Vorbestrafen. Lieblingswort aller Polizeireporter und aller Berichterstatter über Gerichtsverhandlungen: ein schon zehnmal vorbestrafter Kellner – ein schon fünfzehnmal vorbestrafter Riemergeselle – ein schon vielfach, sogar mit Zuchthaus, vorbestraftes Subjekt. Als ob nicht bestraft genügte! Müssen denn nicht, wenn einer „schon oft“ bestraft worden ist, diese Strafen vor der liegen, die ihn jetzt erwartet! Der Unsinn ist aber nicht auszurotten. Vielleicht schreibt man nächstens auch noch: eine bisher noch unvorbestrafte Verkäuferin.
Vorsehen, nicht als reflexives, sondern als transitives Zeitwort: etwas vorsehen. Binnen wenigen Jahren mit ungeheurer Schnelligkeit in der Kanzlei- und Zeitungssprache verbreitet, für denkfaule Leute wieder ein willkommner Ersatz für alle möglichen Zeitwörter. Auf dem Gymnasium wird man im lateinischen Unterricht ermahnt, providere ja nicht mit vorsehen zu übersetzen, es sei das ein gemeiner Latinismus; gut übersetzt heiße es: für etwas sorgen, Fürsorge oder Vorsorge treffen, etwas vorbereiten. Dieser „gemeine Latinismus“ ist der neueste Stolz der Kanzlei- und Zeitungssprache: Sache der Übungsbücher ist es, eine geordnete Folge von Übungen vorzusehen – zur Erhöhung der Beamtengehalte sind für das Jahr 1904 keine Mittel vorgesehen – die Erstaufführung (!) ist für die Saison 1903 am Leipziger Stadttheater vorgesehen – als Verbindung zwischen beiden Straßen ist eine Allee vorgesehen – für die Rasenrabatten ist die übliche niedrige Einfassung vorgesehen – für den Speisesaal ist Rokoko vorgesehen – die Selbstregierung, die das Friedensinstrument vorsieht – die zu einer Ferienreise vorgesehenen Ersparnisse der Schulkinder – das Richtfest der hiesigen Kirche ist auf Sonnabend den 5. November vorgesehen – für den Besuch Sr. Majestät in der Handelsschule ist folgendes Programm vorgesehen – für den Abend ist ein Fackelzug vorgesehen usw. Also sorgen, beabsichtigen, planen, bestimmen, festsetzen – alles wird mit diesem aus reiner Dummheit dem Lateinischen nachgeäfften vorsehen ausgedrückt!
In die Wege leiten. Herrliche neue Modephrase der Amts- und Zeitungssprache für – ja, wofür? Eigentlich für gar nichts. Anstatt einfach zu sagen: es wurde eine starke Seemacht geschaffen – er hat mancherlei Technisches unternommen – die Veranstaltung wird schon jetzt vorbereitet – es wäre zu wünschen, daß ein solches Amt eingerichtet würde – heißt es: die Schaffung einer starken Seemacht wurde in die Wege geleitet – er hat mancherlei technische Unternehmungen in die Wege geleitet – die Vorbereitungen zu der Anstalt werden bereits in die Wege geleitet – es wäre zu wünschen, daß die Organisation eines solchen Amtes in die Wege geleitet würde. Und ein Unterbeamter schreibt an den andern: ich bitte, das Weitere baldgefälligst (!) in die Wege leiten zu wollen.
Werten und bewerten. Neben einschätzen (vgl. [S. 377]) seit kurzem äußerst beliebte Spreizwörter für schätzen, beurteilen, für etwas ansehen oder halten. Bisher kannte man nur verwerten und entwerten. Jetzt wird aber alles gewertet oder bewertet: in Schlesien weiß man die Kraft, die aus der Muttererde strömt, wohl zu werten – diese Luxusausgaben werden im Handel bereits hoch bewertet – seine Schriften verraten eine selten (!) hohe Wertung der Ehe – es drängt sich die Frage auf, wie ein sächsischer Offizier einem preußischen gegenüber zu bewerten sei – wir können diese Urteile nicht als Urteile eines ernsthaften Journalisten bewerten – diese Abweichung von der Regel dürfte als nicht ganz sachgemäß bewertet werden – man muß die Ausdrucksweise einer Zeit kennen, wenn man ihre Freundschaften und Liebschaften bewerten will – die Monarchenzusammenkunft wird in der N. A. Z. mit folgenden Worten gewertet – beide, er wie sie, wollen selbständig gewertet werden – bei der wissenschaftlichen Wertung des Problems tut vor allem Nüchternheit not – man muß die juristische Bewertung des Falles abwarten – ja sogar: die Bewertung und Beurteilung (!) dieser Bilder wird neu festzustellen und zu modifizieren sein – was eine Südländerin von Temperament als Lebensforderung einschätzt und wertet (!) – und das Neueste und Schönste von allem: baugeschichtliche Feststellungen geben uns die Möglichkeit, die Entstehungsbedingungen dieser Baukunst sicher einzuwerten (also aus werten und einschätzen ein drittes Wort zusammengeknetet!). Woher stammen die herrlichen Wörter? Aus der Börsensprache, die von der Bewertung des umlaufenden Edelmetalls spricht? Oder von Nietzsche?
Zeitigen. Für hervorbringen, schaffen: es ist eine armselige Literatur, wie sie noch keine Periode der Musikgeschichte gezeitigt hat.
Zubilligen. Für bewilligen oder zugestehen: den Arbeitern wurde eine Unterredung zugebilligt – jeder höhern Lehranstalt sind für Bibliothekzwecke jährlich tausend Mark zugebilligt – die Hinterbliebenen haben mir das Recht der Veröffentlichung zugebilligt.
Zukommen, auf etwas. Beliebtes neues Ersatzwort des sächsischen Kanzleistils für alles mögliche, für: an etwas denken, etwas ins Auge fassen, etwas beschließen, sich zu etwas entschließen, sich auf etwas einlassen: wenn man auf die Ausführung dieses Gedankens zukommen wollte, so wäre jetzt der geeignete Augenblick – es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß auf einen Aufbau der Türme zuzukommen sei – wann wird man an den höhern Schulen auf eine Verminderung der Unterrichtszeiten zukommen.
Bislang. Für bisher. Provinzialismus aus Hannover, nach 1866 stark verbreitet, heute ziemlich vergessen.
Da und dort. Modeverbindung für hie und da: unter den technischen Schwierigkeiten klingt doch da und dort ein tieferer musikalischer Sinn heraus.
Erstmals. Neues Spreizwort für zuerst oder zum erstenmal: eine Fülle von Material ist in diesem Buche erstmals erschlossen. (Vgl. erstmalig [S. 407])