Das Wort schlug tief bei Vater ein. Es war ja immer seine Art gewesen, auf guten Ratschlag anderer zu horchen, wie er sich überhaupt nie etwas auf eigene Gedanken zugute tat, sondern bis an sein Ende an der Überzeugung festhielt, daß er nie, so viel die Leute ihn auch rühmten, eigene neue Wege eingeschlagen hätte, sondern immer nur in die Fußtapfen anderer getreten sei, die ihm mit Rat und Tat vorangingen. So griff er denn auch den Rat des alten treuen Aufsehers im Asyl für Obdachlose auf. Hinfort war es sein Feldgeschrei, das er immer aufs neue laut erhob: „Kein Massenquartier mehr, sondern Einzelquartier!” „Keine Anhäufung dicht gelagerter Menschen, sondern Einzelstübchen!” Und bald war die erste „Heimstätte” in Hoffnungstal fertig. Sie barg keine übereinander gebauten Betten, wie in den Herbergen, in den Arbeiterkolonien und vielfach auch in den Kasernen, sondern für jeden müden heimatlosen Gast der Straße einen stillen kleinen Raum, von drei Wänden umschlossen, mit einem Bett und einem verschließbaren Schrankstuhl möbliert, nach oben in den freien Luftraum geöffnet und nach der vorderen Seite zu durch einen dichten Vorhang verschlossen.

Kaum aber war die erste Heimstätte fertig, so eilte Vater zu seinen Freunden in das Asyl. „Wer will nun kommen? Die Arbeit wartet auf euch und euer Stübchen auch.” Da reckten sich wieder die Hände empor; nicht schüchtern mehr, wie an jenem ersten Abend, sondern nun mit heißem Verlangen: „Herr Prediger! Ick, ick! nehmen Se mir mit, nehmen Se mir ooch mit!” Es waren die Stimmen und Hände Versinkender, die im Begriff waren, in dem Sumpf des großen Berliner Morastes unterzugehen, und die sich nun dem Retter entgegenstreckten.

Darum konnte Vater sich auch an der einen Heimstatt nicht genügen lassen, sondern bald kam die zweite und dritte hinzu, und die vierte, fünfte und sechste folgte, alle mit fünfzig bis achtzig Einzelstübchen eingerichtet.

Zur Einweihung der jungen Kolonie aber kam die Kaiserin mit ihrem zweiten Sohne, dem Prinzen Eitel Friedrich, der das Protektorat übernommen hatte. Tief bezeichnend für den Sinn, mit dem die sonst so schlichte kaiserliche Frau und ihr Sohn die Geringsten des Volkes ehrten, war die kaiserliche Pracht, die sie bei dieser Gelegenheit entfalteten. Sie kamen im Viererzuge mit Spitzenreitern — Reiter und Kutscher im friderizianischen Kostüm mit Dreimastern und langen weißen Zöpfen. Ihren Platz hatte sie sich inmitten der Kolonisten erbeten. Die saßen denn auch während der Feier in dichtem Kranz um sie her und dahinter erst der große Kreis der Festgäste.

Am Abend vorher hatte Vater die Probe abgenommen über das Lied, das die Kolonisten während der Feier singen sollten. Er taktierte selbst mit seinem Krückstock, und nie habe ich ein Konzert gehört, das mir mehr zu Herzen gegangen wäre als der Gesang dieser von Schnaps und Elend abgenutzten Kehlen: „Lobe den Herren, o meine Seele! Ich will ihn loben bis in Tod.” Die Einweihungsrede hatte Vater vorher aufgeschrieben, auswendig gelernt und sie seiner Schwiegertochter aufgesagt. Aber als er dann vor der Versammlung stand, konnte er doch nicht anders sprechen, als es ihm im Augenblick ums Herz war.

Wie viele fröhliche Gesichter hat Vater fortan in Hoffnungstal gesehen! Wer ihn einmal ein paar Stunden durch seine geliebten Einzelstübchen mit ihren Bewohnern begleiten konnte, der erlebte einen Anblick, wie er durch keine Pracht und keine Schaustellung der großen Weltstadt, deren Dunst im Süden von Hoffnungstal über dem Horizont lagerte, ersetzt werden konnte. Wie mancher von diesen gehetzten Leuten hatte hier zum erstenmal in seinem Leben eine Stätte des Friedens gefunden, wo Leib und Seele ausruhen konnten, um sich zu stärken für einen neuen und sieghaften Kampf. Mancher von ihnen hatte nie eine Wand über seinem Haupt gehabt, an der er das Bild seiner Mutter oder seiner Kinder aufhängen konnte. Jetzt endlich hatte er seine bescheidenen, wenn auch nicht vier, so doch drei Wände um sich und konnte sie sich mit den Erinnerungen an seine Lieben schmücken. Und wie ruhte es sich des Abends in dieser Einsamkeit! Da konnten sich unbemerkt und unverspottet die Hände einmal wieder falten wie einst in der Kinderzeit. Und manch einer konnte hier seine Mannesehre und seinen Mannesmut wiederfinden, indem er sich in der Stille seines Kämmerchens beugte vor dem lebendigen Gott und dem Heiland der Sünder. Aus solcher Stille aber ging es doppelt fröhlich hinaus an die gesunde Arbeit im wilden Wald oder bei den fröhlich heranwachsenden Obstbäumchen. Darum konnte es nicht anders sein, als daß Vaters Gestalt, wo sie sich auch nur blicken ließ, verfolgt wurde mit vielen dankbaren Blicken und manchem dankbaren Wort.

