Da stieg vom Küchengeschoß ein Lied zu uns auf, fremd und zehrend und leidbeschwert. Der Hausherr richtete sich stehend hoch auf und ging zum Fenster. Gequältheit über den sonst so beherrschten Zügen, lauschte er in den Traumglanz des Mondgartens, lauschte ... Dann schob er seinen Lehnstuhl uns nahe, und ich hörte ihn die Rilkeschen Verse klagen:

Mich rühret so sehr
Böhmischen Volkes Weise;
Schleicht sie ins Herz sich leise,
Macht sie es schwer.
Wenn ein Kind sacht
Singt beim Kartoffeljäten,
Klingt dir sein Lied im späten
Traum noch der Nacht.
Magst du auch sein
Weit über Land gefahren,
Fällt es dir doch nach Jahren
Stets wieder ein.

Langsam entquollen die Silben seiner zerquälten Stimme, als müsse der Schönheit dieser Nacht eine Opferung werden.

Ich wollte ihm von Rilke sprechen und von der Seltsamkeit der Gedichte, die die Fremde ihm geschenkt hatte. Ob er seinen großen Landsmann nicht aufsuche? Doch ich ward stumm, als meine Augen sich zu den seinen hoben, denn die dichteten das Weh dieses Liedes vom vergangenen Glück mit preisgegebener Seele fort ...

Die andern, der deutschen Sprache und dem Dichter unvertraut, hatten flüsternd wieder zu reden begonnen.

Düfte welkender Veilchen flogen von den Tischen und schufen wehvolle Müdigkeit.

Dann gingen wir unter den leuchtenden Wundern schwimmender Wolken den Dämmerungen der werdenden Morgenstadt zu, in langem Wandern. Wer sprach es aus? Einer der Gruppe wußte unseres Gastgebers Leid, wie er als Jüngling Haus und Land gelassen, die Mutter tot, und er für immer vom Vater gegangen. Ringend mit seiner Heimwehnot, sei er ein Hort geworden allen Landesgenossen in der fernen Fremdstadt. Nur die Alte, die ihn als Kind gesehen, und ihre Lieder seien ihm Brücke zu seinem Land.

Glocken schwangen schwermütig in den entbrennenden Morgen ... schwangen traurig in meinen Pulsen, in meinen Schläfen ...

Frierend schauerte ich auf, Kälte faßte mich an, Eiswind hatte das Feuer im Ofen gepackt und erwürgt. Die Glocken der Nordstadt läuteten ... läuteten der Geburt des Jahres 1919 ...

Sein Anfang trug mir über die Vision des Geschauten hinweg neue Wirrnis zu. So war Auflehnung gegen Vater und Mutter nicht nur Begleiterscheinung von Krieg, Revolution und der durch sie gezeugten Verwilderung? War auch das Verhältnis von Eltern und Kind – wie Frau von Staël von der Liebe behauptet – ein ewiger Kriegszustand, der hier zur Niederlage, dort zum Sieg, zuweilen nur zu gerechtem Ausgleich wird?