Die warme Luft verursachte ihnen ein merkwürdiges Wohlbehagen, und ihre Gedanken, die eben noch stürmisch gewesen waren, wurden linde, wie Wogen, die sich glätten.

Sie hörten das Evangelium und das Credo an, folgten den Bewegungen des Priesters. Die Alten indessen wie die Jungen, die Bettelweiber in ihren Lumpen, die Pächtersfrauen in hoher Haube, die kräftigen Burschen mit blonden Backenbärten, sie alle beteten, in die gleiche tiefe Freude versunken, und sie sahen auf dem Stroh eines Stalles den Leib des Gottesknaben wie eine Sonne leuchten. Dieser Glaube der andern rührte Bouvard trotz seiner Vernunft und Pécuchet trotz der Verstocktheit seines Herzens.

Dann wurde es still; alle Rücken beugten sich, und beim Klange eines Glöckchens begann das kleine Lamm zu blöken.

Der Priester zeigte die Hostie, er hielt sie mit ausgestreckten Armen empor, so hoch er konnte. Und Jubelgesang erscholl und rief die Welt zu den Füßen des Königs der Engel. Unwillkürlich fielen Bouvard und Pécuchet ein, und es war ihnen, als ob eine Morgenröte heraufzöge in ihrer Seele.

IX

Am folgenden Tage um drei Uhr fand Marcel sich wieder ein, mit grünem Gesicht, roten Augen, einer Beule an der Stirn, zerrissener Hose, nach Branntwein riechend und in unsauberem Zustande.

Wie er alljährlich zu tun pflegte, hatte er sechs Meilen von dort in der Nähe von Iqueville bei einem Freunde das Weihnachtsmahl gehalten; — er stotterte mehr als je, weinte, wollte sich schlagen und flehte um Gnade, als wenn er ein Verbrechen begangen hätte. Seine Herren verziehen ihm. Eine merkwürdige Ruhe der Seele stimmte sie zur Nachsicht.

Der Schnee war plötzlich geschmolzen, und sie gingen in ihrem Garten umher, die warme Luft einatmend, voll Freude am Leben.

War es nur ein Zufall, der sie vom Tode abgelenkt hatte? Bouvard war weich gestimmt. Pécuchet gedachte seiner ersten Kommunion; und während sie voller Dankbarkeit für die Macht, für die Urkraft waren, von der sie abhingen, kam ihnen der Gedanke, fromme Bücher zu lesen.

Das Evangelium hob ihre Seele, blendete sie wie eine Sonne. Sie sahen Jesus, wie er auf dem Berge stand, erhobenen Armes, die Menge darunter, die ihm zuhörte, — oder auch am Ufer des Sees unter den Aposteln, die Netze zogen, — dann auf der Eselin inmitten des Hallelujarufens, während sein Haar mit schwanken Palmwedeln gefächelt wurde, — schließlich oben am Kreuze gebeugten Hauptes, von dem ewig ein Tau auf die Welt herabträufelt. Was sie hinriß, was sie ergötzte, das war die Liebe zu den Niedrigen, das Eintreten für die Armen, die Erhöhung der Unterdrückten. Und in diesem Buche, in dem der Himmel sich entfaltet, gab es nichts Theologisches trotz all des Lehrhaften; kein Dogma, keine Forderung als nur die der Reinheit des Herzens.