Bald stellten sich auch die Besucher ein, geringe und vornehme, von nah und fern. Sie wollten die Stübchen sehen, die sie für Hoffnungstal und Lobetal, Gnadental und Neu-Gnadental gestiftet oder auf manchem mühsamen Wege zusammenkollektiert hatten. Sie freuten sich der dankbaren Pietät, mit der jedes Stübchen und jedes Bäumchen den Namen seines Gebers oder seines Sammlers trug, und freuten sich vor allem seiner glücklichen Bewohner. Unter den zahlreichen Besuchern der Kolonie, die immer wieder aus Berlin kamen, war auch eine jüdische Frau gewesen. Vater begleitete sie durch die ganze Kolonie. Als sie alles gesehen hatte, blieb sie stehen und sagte: „Herr Pastor, warum tun Sie das nur für die Männer von Berlin? Haben es die Frauen und Mädchen nicht noch viel nötiger?”

Wie das Wort des alten Aufsehers im Asyl, so schlug auch dies Wort der menschenfreundlichen Jüdin bei Vater ein. Es war ihm, als wenn er an eine große, lang vergessene Schuld erinnert würde. Der Saal mit den betrunkenen Frauen und Mädchen, den er bei seinem ersten Besuch im Asyl für Obdachlose gesehen hatte, trat vor seine Seele, und es beunruhigte ihn tief, daß er über der Not der Männer seine Augen für die Not der Frauen verschlossen hatte. Nun hieß es: „Wir brauchen auch Heimstätten und Einzelstübchen für die sinkende Frauenwelt der großen Stadt.” Und so erhob Vater noch einmal, kurz ehe ihn das erste Mal der Schlaganfall traf, seine Stimme zur Aufrichtung eines weiblichen Hoffnungstals. Bald hatte er auch diesmal wieder den geeigneten Platz gefunden, und wenn seine Kraft auch nicht mehr ausreichte, persönlich die Stelle zu besuchen, so freute er sich um so mehr an den Nachrichten über das fröhliche Aufblühen des neuen Zufluchtsorts, der unter einem von Liz. Bohn geleiteten Komitee im Osten Berlins bei Erkner auf ähnlichem Gelände wie Hoffnungstal den abgehetzten und abgehärmten Frauen und Mädchen seine Einzelstübchen anbot.

Dann aber setzte der Schlaganfall Vaters Arbeit ein Ende. Er war mehrere Wochen nahezu stumm. Es schien, als sollte es still dem Ende zugehen. Statt dessen aber ließ Gottes Freundlichkeit das glühende Herz noch einmal wieder aufflammen, um fast für ein ganzes Jahr die Herrschaft über den zerbrochenen Leib wiederzugewinnen. Sein ganzes Arbeitsfeld konnte er noch einmal überblicken, um, wo es not tat, für die alten Geleise neue Ziele zu weisen. So trat ihm auch für seine geliebten Einzelstübchen noch ein großes neues Ziel vor die Seele. Es war ihm nicht genug, darauf zu dringen, daß alle deutschen Herbergen und Arbeiterkolonien mit dem System der Massenquartiere brechen müßten, auch nicht nur für alle Diakonissen- und Diakonenhäuser wünschte er die gleiche Wohltat, vielmehr trat es ihm mehr und mehr wie eine große gemeinsame Pflicht des Vaterlandes vor die Seele, daß jedem deutschen Manne, der im Dienste des Vaterlandes für zwei Jahre auf seine Freiheit und Heimat verzichtete, als Ersatz dafür in seiner Kaserne solch eine heimatliche Stätte hergerichtet würde, deren unermeßlichen Wert Vater auf so mannigfache Weise erfahren hatte.

Mit Offizieren und Soldaten saß er manchen Nachmittag zusammen und überlegte hin und her, bis es ihm schließlich völlig gewiß wurde: „Es geht, es geht.” Er lud den Kronprinzen ein, einmal Hoffnungstal zu besuchen, und schrieb an den Kriegsminister folgenden Brief: