Hoffnungstal.
Es war an einem Winterabend im Jahre 1905. Vater hatte für diesen Abend mit dem Berliner Stadtrat Münsterberg, der ihm seit vielen Jahren durch gemeinsame Arbeit nahe stand, einen Besuch in dem städtischen Asyl für Obdachlose verabredet. Da er leidend war, war ich ihm nachgereist, um ein wenig für ihn zu sorgen. So kam es, daß ich das Nachfolgende miterlebte.
Es war eine lange Fahrt aus dem Südwesten der Stadt durch das Zentrum hindurch in den fernen Norden. Je weiter wir kamen, desto spärlicher fiel das Licht der Laternen auf die Schilder der Straßen, durch die wir fuhren. Endlich tauchte das Schild auf, das den Namen „Fröbelstraße” trug. Damit waren wir dicht vor dem Ende unserer Fahrt angelangt. Die Gestalten, die wir überholten, hatten alle das gleiche Ziel wie wir. Mit unsicheren Schritten, wie sie der Alkohol seinen Opfern gibt, schlichen die meisten von ihnen durch den Winternebel die düstere Straße entlang. Jetzt hielt unser Wagen vor dem stattlichen Gebäude, durch dessen Tür vor uns und hinter uns die Gestalten des Elends schwankten. Als wir in den Aufnahmeraum traten, stand gerade ein Haufen von siebzig bis achtzig jungen und alten Männern bereit, um in einen der großen Schlafsäle, deren das Asyl etwa vierzig bis fünfzig enthält, geführt zu werden. Es waren noch manche frische Gesichter darunter, doch die meisten zeigten die Spuren der äußeren Not und des inneren Elends. Der ganze Raum war erfüllt von dem Dunst des Alkohols, der den Tag über in Pfennigen und Groschen an den Türen der Berliner Bürger zusammengebettelt war.
Wie ein Krieger, der in eine Schar von Feinden eine Bresche schlagen will, so sprang Vater zwischen den Haufen und rief: „Wer von euch will Arbeit haben? Ich habe Arbeit: Hand in die Höhe!” — Alle blieben stumm, und keine Hand rührte sich. Es war, als wenn alle von dem ungewohnten Ruf überrascht wären und sich erst eine Weile sammeln müßten. Jetzt rief Vater zum zweitenmal: „Hand in die Höhe! Wer von euch will Arbeit haben?” Da reckte sich schüchtern die erste Hand empor, dann die zweite, die dritte, bis fünf oder sechs Hände in der Luft schwankten. „Sehen Sie, Herr Stadtrat, sehen Sie diese Hände! Es heißt immer, im Asyl für Obdachlose will keiner mehr Arbeit haben. Hier sind aber noch Leute, die arbeiten wollen, und wir müssen ihnen Arbeit geben.”
Dann ließ sich Vater mit den einzelnen ins Gespräch ein, fragte nach Heimat, Stand und Alter und setzte der ganzen Schar, die anfing, immer aufmerksamer zuzuhören, auseinander, daß er daran gehen wolle, für alle, die wirklich noch einmal in die Arbeit und damit in ein neues Leben zurück wollten, draußen vor den Toren der Stadt Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Dann sagte er, zu der ganzen Schar gewandt: „Ich brauche aber dazu auch Geld! Wer von euch kann mir Geld borgen?” Wiederum blieb alles stumm. „Wer von euch kann mir Geld borgen?” Aber keine Hand ging in die Höhe. Nun fragte Vater den Nächststehenden: „Können Sie mir kein Geld borgen?” Der Mann schüttelte mit dem Kopfe. „Wie alt sind Sie?” — „Achtzehn Jahre.” Da schlug ihm Vater mit seinen flachen Händen auf die beiden Schultern, daß es durch den ganzen Mann schütterte: „Dann könntest du mir 500 Mark borgen! Wo hast du sie gelassen?” — Keine Antwort, aber auch kein Widersetzen. Der junge Mensch spürte nicht nur die Glut des Zorns, sondern auch die Glut des Erbarmens, die hinter dieser Frage und hinter diesen Schlägen loderte.
Immer aufmerksamer und immer nüchterner hörte die ganze Schar zu, während Vater die Reihen entlang fragte. Jetzt kam er an einen alten Mann mit triefenden Augen und zerrissenen Kleidern. Es stellte sich heraus, daß er früher Kutscher beim alten Kaiser Wilhelm gewesen war. Vater fragte ihn: „Nun sagen Sie mal, wie ist es denn so weit mit Ihnen gekommen?” Da stieß der Alte bitter zwischen den Zähnen hervor: „Ich hab’s gewollt.” Vater faßte ihn mit seiner zarten Hand, drehte ihn der ganzen Gesellschaft zu und sagte: „Guckt ihn euch einmal an, unseren armen alten Freund! Wollt ihr auch einmal so aussehen?” Schon fingen die Wärter an, den Haufen leise vorwärts zu drängen, da der Aufnahmeraum neuen Scharen Platz machen mußte. Aus der hintersten Reihe aber kam eine zitternde Hand, die sich über die Köpfe hinweg auf den Vater zustreckte. Vater sah sie und griff nach ihr. „Was wollten Sie denn, mein alter lieber Bruder?” „Ach,” sagte der Mann, „ich wollte Ihnen bloß mal die Hand geben und Ihnen danken für die guten Worte.” — Nun schoben die Wärter immer dringender, aber nur langsam und zögernd bewegte sich der Haufe vorwärts. Alle hatten den Blick rückwärts auf Vater geheftet, als wollten sie ihm, wenn auch stumm, noch einmal danken für die guten Worte.
