Während der Jahre des großen Krieges mußte die „Schwarze Liesl” ihre Türen schließen. Seit 1921 aber hat sie sie wieder geöffnet und, soweit die Mittel der Stiftung es irgend gestatteten, Teilnehmern des letzten Krieges gedient.

Als Abgeordneter.

Als Stöcker sich im Jahre 1896 von der konservativen Partei trennte, blieb ihm das Siegerland treu, das Minden-Ravensberger Land zog sich von ihm zurück. Es hatte etwas Erschütterndes, zu sehen, wie Stöcker, der bis dahin unter gewaltigem Zulauf auf den großen Dielen des Landes und in den weiten Sälen der Städte gesprochen hatte, jetzt in ganz kleinen Kreisen die wenigen ihm noch verbliebenen Anhänger sammelte.

Einer der bedeutendsten Führer der Freunde Stöckers im Ravensberger Lande war seit langem Lehrer Budde in Laar bei Herford gewesen. Er war der Sohn eines Arztes in Spenge, hatte die Erweckungsbewegung unter Louis Harms und Volkening in der Tiefe mit erlebt und gepflegt und hatte als treuer Diener der Kirche, aber zugleich als entschlossener Gegner aller Pastorenherrschaft seiner kleinen Gemeinde Laar durch den Bau eines Kirchensaales zu einer gewissen kirchlichen Selbständigkeit gegenüber der eigenen Pfarrgemeinde verholfen.

Als Pastor Krekeler die Gemeindearbeit in Volmerdingsen übernahm, trat Budde als sein Nachfolger in Bethel ein. Hier wurde er ein geistlicher Vater und Berater nicht nur der Station seiner epileptischen Kranken von Bersaba, der er im Bunde mit seiner stillen, selbstlosen Frau in musterhafter Treue und größter seelsorgerlicher Begabung vorstand, sondern zugleich auch der Dienstmädchen der Gemeinde, der Waisenkinder im Lande, der Kandidaten des Konvikts und vieler einzelner Anstaltsbewohner.

Es war Vaters Ideal, daß Pastoren und Lehrer nicht im Verhältnis von Vorgesetzten und Untergebenen einander gegenüberstehen, sondern als die nächsten Mitarbeiter an der Gemeinde sich untereinander ergänzen sollten. In dem Dienst, den Budde in seiner Gemeinde Laar und dann in der Zionsgemeinde tat, fand dieses Ideal seine Erfüllung. An den Brüderstunden, die Vater anfangs Sonntagnachmittags, später Freitagabends hielt, war Budde der regelmäßige Teilnehmer. Er konnte es nie verstehen, wenn Brüder ohne zwingenden Grund die Stunden versäumten. „Und wenn sie auf den Knien hinrutschen müßten,” konnte er wohl sagen, „dann sollten sie es tun; denn so etwas bekommen sie nie wieder zu hören.” Vater leitete die Besprechung in diesen Stunden, Budde hatte regelmäßig das Gebet. Dieses Gebet war die Erquickung, auf die sich Vater die ganze Woche über freute. Zu der äußeren Form, in der Budde es vorbrachte, lächelte Vater oft, sodaß er während des Gebetes immer den Kopf tief in seine Hände barg und auf das Pult legte, um niemand zu stören, wenn ihn über eigenartigen Ausdrücken Buddes das Lachen überkommen wollte. Aber der Ernst und die tiefe Inbrunst, von denen das Gebet getragen waren, erquickten ihn.

