Daraus schlossen sie, daß die äußeren Tatsachen nicht alles bedeuten. Man muß sie durch die Psychologie vervollständigen. Ohne die Einbildungskraft ist die Geschichte lückenhaft. — „Lassen wir uns ein paar historische Romane kommen!“

V

Sie lasen zunächst Walter Scott.

Es war, als tue sich eine neue Welt vor ihnen auf.

Die Menschen der Vergangenheit, die für sie nur Schemen oder Namen gewesen waren, wurden nun lebende Wesen, Könige, Fürsten, Hexenmeister, Diener, Waldhüter, Mönche, Landstreicher, Kaufleute und Soldaten, die berieten, kämpften, reisten, Handel trieben, aßen und tranken, sangen und beteten, im Waffensaale der Schlösser, auf der schwarzen Bank der Herbergen, in den gewundenen Straßen der Städte, unter dem Schutzdache der Buden, im Kreuzgange der Klöster. Künstlerisch komponierte Landschaften bilden wie eine Theaterdekoration den Schauplatz der Szenen. Man verfolgt mit den Augen einen Reiter, der auf dem Strande galoppiert. Man atmet den frischen Wind inmitten der Ginstersträucher, der Mond erhellt Seen, auf denen ein Boot dahingleitet, die Sonne erglänzt auf Panzerhemden, der Regen fällt auf grüne Lauben. Ohne die Originale zu kennen, fanden sie diese Zeichnungen ähnlich, und die Illusion war vollkommen. So ging der Winter hin.

Wenn sie gefrühstückt hatten, ließen sie sich in dem kleinen Saale zu beiden Seiten des Kamins nieder; und mit einem Buche in der Hand einander gegenübersitzend, lasen sie still. Wenn der Tag sich neigte, gingen sie auf der Landstraße spazieren, nahmen in Eile ihr Mahl und setzten ihre Lektüre nach Tische fort. Um sich gegen das Lampenlicht zu schützen, trug Bouvard eine blaue Brille; Pécuchet zog den Schirm seiner Mütze tief in die Stirn.

Germaine war nicht fortgegangen, und Gorju kam von Zeit zu Zeit, um den Garten umzugraben, denn sie hatten aus Lässigkeit, aus Gleichgültigkeit gegen die materiellen Dinge nachgegeben.

Nach Walter Scott ergötzte sie Alexandre Dumas wie eine Zauberlaterne. Seine Personen, hurtig wie Affen, stark wie Stiere, fröhlich wie Buchfinken, kommen und sprechen unvermittelt, springen von den Dächern auf das Pflaster, erhalten schreckliche Wunden, von denen sie geheilt werden, werden für tot gehalten und erscheinen wieder. Es gibt Falltüren im Fußboden, Gegengifte, Vermummungen, und alles geht durcheinander, rennt und entwirrt sich, ohne dem Leser eine Minute Zeit zum Nachdenken zu lassen. Die Liebe bewahrt den Anstand, der Fanatismus ist fröhlich, die Blutbäder erregen ein Lächeln.

Nachdem sie durch diese beiden Meister anspruchsvoll geworden waren, konnten sie den Schwulst Belisars, die Einfalt des Numa Pompilius, Marchangys, des Vicomte d’Arlincourt nicht mehr ertragen.

Die Farbe erschien ihnen bei Frédéric Soulié (ebenso wie bei dem Bibliophilen Jakob) ungenügend, und Herr Villemain erregte ihr Ärgernis dadurch, daß er auf S. 85 seines Lascaris eine Spanierin einführt, die eine Pfeife raucht, „eine lange arabische Pfeife“, mitten im fünfzehnten Jahrhundert.