Dann ging Vater durch die einzelnen eng gefüllten Säle. Der energische, freundliche Direktor des Asyls begleitete uns. Hie und da hatten sich schon die Obdachlosen auf ihre Pritsche ausgestreckt, von denen eine eng neben die andere gerückt war. Aber jetzt rappelten sich die meisten wieder in die Höhe und standen jeder stramm vor seiner Lagerstatt. Wenn Vater oben in einer Reihe anfing, jedem die Hand zu geben und einige Fragen an ihn zu richten, sah die ganze lange Linie ihm entgegen. Unwillkürlich lenkte er aller Augen zu sich hin. Und wenn er weitergegangen war, sahen ihm dieselben Augen nach, bis er verschwand. Es war wie eine Heerschau, die ein General über seine Armee abhielt — eine Armee von Bettlern.
Draußen auf dem Flur kosteten wir die Mehlsuppe, die aus großen Gefäßen in das blecherne Geschirr geschöpft wurde, das jeder in seiner Hand hielt. Auch in die Badestube mit ihren sauberen Duschapparaten gingen wir und auch in die Kammer, wo die mit Ungeziefer behafteten Kleider gereinigt wurden. Schließlich kamen wir in einen der Säle, die für die obdachlosen Frauen und Mädchen bestimmt waren. Aber während Vater in den Sälen der Männer lange verweilt hatte — in diesem Frauensaale sagte er nichts. Stumm ging er an einem Ende hinein und am andern wieder hinaus. Das Bild war für ihn zu schrecklich. Denn fast alle Insassen dieses Saales waren betrunken. So abschreckend der Anblick betrunkener Männer ist — der Anblick dieser durch Trunkenheit und alle Art von Lastern entstellten Frauenangesichte hatte etwas Bestialisches, ja Diabolisches an sich. Darum konnte und mochte Vater nichts sagen.
Dieser Abend im Asyl für Obdachlose aber war der Gründungstag von Hoffnungstal. Von jetzt ab ließ es Vater keine Ruhe mehr. Er bereiste in kurzer Zeit mit unermüdlichem Eifer die ganze Gegend um Berlin. Überall forschte er nach geeignetem Gelände, um für die Obdachlosen Berlins eine Zufluchtsstätte zu schaffen, wo sie nicht nur Obdach und Brot, sondern vor allem Arbeit fänden. Schließlich bot sich ihm im Norden der Stadt an den Grenzen der Berliner Rieselfelder ein geeigneter Platz. Dort besaß die Berliner Stadtverwaltung ein kleines Gut mit angrenzenden weiten Kiefernwaldungen, die sich auch durch die schwachen Kräfte der Berliner Obdachlosen mit Hilfe des leicht zu beschaffenden Düngers der Berliner Pferde- und Kuhställe in Obstanlagen verwandeln ließen.
Während nun Vater den Berliner Magistrat auf der einen Seite sehr scharf angriff, daß er in seinem Asyl Müßiggänger, ja schließlich Verbrecher schlimmster Art großziehe, indem den Obdachlosen wohl Almosen in Gestalt von Quartier und Mahlzeiten, aber keine Arbeit angeboten würde, hatte er gleichzeitig den Mut, denselben Magistrat zu bitten, ihm bei der Anlage der neuen Kolonie behilflich zu sein und ihm das Gut auf achtzehn Jahre zu verpachten. Wirklich ging der Magistrat auf Vaters Wünsche ein. Und bald erklang Vaters fröhliche Bitte: „Wer hilft uns mit zum Bau von Hoffnungstal?” Während er aber diese Bitte hinaussandte und seine Kollektanten in ganz Berlin treppauf, treppab zogen, kehrte Vater zu immer erneuten nächtlichen Besuchen in das städtische Asyl zurück, um mit dem Direktor und den Beamten des Asyls seine Pläne bis ins einzelne zu überlegen. Bei einem solchen Besuche war es, daß einer der ältesten und erfahrensten Aufseher zu ihm sagte: „Herr Pastor, Ihre Arbeit ist vergeblich. Wenn die jungen unverdorbenen Leute, die in unser Asyl kommen, nur ein paar Tage neben den ausgelernten Taugenichtsen liegen, so ist fast kein Unterschied mehr zwischen den beiden. Sie müssen sie trennen, damit die Ansteckung nicht so leicht möglich ist.”