Er stellte sich ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen von zartem Gemüt und fröhlichem Sinn vor, das das Haus mit der Anmut seiner Jugend erfüllte; und der Biedermann weinte, als sei er ihr Vater gewesen und sie soeben gestorben.
Dann wollte er Viktor entschuldigen und führte Rousseaus Anschauung ins Feld: Das Kind ist für sein Tun nicht verantwortlich, kann nicht moralisch oder unmoralisch sein.
Diese Kinder jedoch, so meinte Pécuchet, seien alt genug, um Unterscheidungsvermögen zu haben, und sie studierten, wie man sie bessern könne. Soll eine Strafe wirksam sein, sagt Bentham, so muß sie in Beziehung zu der Verfehlung stehen, deren natürliche Folge sie ist. Das Kind hat eine Scheibe zerbrochen; man soll keine wieder einsetzen; möge es unter der Kälte leiden; verlangt es, schon gesättigt, von einem Gericht, so gebe man ihm noch davon; eine Verdauungsstörung wird schnell Grund zur Reue geben. Ist es faul, so möge es ohne Arbeit bleiben; auf sich selbst angewiesen, wird die Langeweile es zur Arbeit zurückführen.
Doch Viktor würde nicht unter der Kälte leiden, seine Konstitution konnte Außergewöhnliches ertragen, und das Nichtstun würde ihm willkommen sein.
Sie wandten das entgegengesetzte Verfahren an, die heilsame Bestrafung; Strafarbeiten wurden ihm aufgegeben; er wurde noch fauler; man gab ihm kein Eingemachtes mehr; er wurde noch naschhafter. Vielleicht würde die Ironie Erfolg haben? Als er einmal mit schmutzigen Händen zum Frühstück gekommen war, verspottete ihn Bouvard, nannte ihn hübscher Kavalier, Stutzer, Dandy. Viktor hörte mit gesenktem Kopfe zu; dann wurde er plötzlich blaß und warf seinen Teller nach Bouvards Kopf; wütend, ihn verfehlt zu haben, stürzte er sich auf ihn. Drei Männer hätten Mühe gehabt, ihn zu halten. Er wälzte sich auf dem Boden und versuchte zu beißen. Pécuchet bespritzte ihn von weitem aus einer Wasserflasche; er beruhigte sich sogleich, war aber zwei Tage hindurch heiser. Das Mittel taugte nichts.
Sie griffen zu einem andern; bei dem geringsten Anzeichen von Wut behandelten sie ihn als Kranken und brachten ihn zu Bett; Viktor befand sich wohl darin und sang. Eines Tages stibitzte er aus der Bibliothek eine alte Kokosnuß und war dabei, sie zu zerspalten, als Pécuchet dazukam:
„Meine Kokosnuß!“
Sie war ein Andenken an Dumouchel. Pécuchet hatte sie von Paris nach Chavignolles mitgebracht und gestikulierte vor Entrüstung mit den Armen in der Luft. Viktor fing an zu lachen. „Alterchen“ hielt nicht mehr an sich, und vermittels einer kräftigen Maulschelle beförderte er den Bengel in den Hintergrund des Zimmers; dann suchte er, vor Erregung zitternd, Bouvard auf, um ihm sein Leid zu klagen.
Bouvard machte ihm Vorwürfe.
„Stellst du dich an mit deiner Kokosnuß! Die Schläge verdummen, der Schrecken entnervt. Du erniedrigst dich selbst!“