„Euer Exzellenz

wollen einem ehemaligen Kaiser-Franzer und späteren Feldprediger von 1866 und 1870 erlauben, sein Herz auszuschütten. Er bittet desto kühnlicher darum, als er vielleicht bald zur oberen Armee weiterziehen muß und es ihm keine Ruhe mehr läßt, vorher noch das Folgende vorgetragen zu haben.

Es ist jetzt dreißig Jahre her, daß ich zum erstenmal einem deutschen Ingenieur den Plan eines lenkbaren Flugschiffes auseinandersetzte, ohne daß ich damit durchdrang. Seitdem habe ich denselben Plan alle die vielen Jahre hindurch vielen Ingenieuren und Offizieren dargelegt, habe mir viel Kopfschütteln als über einen unausführbaren Plan gefallen lassen müssen, habe aber, wenn auch durch wichtigere Aufgaben an praktischer Mitarbeit gehindert, doch schließlich die Eroberung der Lüfte erlebt.

In folgendem handelt es sich aber um ein ungleich wichtigeres, höheres Ziel als bloß um die Eroberung der Luft. Darum wird es erst recht das Kopfschütteln vieler hervorrufen, ist eben darum aber auch des Schweißes der Edelsten wert. Worum es sich handelt, ist die Rückeroberung der Armee aus der ansteckenden Luft der Kasernenstuben und die Schaffung einer gesunden Atmosphäre für jeden deutschen Soldaten in einem Einzelquartier.

Ich weiß es aus meiner eigenen Militärzeit und habe es seitdem in einem fast achtzigjährigen Leben ungezählte Male bezeugt gefunden, welche Gefahren das Zusammenleben in den gemeinsamen Quartieren für die Soldaten mit sich bringt. Ein einziger unsauberer Bursche verdirbt oft eine ganze Stube. Und je größer die Stuben sind, desto größer die Gefahr. Es ist nicht in jeder Garnison und in jeder Kaserne gleich. Es gibt auch Stuben, aus denen keine Klagen kommen. Aber im allgemeinen sind die Verhältnisse so, daß nicht dringend genug auf eine Abhilfe gesonnen werden kann. Die Abhilfe aber würde eben darin bestehen, daß jedem Soldaten statt des gemeinsamen Quartiers ein Einzelquartier geboten wird. So nötig die gemeinsame Erziehung der Soldaten ist, so nötig ist als Ergänzung dazu ein bestimmtes Maß von Einsamkeit für jeden einzelnen Mann, wo er sich auf sich selbst besinnen kann. Es ist mir unzweifelhaft gewiß, daß die innere Beschaffenheit unserer Armee um viele Prozente in die Höhe schnellen würde, wenn es gelingt, den einzelnen Mann zu einem höheren Maß von Selbstachtung zu erziehen, indem man ihm ein Einzelquartier gewährt. Die mit solchen Einzelquartieren in der Praxis bereits erzielten Erfolge sind so außerordentlich, daß ich Ew. Exzellenz nicht dringend genug bitten kann, diesem Gegenstand eine ganz besondere Aufmerksamkeit zuwenden zu wollen.

Ich weise dabei auf die unter dem Protektorat Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Eitel Friedrich stehende, von Ihrer Majestät der Kaiserin eingeweihte Kolonie Hoffnungstal bei Bernau in der Mark hin. Während alle übrigen deutschen Arbeiterkolonien das Massenquartier eingerichtet haben, ist die Kolonie Hoffnungstal die erste Kolonie, in der das Einzelquartier zur strengen Durchführung gekommen ist. Der Unterschied zwischen den Kolonien mit Massenquartieren und dieser Kolonie mit Einzelquartieren ist überraschend groß. Während in den übrigen Kolonien trotz eines gleichwertigen Aufsichtspersonals und trotz einer gleich guten Verpflegung die Haltung und der Ton unter den Kolonisten immer noch zu wünschen übrigläßt, ist beides in der Kolonie Hoffnungstal geradezu mustergiltig zu nennen. Obgleich die Bewohner von Hoffnungstal zum größten Teil aus den Berliner Asylen für Obdachlose stammen, die mit ihren Massenquartieren geradezu als Hochschulen des Schmutzes und der Zote angesehen werden müssen, ist in Hoffnungstal jede Zote verschwunden. Kolonisten, die nach Hoffnungstal kommen, haben immer wieder ihrer Verwunderung Ausdruck gegeben, wie es nur möglich sei, unter einer so großen Zahl aus aller Welt zusammengeströmter Menschen eine solche Atmosphäre des Anstandes und der Zucht zu erhalten. Das Geheimnis sind unsere Einzelquartiere. Das Einzelquartier macht es, besser als Worte es können, jedem einzelnen Mann klar, daß er nicht nur als Herdenmensch in Betracht kommt, sondern daß er als Einzelperson vor Gott und vor Menschen seinen besonderen Wert hat. So weckt das Einzelquartier, das jeder Bewohner sich nach seinem eigenen Geschmack ausschmücken kann, den Trieb zur Selbständigkeit, zur Selbstachtung und Selbsterziehung.

Meine Bitte geht nun dahin, daß Ew. Exzellenz einige der entschlossensten, um die Schlagfertigkeit unserer Armee wahrhaft interessierten Offiziere nach Hoffnungstal entsenden möchten und womöglich selbst einmal Hoffnungstal mit seinen 450 Einzelquartieren besuchten, wie es auch der jetzige Herr Kultusminister und sein Amtsvorgänger und auch der Minister der öffentlichen Arbeiten getan haben. Dann würden sich Ew. Exzellenz davon überzeugen, daß der Einwurf, das System sei viel zu teuer, nicht aufrecht gehalten werden kann und daß auch der andere Gegengrund, das System des Einzelquartieres gefährde die Übersichtlichkeit und die rasche Orientierung des Wachthabenden, hinfällig wird. Von Offizieren sowohl wie von Mannschaften ist mir gegenüber das Einzelquartier als durchaus durchführbar und erstrebenswert gebilligt worden.

Schließlich möchte ich noch meiner Überzeugung Ausdruck geben, daß durch die Einrichtung des Einzelquartiers mancher Dienstpflichtige, der sich jetzt aus Scheu vor dem Leben in der Kaserne mühsam zum Einjährigen durchquält, zu dem Entschluß kommen würde, auf die Einjährigen-Dienstzeit zu verzichten und zwei Jahre zu dienen. Das käme der Zusammensetzung der ganzen Truppe sehr wesentlich zugute.

Es würde sich zunächst darum handeln, in einigen Armeekorps, vielleicht nur jedesmal mit einer Kompagnie, Versuche anzustellen. Ich zweifle nicht daran, daß diese eine Kompagnie sich bald in so hohem Maße vor den übrigen ihres Regiments an innerer Qualifikation des einzelnen Mannes auszeichnen würde, daß damit der Siegeszug des Systems der Einzelquartiere gesichert wäre.