Durch die Besuche bei den Waisenkindern hin und her im Lande hatte Budde beständig die lebhafteste Fühlung mit allen Schichten der Bevölkerung, sodaß es ihm und seinen Gesinnungsgenossen allmählich gelang, die durch den Austritt Stöckers aus der konservativen Partei zersprengten Anhänger zu organisieren und um ein kleines Wochenblatt, den „Ravensberger”, zu sammeln. Vater selbst hielt sich auch jetzt, seinen Grundsätzen treu, von aller einseitigen Parteinahme, sei es für die Konservativen, sei es für die Christlich-Sozialen, fern. Ihm war Stöcker — das sprach Vater immer wieder aus — zu schade für einen Parteiführer. Er war überzeugt, daß er dem Ganzen des Volkes noch weit wirksamer hätte dienen können, wenn er sich von dem politischen Parteiwesen ferngehalten hätte. Er hatte auch Stöcker die Themata genannt, um die sich nach Vaters Überzeugung Stöckers öffentliche Tätigkeit drehen sollte. (Der Brief ist leider nicht vorhanden.) Ihm blieb es schwer, daß Stöcker nicht darauf einging. „Er hat doch etwas vom Volkstribunen an sich,” sagte Vater gelegentlich und meinte damit, daß Stöcker sich doch nicht unabhängig genug hielt gegenüber dem Einfluß der Masse.

Um so weniger konnte jetzt Vater, so sehr er sich in den Hauptsachen mit Stöcker eins wußte, irgend welche einseitige Stellung einnehmen in dem Kampf, der sich zwischen Konservativen und Christlich-Sozialen im Ravensberger Lande entfaltete. Er stand zwischen beiden Gegnern in ganzer Unabhängigkeit mit Waffen der Gerechtigkeit und Wahrheit zur Rechten und zur Linken. Einen konservativen Führer des Landes, dessen Schrift über die Christlich-Sozialen er ungerecht und scharf fand, schonte er in einer persönlichen Besprechung nicht. Und als auf der andern Seite sein Freund Budde eine für den Druck bestimmte Darstellung des Kampfes gegeben hatte, die nach Vaters Überzeugung den tatsächlichen Gang der Dinge zu einseitig wiedergab und darum neues Öl ins Feuer gegossen haben würde, scheute er auch den Kampf mit diesem seinem treuen Freunde nicht. Als Budde nicht nachgab, kam es für kurze Zeit zu einer gewissen Entfremdung zwischen beiden, bis Vater eines Nachts im Bett an Budde einen Brief schrieb, der Budde zum Nachgeben veranlaßte, sodaß der betreffende Abschnitt der Druckschrift überklebt und in späteren Auflagen ganz weggelassen wurde.

Allmählich hatte sich die kleine christlich-soziale Partei in Minden-Ravensberg so gefestigt, daß sie in den Wahlkämpfen eine wachsende Bedeutung gewann. Sie war aus dem Winkel, in den sich Stöcker anfangs zurückgedrängt sah, wieder eine Macht geworden, mit der die Gegner von rechts und links zu rechnen hatten. Das hatte mehr und mehr zu einer gewissen Zusammenarbeit zwischen Christlich-Sozialen und Konservativen geführt. Im Jahre 1903 sahen sich die Christlich-Sozialen so weit erstarkt, daß sie von den Konservativen eine Kandidatur Stöckers für das Abgeordnetenhaus verlangten. Aber Stöcker blieb das rote Tuch für die Konservativen. Sie lehnten Stöcker ab. Der alte Zwist, der in den vergangenen Jahren bereits die zerstörendste Wirkung auf das Land ausgeübt und im Grunde nur das Anwachsen der Sozialdemokratie gefördert hatte, drohte aufs neue auszubrechen, es sei denn, daß für die Kandidatur eine Persönlichkeit gefunden würde, die beiden Richtungen genehm war. So wurde Vater vorgeschlagen.

Ihn lockte die Arbeit im Abgeordnetenhause nicht. Aber er sah den Ernst der Lage. Er glaubte den Minden-Ravensbergern diesen Freundesdienst schuldig zu sein. So nahm er die Kandidatur an unter der Bedingung, daß er niemals gezwungen würde, irgend eine Parteiversammlung zu besuchen oder eine Parteirede zu halten. Das wurde ihm zugesichert. Wenige Tage darauf war die Wahl, und die Verständigung zwischen Konservativen und Christlich-Sozialen brachte ihnen den gemeinsamen Sieg.