Tausend Schiffe waren seither zu Inseln gezogen, wo Freude glänzt. Tausend Züge waren hingeleitet in Städte, die nichts kannten von dem Leid, das auf uns gefallen. Tausende Menschen waren besonnte Pfade gegangen, und wir durch schwarzes, entwirrloses Gestrüpp. Tausende Menschen hatten schimmernde Früchte gebrochen, und wir die Hände nach einem Stück trockenen Brotes durch Kerkerstäbe gereckt. Tausende Menschen hatten die süßen Abenteuer des Lebens an sich gepreßt, und wir die unerhörten Nöte des Todes ...!
Durfte ich der Jugend zürnen, ihr, der kein »Einst« verschüttet, kein Vergleichen gegeben war, daß sie selbst solcher Zeit Lust abzwang? Daß sie nicht länger vor der verhangenen Schaubude des Lebens harren wollte? Den Eintritt sich ertrotzte? Die Hüter der Pforte überrannte?
Die Zeitungen schrien die »Not des Tages« in jeden Morgen, jeden Abend. Sie malten die Schauer der Todespein im Osten und warben flehend zu freiwilligem Grenzdienst. Von Finanzwissenden verbreitete Artikel besprachen das Für und Wider des Staatsbankerotts und schufen Panik. Blutrote Geschichten von Vergehen und Bolschewistengreueln färbten lange Spalten der Tagesblätter. Die Seuche der Streiks – meldeten sie – breitete sich wie eine bösartige Flechte über das ganze große Land. Bilder malten so weiter: Gehärtete Proletarierfäuste streckten sich drohend hoch. Das Rund eines Riesenmunds brüllte den Landsleuten: »Arbeiten und nicht verzweifeln!« zu. Parteien verlangten – eine andere höhnend – mehr Mitglieder. Die antworteten mit Lästerungen ...
Dazwischen aber tanzen und lächeln zierlich gezeichnete Pierretten und Harlekins. In allen Stadtteilen aufwachsende Maskengeschäfte rufen ihre Wohnungen aus. Daneben ergeht auf langen Reihen der immer wiederholte Schrei nach Maskenkleidern, bei Sonderwünschen mit der Versicherung, daß der Preis Nebensache bliebe. Diese Zeitungsspalten wachsen vom Morgen zum Abend, dehnen sich vom Abend zum Morgen länger aus, bis die seltensten Lebensmittel zum Tausche für jeden Maskengegenstand geboten werden. Die hungernde, frierende Stadt fiebert der Nacht und ihren Karnevalsfreuden entgegen.
Ihre nüchternen Nordlandsstraßen, tagsüber von Menschen mit grauen, verzehrten Gesichtern begangen, tragen in kalter Frühe südlichen Putz: papierne Schlangen, zitronengelb und gewunden über naßschwarzen Steinen, pfaublaue Kringel, in die lehmigen Wasser der Gasse gekrümmt, in allen Pfützen flammrot kreiselnde Wunden, grasgrüne Bänder um Telegraphendrähte geklammert. Und von den Simsen hebt der Wind weiße Vögel flatternd zur Höhe.
Sie alle schimmern ein eintägiges Leben lang. Die Straße aber erwacht in nächster Morgenfrühe mit dem Schmuck ähnlicher Formen in immer wechselndem Farbenrausch.
War es der Ruf nach den verlorenen Fernen der Freuden und der Frühlinge, der mich führte? Der bleiche Gedanke, meine Söhne mir enger zu verbinden, wenn ihre Feste die meinen würden? Eines Spätabends schritt auch ich neben Ludwig und Henno über die feuchten Straßen der entlegenen Vorstadt zu einem jener großen Bälle, die Maske und Gesellschaftsanzug gestatteten.
Die vielen Räume des Hauses dienten dem Tage mit sachlicher Nüchternheit. Die Abende aber schufen aus ihnen verwunschene Säle, in denen die Menschen aus ihrer Zerstreuung in die Welt sich heimfanden zu träumerischem Wahn des Vereintseins: braunfarbene Bajaderen mit schmächtigen Armen und langgezopfte Chinesen in schilfgrünem Atlasgewand, neapolitanische Bettelknaben und derbknochige Kriegsgewinnlerfrauen in überputztem Ballkleid und allzu kühnem Halsausschnitt, langbeinige Matrosen neben steilen, hohen Mädchen von unsagbarer Herkunft, behäutete Lappländer und weißumwallte Beduinen, Schauspielerinnen in köstlichen Schleierwindungen, wandelnde Blumen und Kammerzofen in sehr geschmackarmer Verkleidung, rätseläugige Pierretten, mondblasse Hanswürste und irrende Ritter durch diese Welt ...
Geigenbögen sprangen jauchzend über die Saiten. Flöten griffen ein paar trunkene Takte auf und schütteten sie wild über die Massen aus. Regenbogene Papierschlangen zuckten über die Köpfe hin und bebänderten feierliche Fracks und ernste Mönchskutten, und ein grün-gelb-rot-blauer Schneefall verhängte dies bizarre Bild zuweilen bis zur Unsichtbarkeit.
Es war nicht mühelos, sich hier zu finden. Doch hatte sich bald ein kleiner Kreis um uns geschlossen. Aus braundunkel verhängter Nische blieben wir nunmehr wechselnd Zuschauer und Mitwirkende des draußen vorübertosenden Spiels.