und Bismarck und den andern Gliedern des hohen Kegelklubs aufs beste aufgenommen worden sei.
Der nunmehrige Liesl-Wirt war seines ursprünglichen Zeichens ein Zitherspieler, der bis dahin in Stadt und Land als Musiker sich sein Brot verdient und auch jetzt seine Zither noch nicht an den Nagel gehängt hatte. Während seine Frau uns nach Kräften mit ihrer Kochkunst versorgte, saß ihr Mann mittags und namentlich abends unter seinen Gästen und schlug die Saiten. Wer seinen Weisen lauschte, dem entging nicht der wehmütige Ton, der durch alle Lieder hindurchklang. Und wer ihm vollends in die Augen sah, der merkte bald, daß eine verborgene Last ihn drückte. Aber er kam nicht mit der Sprache heraus, und so reiste Vater ab, ohne daß sich der arme Mann ihm entdeckt hatte. Kaum aber waren wir fort, so kam ein Brief nach dem andern, in denen der Wirt bat, ihm aus seiner Not zu helfen, da er von seinen Gläubigern gedrängt würde. Vater war inzwischen auf den Tod krank geworden. Eine Vergiftung des Blutes hatte sich eingestellt, die erst in Wildungen und dann in Bethel sein Leben monatelang dicht am Rande des Grabes hielt. Mitten in der Krankheit aber stand immer wieder die Gestalt des armen Michael an seinem Lager, und die wehmütigen, sehnsuchtsvollen Klänge der Zither tönten an sein Herz. Was sollte Vater tun, um zu helfen? Er entschloß sich, seinen getreuen Sekretär Behrendt nach Gastein zu schicken, um gründliche Klarheit zu schaffen. Es schien wirklich eine Weile, als ob der Mann noch gerettet werden könnte. Aber schließlich zeigte es sich doch, daß alles umsonst war.
Es würde zu weit führen, die folgenden fünf Jahre mühsamer Verhandlungen näher zu beschreiben. Das Ende des schmerzlichen Handels war, daß Vater gezwungen wurde, die „Schwarze Liesl” ganz zu übernehmen. Der Kreis der Freunde, die damals unserm Vater zur Rettung des Liesl-Wirtes die ersten Mittel dargereicht hatten, schloß sich zu einem festen Verein zusammen, der unter dem Namen „Kaiser-Wilhelm-Stiftung” den Veteranen der Kriege 1864, 66, 70 in der „Schwarzen Liesl” eine stille Erholungszeit verschaffen sollte.
Im Jahre 1904 zogen die ersten Veteranen ein. Mit Begeisterung war der Plan aufgenommen worden. Einer der ersten Ärzte des Bades erklärte sich bereit, die alten Krieger umsonst zu behandeln. Ein vornehmer Gasthof stellte, ebenfalls umsonst, seine Badezellen zur Verfügung; Freibetten wurden gestiftet, und die Mittel wurden so reichlich dargeboten, daß man den alten Helden freie Reise und freies Quartier gewähren konnte.
Dreimal hat Vater Gastein noch aufgesucht und einige Tage oder Wochen in der „Schwarzen Liesl” unter seinen Kriegskameraden zugebracht. „Ein ganzes Jahr lang”, sagte einer der Veteranen beim Abschiednehmen, „habe ich zu erzählen, so schön war es hier. Und das dumme ist bloß, daß es mir niemand glauben wird, auch nicht, wie man uns hier aufgenommen hat.”