Bei diesem Wink verstummten sie,
Die hochfeudalen Schreier,
Bei diesem Mahnwort brummten sie:
„Hol’ dich — hol’ Sie der Geier!”
Ehrwürden, das ist der Humor
Im ganzen Redestreite:
Du nahmst die eig’nen Freunde vor,
Die Herrn auf Ihrer Seite!
Seltsam klang Ihre Liturgie,
Du brauchst dich nicht zu schämen!
Man mußte lachen über Sie
Und muß doch ernst dich nehmen.
Ehrwürden sind ein Kauz, und doch:
Man huldigt dir, dem Alten,
Der so mit vierundsiebzig noch
Kann Jungfernreden halten!
(Sigmar Mehring.)
Aber diese erste Rede Vaters im Abgeordnetenhause war eigentlich auch seine letzte. Sie bedeutete Sieg und Niederlage in eins. Er war durch sie zugleich der Freund und der Feind der ganzen Abgeordneten geworden. Die Höhe, auf der er sich bewegte, übersprang alle Parteigrenzen. Das hatte alle hingerissen und für den Augenblick alle um Vater geeint. Aber indem er sich nicht scheute, um der Sache willen allen Gegnern, auch wenn sich unter ihnen seine nahen Freunde befanden, die Wahrheit zu sagen, untergrub die Rede zugleich auch die Autorität der Partei. So liebte man ihn und mied ihn zugleich. Denn man war sich nicht sicher, ob er nicht bei nächster Gelegenheit seine politischen Freunde noch kräftiger angreifen würde.
Nur einige wenige Male, in nebensächlichen Fragen, nahm er noch das Wort, und gern wurde es ihm nicht gegeben. Als er sich wieder einmal auf die Rednerliste hatte setzen lassen, deren Namen an einer Tafel angeschrieben waren, stand ich mit ihm am Eingang des Sitzungssaales gerade der Tafel gegenüber. Sein Name war zunächst an dritter oder vierter Stelle gebracht, aber wir beobachteten, wie von Zeit zu Zeit vor seinen Namen ein anderer Name eingefügt wurde, sodaß er immer an letzter Stelle blieb. Es war deutlich, daß die Sitzungszeit längst verstrichen sein würde, ehe er an die Reihe käme Schließlich sagte er traurig, aber ohne Bitterkeit: „Junge, laß uns gehen! Sie wollen mich nicht.” Aber die Niederlage wurde doch weit überwogen durch den Sieg. Er war durch seine Rede mit einem Schlage zur populärsten Persönlichkeit nicht nur des Abgeordnetenhauses, sondern von ganz Berlin, ja, es muß wahrheitsgemäß wohl gesagt werden, des Vaterlandes geworden. Mußten sich die Parteien ihm auch verschließen, sodaß das Rednerpult des Abgeordnetenhauses nicht sein Platz war, so erschlossen sich ihm desto mehr die einzelnen Abgeordneten ohne Unterschied der Parteien, soweit ihnen die Sache, und nicht bloß das Parteiinteresse und die eigene Person, am Herzen lag. Das galt nicht nur von den Mitgliedern des Abgeordnetenhauses, sondern auch des Reichstags. Mit den Hochkonservativen so gut wie mit Bebel konnte man ihn in den Wandelgängen des Abgeordnetenhauses und des Reichstages in tiefsten Gesprächen finden. An alle konnte er jetzt die Dinge, die ihn bewegten, persönlich herantragen und sie ihnen persönlich ins Gewissen schieben, namentlich die Arbeiterwohnungsfrage und die Fürsorge für die Wanderarmen.
Gerade je weniger er sich in seiner Kindlichkeit und unbewußten Demut seines Einflusses auf die Gemüter bewußt war, desto stärker wirkte er. Er konnte eigentlich jedem alles sagen, und niemand nahm ihm etwas übel. Im Zimmer des Direktors des Abgeordnetenhauses konnte er seine Besprechungen abhalten, und als einmal alle Stühle besetzt waren und der Direktor selbst hereintrat, rückte er in die Sofaecke und sagte: „Mein lieber Direktor, hier ist für dich auch noch ein Plätzchen.”
