Auf jeden Fall sollten folgende stilistische Haus- und Lebensregeln beobachtet werden: 1. schreibe Zeitwörter, nicht Hauptwörter! 2. schreibe Hauptwörter, nicht Fürwörter! 3. schachtle nicht, sondern schreibe Nebensätze! 4. schreibe laut! schreibe nicht immer bloß für die Augen, sondern vor allem auch für die Ohren! Mit der Beobachtung dieser Regeln und Ratschläge wird man freilich noch lange kein großer Schriftsteller, aber ohne sie auch nicht. Die Schriftstellerei ist eine Kunst, und jede Kunst hat ihre Technik, die gelehrt und gelernt werden kann. Wie der Maler malen, so muß der Schriftsteller schreiben können, und der geistvollste Schriftsteller kann sich um alle Wirkung bringen, wenn er seine Leser aller Augenblicke durch Ungeschicklichkeiten und lumpige technische Schnitzer stört und ärgert.

Zum Wortschatz und zur Wortbedeutung

Die Stoffnamen

Zahllose Fehler und Geschmacklosigkeiten werden in der Wahl und der Anwendung der Wörter begangen.

Alle Stoffnamen wie: Wein, Bier, Blut, Eisen, können von Rechts wegen nur im Singular gebraucht werden, und so priesen denn auch früher unsre Kaufleute nur ihren guten Lack oder Firnis an, auch wenn sie noch so viel Sorten hatten. Von einigen solchen Wörtern hatte man aber doch gewagt, den Plural zu bilden, um die Mehrzahl der Sorten zu bezeichnen, und wir haben uns allmählich daran gewöhnt. Schon das sechzehnte Jahrhundert kannte die Plurale: die Bier, die Wein, im Faust heißt es: ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, doch ihre Weine trinkt er gern, und die Chemie und die Technologie reden schon lange von Ölen und Fetten. Neuerdings wird aber doch diese Pluralbildung in unerträglicher Weise ausgedehnt; man empfiehlt nicht nur Lacke, Firnisse, Öle und Seifen, sondern auch Mehle, Grieße, Essige, Salate, Honige, Tabake, Zwirne, Garne, Wollen (Strick- und Häkelwollen!), Tuche, Seiden, Flanelle, Plüsche, Tülle, Battiste, Kattune, Damaste, BarchenteTees, Kaffees, Kakaos, Buckskins usw. Diese Formen, die die immer rücksichtsloser werdende Reklamesprache unsrer Kaufleute geschaffen hat, haben etwas stammelndes, sie klingen wirklich wie Kindergelall. Wenn auf diesem Wege weitergegangen würde, müßte man in Zukunft auch Wachse, Leime, Kalke, Porzellane, ja sogar Fleische, Wurste, Korne, Glase, Stahle anpreisen können. Denn Würste, Körner, Gläser, Stähle (Plättstähle sagt man in Leipzig) sind doch etwas andres, sie bezeichnen die einzelnen Stücke, aber nicht die Sorten; ähnlich die Kälke, von denen die Gerber früher sprachen. Die Geologen reden bereits von Sanden und Tonen, statt von Sand- und Tonarten. Wo ist die Grenze? Und wie will man überhaupt eine Mehrzahl bilden von Schiefer, Zucker, Obst, Milch, Butter, Käse, Leinwand, Flachs, Spiritus, Petroleum? Das Bedürfnis, die verschiednen Sorten auszudrücken, ist doch bei diesen Dingen gewiß ebenso stark wie bei andern. An der Firma einer Leipziger Handlung steht: Stahl aller Art. Wie vornehm klingt das! Man freut sich jedesmal, wenn man vorbeigeht. Wie dumm dagegen ist die Mehrzahl Abfallseifen! Wenn es irgend etwas gibt, was man nicht in den Plural setzen kann, so ist es doch das Sammelsurium, daß man als „Abfallseife“ bezeichnet.

Ein wunderliches Gegenstück zu diesen anstößigen Pluralen ist es, daß von manchen Wörtern die Mehrzahl jetzt auffällig vermieden wird. Von den schönen Haaren einer Frau zu sprechen, gilt nicht für fein; nur daß sie schönes Haar habe, hört sie gern. Und beim Schneider bestellt man sich nicht mehr neue Hosen – das wäre ja ganz plebejisch! –, nein, eine neue Hose. Was will man denn aber mit einer Hose? Man hat doch zwei Beine, also wird man auch immer ein Paar Hosen brauchen. Hose bedeutet doch nur die zylinderförmige Hülse für ein Bein. Vornehme Leute haben allerdings auch keine Beine mehr, sondern nur noch Füße. Ich habe mich an den Fuß gestoßen, sagt die feine Dame; wenn man sie aber nach der Stelle fragt, zeigt sie – auf den Oberschenkel.

Verwechselte Wörter

Nicht bloß Kindern, auch Erwachsenen, oft sogar recht „gebildeten“ Erwachsenen begegnet es, daß sie ein Wort in falschem Sinne gebrauchen oder zwei Wörter oder Redensarten miteinander verwechseln oder vermengen. Es fehlt ihnen dann an der nötigen Spracherfahrung. Sie haben die Wörter noch nicht oft genug gehört, oder sie haben nicht scharf genug auf den Zusammenhang geachtet, worin ihnen die Wörter vorgekommen sind, und so verbinden sie nun einen falschen Sinn damit. Es gibt Bücher über Shakespeares, Goethes, Schillers Frauengestalten. Darunter hat wohl noch niemand etwas andres verstanden als die Frauen in den Werken der drei Dichter. Vor kurzem ist aber ein Buch erschienen: Lenaus Frauengestalten. Das behandelt „diejenigen (!) Frauen, welche (!) bedeutsam (!) in das Leben und Werden (!) Lenaus eingegriffen haben“. Wenn eine solche Begriffsverwechslung einem Schriftsteller begegnet, dann kann man den Schenkwirten keinen Vorwurf machen, wenn sie neuerdings mit Vorliebe auf die kleinen Preise ihrer Speisekarte aufmerksam machen. Zwischen Preis (praemium) und Preis (pretium) ist ein Unterschied. Große und kleine Preise gibt es bei Preisausschreiben und Preisverteilungen; im Handel aber gibt es nur hohe und niedrige oder billige oder mäßige Preise. Man scheint zu glauben, daß man durch niedrige Preise das Publikum beleidige; Sängerinnen veranstalten schon Konzerte zu volkstümlichen, sogar populären Preisen.[154] In den Zeitungen kann man jeden Tag lesen, daß ein Erkrankter oder ein Verunglückter in das oder jenes Krankenhaus eingeliefert worden sei. Welche Roheit! Ein Verbrecher wird ins Gefängnis eingeliefert, nachdem er verhaftet worden ist, aber doch nicht ein armer Kranker!