[111] Bei einer Leichenfeier in der Universitätskirche in Leipzig sagte der Prediger, ein bedeutender Kanzelredner, in der gehobensten und feierlichsten Sprache: selbst die, die die wissenschaftliche Bedeutung des Mannes nicht zu beurteilen wußten usw. Ich bin fest überzeugt, daß außer mir kein Mensch die drei die gehört hat, obwohl Hunderte von Menschen in der Kirche saßen. Mir waren sie ein Labsal, weil sie Natur sind. Ob sie auch gedruckt worden sind, weiß ich nicht.

[112] In der Dichtersprache wird auch rufen noch wie im alten Deutsch bisweilen mit dem Dativ verbunden (Goethe im Faust: Wer ruft mir? Gellert: Er ruft der Sonn’, er schafft den Mond). Auch hier ist aber dann ein Bedeutungsunterschied; rufen steht hier im Sinne von zurufen, gebieten.

[113] In der ältern Sprache hatte auch berichten den Akkusativ der Person mit nachfolgendem Objektsatz bei sich, z. B. ob sie gleich den Kurfürsten mit Lügen berichteten, die hohe Schule zu Wittenberg wäre die studentenreichste. Heute ist das einzige sinnverwandte Zeitwort, das mit einem Akkusativ der Person und einem Objektsatze verbunden werden kann, das verhältnismäßig junge benachrichtigen.

[114] Nur mit den Bildungen auf bar nimmt man es nicht so genau, wie unentrinnbar zeigt.

[115] Eine ähnlich merkwürdige Bildung wie voller ist Maler, Stücker, Tager, Jahrer in Verbindungen wie: ein Maler drei, ein Stücker drei, ein Jahrer fünf, ein Tager sechs u. ähnl. Hier ist das er der Rest eines rasch und nachlässig gesprochnen oder: ein Stück oder drei. Diese Verbindungen würden sich aber doch in der guten Schriftsprache recht seltsam ausnehmen, sie gehören nur noch der Umgangssprache an.

[116] Nur in Verbindungen wie: ein Kaffee erster Sorte, ein Künstler zweiten Ranges, ein Wagen dritter Klasse, ein Stern vierter Größe bleibt der bestimmte Artikel vor den Ordinalzahlen weg.

[117] Hierher gehört auch der beliebte Fehler: aus aller Herrn Länder, der dem Wohllaut zuliebe entstanden ist: das doppelte ern schien unerträglich. Aber noch unerträglicher ist doch der Akkusativ hinter aus, man schreibe nur, wie sichs gehört: aus aller Herren Ländern.

[118] Nur bei vielgebrauchten Redensarten, an deren eigentliche Bedeutung niemand mehr denkt, wie: im Stande, im Begriff, im Interesse, im Sinne, im Lichte, im Spiegel, zum Besten, ist im Dativ die Verschmelzung vollständig durchgedrungen. Niemand sagt: die Heimat der Indogermanen in dem Lichte der urgeschichtlichen Forschung – Napoleons Tod in dem Spiegel zeitgenössischer Dichtung – wir sind in dem Begriff, abzureisen – ich bin nicht in dem Stande, einen Bissen zu essen. Dagegen läßt sich wohl unterscheiden: das Haus ist wieder in Stand gesetzt worden, und: der Verfasser will uns in den Stand setzen, selbst an der Forschung teilzunehmen. Bei dem bloßen in Stand (d. h. in’n Stand) ist der Artikel verschlungen (vgl. in Händen haben, in Kauf nehmen).

[119] An den Leipziger Pferdebahnwagen war am Hintertritt folgender Satz mit Gänsefüßchen (!) angeschrieben: „Dieser Platz des Hinterperrons bleibt frei.“ Offenbar war der Satz ein Zitat. Aber woher? Büchmann gibt keine Auskunft.

[120] Ein gemeiner Provinzialismus (aus Berlin?), der aber neuerdings rasch Fortschritte macht, ist der Gebrauch von hoch für oben und zugleich für hinauf, herauf, empor, in die Höhe, z. B. hoch kommen, hoch gehen, hoch holen (eine Flasche aus dem Keller); wenn ich einmal hoch bin, dann geh ich nicht gleich wieder runter; ein ebenso gemeiner (aus Wien?) der Gebrauch von oben für hinauf, z. B. oben gehen. In anständigem Deutsch geht man weder hoch noch oben, sondern hinauf.