Vor allem war es der Graf Botho zu Eulenburg, der frühere preußische Minister des Innern, der seine ganzen Kenntnisse und Erfahrungen in den Dienst der Sache stellte und einen Gesetzentwurf ausarbeitete, der zum Ziele zu führen schien. Vater hingegen übernahm es, die einzelnen maßgebenden Persönlichkeiten für den Entwurf zu gewinnen. Aber die Sache fand noch keine Mehrheit, und der Entwurf wurde vom Abgeordnetenhause abgelehnt. Das war schon im Jahre 1895.
Eine Zeitlang wandte sich Vater dem Reichstage zu, dann, als es gelungen war, in Westfalen eine vorbildliche Wanderarbeitsstättenordnung durchzuführen, aufs neue dem preußischen Abgeordnetenhause.
Es ist unmöglich, die Last von Enttäuschungen, Demütigungen, Mühsalen, schlaflosen Nächten, immer erneuten schriftlichen und mündlichen Bitten auszudenken, die Vater im Dienste seiner Brüder von der Landstraße auf sich nahm. Unaufhörlich standen ihm diese armen Menschen vor der Seele, die mittellos auf die Landstraße geworfen, zum Betteln gezwungen, von der Polizei wegen Bettelns aufgegriffen, in elendem Polizeigewahrsam untergebracht, von den Richtern verurteilt und nun im Gefängnis in den Sumpf der gewohnheitsmäßigen Bummler und Verbrecher hinuntergestoßen wurden.
„Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr laßt den Armen schuldig werden,
Dann überlaßt ihr ihn der Pein;
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.”
Oft hatte Vater im Gedanken an die Gleichgültigkeit und Herzlosigkeit der gesetzgebenden Körper mit tiefster Erbitterung zu kämpfen. Als wir eines Abends in jener Zeit, wo er selbst noch nicht Abgeordneter war, am Abgeordnetenhaus vorbeikamen, sagte er mit unterdrückter Stimme: „Ich möchte mir am liebsten jetzt einen Stein suchen und den Herren im Abgeordnetenhause die Fenster einschmeißen. Dann hätten sie doch die Genugtuung, einmal einen Schuldigen ins Gefängnis zu stecken, statt daß sie jetzt immer wieder arme schuldlose Leute abführen lassen.”
Nach einer fruchtlosen Auseinandersetzung mit Miquel, der als Finanzminister natürlich ein entscheidendes Wort zu sprechen hatte, bekam er unterwegs in der Droschke vor innerer Erregung eine Blutung, die ihn dem Tode nahe brachte.
Doch keine Niederlage, keine Abweisung, keine Gleichgültigkeit stumpfte ihn ab. Solange er für das Ganze keine Regelung erreichen konnte, setzte er doch, wo er nur konnte, die Lösung der Frage im einzelnen durch. Zunächst wurde, wie gesagt, in Westfalen ein großmaschiges Netz, das den dringendsten Bedürfnissen genügte, geschaffen. Für diejenigen Wanderarmen, die sich ohne geordnete Papiere obdachlos meldeten, wurden besondere Steinklopfbuden errichtet, in denen sie die Steine für die Chausseebauten zurüsteten und sich so Kost, Schlafgeld und Wanderschein erwarben. Mit dem kurzen Stahlhammer in den Händen, stand Vater unter den Steinklopfenden, um selbst auszuprobieren, ob auch eine ungeübte Hand die Arbeit leisten könne.
Den Schein über die geleistete Arbeit ließ er in seiner eigenen Schreibstube ausstellen, um so jede Gelegenheit zu benutzen, mit den Brüdern von der Landstraße in persönliche Berührung zu kommen und ihre Verhältnisse genau kennen zu lernen.
Seine Wahl in den Landtag im Jahre 1903 bedeutete dann einen wesentlichen Fortschritt in der Sache. Jetzt hatte er regelmäßig Gelegenheit, die Angelegenheit zu betreiben und sie nach allen Seiten hin sicher zu fundamentieren. Kurz vor seinem Tode war der Sieg erfochten. Sein Freund Pappenheim, der Führer der Konservativen, telegraphierte: „Gesetzentwurf angenommen.” Damit war das Wanderarbeitsstättengesetz für Preußen geschaffen, das jeder Provinz, die von sich aus die Regelung der Wanderarmen in die Hand nahm, eine Unterstützung aus dem preußischen Dotationsfonds zusicherte und so jeder Provinzialregierung, die guten Willens war, die Möglichkeit gab, nach dem Vorbilde von Westfalen und Württemberg eine feste Wanderordnung zu schaffen und dem willkürlichen Bettel das Handwerk zu legen. Zwischen den kürzeren Strecken wurden die alten Wanderstraßen festgehalten. Bei größeren Entfernungen aber sollten die Arbeitslosen durch die Bahn von einer Wanderarbeitsstätte und dem damit verbundenen Arbeitsnachweis zur andern befördert werden. Sie konnten sich dann an jedem neuen Arbeitsplatze nach Arbeit umsehen oder von einer Wanderarbeitsstätte zur andern sei es die Hauptzentren der Arbeitsgelegenheit, sei es die in Betracht kommende Arbeiterkolonie zu erreichen suchen.
Man sagt von den Westfalen, daß sie die dicksten Schädel der Welt hätten und unter allen deutschen Stämmen die Trotzigsten wären. Ein zäher Trotz hatte dazu gehört, um durch Jahrzehnte hindurch in diesem Kampf nicht zu ermüden. Aber Trotz allein hätte es nicht ausgerichtet. Es kam das zerbrochene Herz dazu, das sich jede Demütigung gefallen ließ und das mit magnetischer Gewalt die göttlichen Kräfte der Liebe an sich zog. Ein harter Schädel und ein zerbrochenes Herz und selbstlose Liebe, die drei im Bunde tun noch heute Wunder.