Ebenso ging es ihm in den Ministerien. Wenn er sich telephonisch angemeldet hatte, standen oft schon die Portiers draußen vor der Tür und sahen die Straße entlang, um ihn gleich in Empfang zu nehmen und ihm die Wege zu weisen. Dabei kam es ihm natürlich zustatten, daß er sich von seiner Jugendzeit her, wo seine Eltern in drei verschiedenen Ministerien gewohnt hatten, dort wie zu Hause fühlte. Als wir einmal bei einem Geheimrat im Kultusministerium zu einer Besprechung zusammensaßen und es draußen klopfte, rief nicht der Geheimrat, sondern Vater: „Herein!”, ohne daß der Geheimrat das als einen Eingriff in seine Rechte empfand. Man beugte sich eben unwillkürlich unter die bezaubernde Gewalt dieser harmlosen kindlichen Überlegenheit.
Um die Zeit auszunutzen, diktierte er uns oder auch seinem Sekretär in den Vorzimmern der Minister seine Briefe, bestellte dorthin auch die, die er an seinem Teile zu sprechen wünschte.
Mehr als fünfzigmal während der fünfjährigen Legislaturperiode reiste Vater zwischen Bielefeld und Berlin hin und her. Im St. Michael-Hospiz in der Wilhelmstraße hatte er sein ständiges Quartier, wo ihm und seinen treuen Pflegern und Sekretären, erst Meier und dann Balduf, sooft sie kamen, die beiden Zimmer eingeräumt wurden, die unmittelbar über dem Quartier des Forstmeisters von Rothkirch lagen. Die Fürsorge des alten Fräulein Kreysern und Rothkirchs übersprudelnde Herzlichkeit durchwehten das ganze Haus, und Vater fühlte sich hier inmitten der aus- und einziehenden Gäste und ständigen Bewohner überaus wohl. Mit vielen, die kamen, verband ihn alte Freundschaft, mit andern wurden neue enge Beziehungen geknüpft. Genannt seien Graf Zedlitz, der frühere Kultusminister und damalige Oberpräsident von Schlesien, General von Viebahn, der Freund und Seelsorger der Soldaten und Offiziere, Graf E. von Pückler, der Gründer der St. Michaels-Vereinigungen, Amtsgerichtsrat Kölle, der aufrechte Vertreter und Anwalt aller Unterdrückten, der namentlich in der Wanderarmensache Vater eingehend beriet und unterstützte, und schließlich die eigenartigste und bedeutsamste Erscheinung unter den Gästen des Hospizes, Baurat Schmidt, der bekannte „Heißdampf-Schmidt”, mit dem Vater später noch im Stöckerschen Hospiz bei Partenkirchen zusammentraf und eng verbunden wurde, der Mann, wie er sagte, „der modernen Lokomotiven, der vor allem für geistliche Lokomotiven Herz und Verstand hat”.
Köstlich war und blieb die Unbefangenheit, mit der sich Vater unter den vielen fremden und oft vornehmen Gästen bewegte. So stellte sich ihm ein alter Herr v. N. vor. „Herr v. N.?” sagte Vater. „In Paris suchte mich mal ein Herr v. N. auf, der taugte freilich nicht viel. Sind Sie das vielleicht?” Den Zylinder seines Freundes Rothkirch borgte er sich zu einem Besuch bei dem Prinzen Friedrich Heinrich, dem Sohn des Prinzen Albrecht, dessen Palais nur hundert Schritt weiter aufwärts in der Wilhelmstraße lag. Da der Zylinder zu klein war, trug ich ihn Vater nach über die Straße hinüber, und erst im Augenblick, wo er das Palais betrat, zwängte er ihn sich auf. Der Besuch führte zu einem herzlichen Verstehen zwischen beiden, das auch anhielt, nachdem der Prinz längst in große Einsamkeit und Stille untergetaucht war, und das sich durch immer erneute Liebeszeichen und Zuwendungen kundtat, mit denen der Prinz sein Interesse an Vaters Aufgaben bezeugte. In dem wunderschönen Garten des prinzlichen Palais konnte Vater einige Male nach Tagen ernster Krankheit die erste Erholungszeit erleben.