Lediglich um seiner engeren Heimat einen Friedensdienst zu tun, hatte Vater angenommen. Dadurch war von vornherein die Linie gegeben, auf der er sich während der fünf Jahre als Abgeordneter bewegte. Er verzichtete von Anfang an darauf, sich in die Fülle der Aufgaben hineinzuarbeiten, die sonst für einen Abgeordneten selbstverständliche Pflicht sind. Jedermann hat ihm diese Freiheit zugestanden.
Weil er nicht im Dienste einer Partei, sondern im Dienst des Friedens gewählt war, so konnte er sich auch im Abgeordnetenhause nicht irgend einer Parteigruppe verschreiben. Um Anschluß zu bekommen, wurde er Gast der konservativen Gruppe, der er ja auch seinem ganzen Entwicklungsgang und seiner Überzeugung nach am nächsten stand. Aber irgend welche Fesseln wurden ihm dadurch nicht aufgelegt und ließ er sich nicht auflegen.
Das zeigte sich gleich bei der ersten Rede, die er bei Gelegenheit der Kanalvorlage — es handelte sich um den Bau des Rhein-Weser-Kanals — am 5. Mai 1904 im Abgeordnetenhause hielt. Die Bedeutung der Rede lag darin, daß er in Form und Inhalt sich selbst treu blieb. Er nannte die Abgeordneten, geradeso wie seine kranken und gesunden Gemeindeglieder in Bethel, „ihr” und den Minister „du”. Die Versammlung selbst aber hob er über alle Parteigrenzen hinaus, behandelte sie als ein Ganzes, als eine große Körperschaft, deren Verantwortung und Tätigkeit sich um das Wohl des ganzen Volkskörpers immer wieder sammeln und einigen müßte. Jetzt beim Kanalbau sollten sich, so wünschte er, die Fürsorge für den Arbeiter, der Kampf gegen den Schnaps und eine gesunde Ansiedlungspolitik betätigen und sollten schmerzliche Versäumnisse nachgeholt werden.
Die Rede fiel wie ein erfrischender Tau auf das ganze Haus. Man hatte dergleichen noch nicht gehört. Und die Zeitungen aller Parteirichtungen empfanden sie wie eine befreiende Tat. Der „Ulk”, das Witzblatt des Berliner Tageblattes, der früher Vater in der Frage der Irrenseelsorge aufs heftigste angegriffen hatte, brachte folgendes Gedicht:
An Seine Ehrwürden, den Herrn Pastor.
Mein lieber Pastor Bodelschwingh,
Das nenn’ ich brav gesprochen!
Wo sonst so seicht das Reden ging,
Ward frisch der Bann gebrochen.
Ich greife — ja, verehrter Mann,
Zuvörderst muß ich fragen:
Red’ ich mit trautem Du Sie an?
Soll Sie zu dir ich sagen?
Erlösend klang im Sitzungssaal
Aus dem Debattendusel
Die Forderung: „Für den Kanal!
Doch gegen jeden Fusel!”
Die Volksvertreter hörten zu —
Dir, oder sag’ ich Ihnen?
Und jedes Wort bestärktest du
Mit Ihren treuen Mienen!
„Man solle den Kanal nur bau’n,
Doch bauen ohne Schnäpse,
So hilft man noch in deutschen Gau’n
Dem allerärmsten Plebse.”
Ehrwürden gaben Kluges kund,
Du standst am rechten Orte,
Und alles hing an Ihrem Mund
Und lauschte deinem Worte!
„Den Schnaps fort — ein für allemal!”
Ein Spirituosenhasser
Ist zweifellos für den Kanal
Wie überhaupt für Wasser.
Schnaps drückt uns alle unters Vieh:
Herr Pfarr’, mit dem Bekenntnis
Da findest du, da finden Sie
Gleich unser Einverständnis.
Doch kam ein Hieb noch hinterdrein,
Der bleibe nicht verborgen:
„Die Landwirtschaft soll nicht so schrei’n
Und mehr fürs Landvolk sorgen!”
So riefen Sie ihr ins Gesicht, —
Dir bangt vor keiner Fehde.
So mahnte niemand noch zur Pflicht
Wie du mit Ihrer Rede.